Tag Archives: Heimatkunde

Aufstieg und Niedergang

Lothar Hiemeyer beschreibt das renommierte Gunzenhäuser Handelshaus Faulstich

Ludwig Faulstich war der Gründer des Großhandelshauses. Foto: Stadtarchiv

Die alten Gunzenhäuser reden vom „Faulstichs-Haus“, wenn sie das prächtige Geschäftshaus am Marktplatz 17 meinen, in dem später die Familie Zuber ihr Großhandelsunternemen betrieben hat. Deshalb ist auch vom „Zubers-Haus“ die Rede. Heute hat das Gebäude eine Mehrfachnutzung durch das Schuhhaus Hofmann, des Notariat von Dr. Christian Vedder/Dr. Heike Stiebitz, das Kompetenzzentrum für Körper und Bewusstsein von Imke Götz, der Firma „Welt der Tracht“ und der Psychologiepraxis von Claudia Birzer. Die Familie Faulstich war sehr vermögend und das ihr über mehrere Generationen geleitete Großhandelsunternehmen hatte internationale wirtschaftliche Beziehungen. Der Lokalhistoriker Lothar Hiemeyer kennt dessen Aufstieg und Niedergang. In der aktuellen Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ skizziert er detailreich die Geschichte des Hauses.

Mit dem Lebküchner Johann Georg Faulstich tritt 1721 der erste Träger dieses Namens mit Bürgerrecht in Gunzenhausen auf. Dessen Sohn Johann Nikolaus wollte eigentlich eine Färberei aufbauen, bekam dafür aber keine Zulassung, so dass er sich für eine „Krämershandlung“ in der Sonnenstraße 2 entschied. Wie Hiemeyer nach aufwändigen Recherchen feststellt, war das die eigentliche Basis für den Erfolg des Handelshauses Faulstich. Wiederum dessen Sohn Johann Joachim führte ab 1775 eine „Spezerei“ (mit Salzhandel). Von nun an wird die Familiengeschichte kompliziert, denn es treten gleich vier Faulstichs in Erscheinung (I, II, III und IV genannt).

Besagter Ludwig I heiratete die Merkendorfer Pfarrerstochter Regina Zellfelder, die aber bald starb, so dass er die Nördlingerin Rosina Caroline Erhard ehelichte, die ihm vier Kinder schenkte.  1841 erwarb er das großräumige Haus am Marktplatz 17, das heute die oben erwähnten Firmen beherbergt. Der Kolonialwarenhandel wurde ergänzt durch Gewürze, Saatgut,  Zucker, Kakao, Tabak und Reis. Der Siegeszug des Kaffees traf somit auch in Gunzenhausen ein. Die Rösterei Faulstich war neben „Kathreiner“ die größte in Bayern. Nebenher vermittelte der Chef auch Schiffspassagen für auswanderungswillige Deutsche nach Amerika. Die Söhne Ludwig II und Friedrich setzten das Werk des Vaters fort. Beide waren gesellschaftlich engagiert und gehörten zu den Gründern der Feuerwehr, des Turnvereins und des Vereins von Altertumsfreunden (heute: für Heimatkunde). Die Faulstichs gehörten zur elitären Casino-Gesellschaft, ihre Hausdame war omnipräsent.


Die Initialen LF zieren bis heute den Eingang. Foto: Falk

Ludwig III studierte an der Handelshochschule Leipzig und unternahm eine Schiffsreise nach Amerika, um neue geschäftliche Kontakte anzubahnen. Der junge Mann trat in die Fußstapfen der Vorgänger, die alle den „ehrbaren Kaufmann“ verkörperten, eine ehrliche, sittliche und moralische Einstellung gegenüber Mitarbeitern und Kunden hatten. Ludwig III nahm Frieda Bestelmeyer, die erst 19 Jahre alte und somit minderjährige Bahnhofrestaurateurstochter. Sie brachte eine „Aussteuer“ von 25000 Mark in bar in die Ehe ein. Ihr Schwiegervater erhielt vom bayerischen König den Ehrentitel „Kommerzienrat“. Der ließ sich nicht lumpen und spendete fleißig, damit Wilhelm II. seinen Krieg finanzieren konnte.

Wie Lothar Hiemeyer  eruierte, hat das Unternehmen den Ersten Weltkrieg gut überstanden. Ludwig III übernahm  nach seines Vaters Tod die alleinige Verantwortung, aber er war nach dem Urteil der restlichen Familie nicht der geborene Unternehmer. Er holte sich einen „Compagnon“ in die Geschäftsführung und näherte sich mehr oder minder offensichtlich Elsa Seller, der Jugendfreundin seiner Frau. Das Verhältnis führte nicht nur zu einer Ehekrise, auch die Öffentlichkeit bekam die Liason mit der Dame mit.  Dass sie eine Jüdin war, das gefiel natürlich den herrschenden Nazis in der Stadt gar nicht. Sie sprachen von „rasseschänderischem Verkehr“. Der Druck auf die junge Frau war so stark, dass sie sich 1937 im Amtsgerichtsgefängnis erhängte. Ludwig III war nur kurze Zeit in Haft, aber er roch sozusagen den Braten und verkaufte eine Immobilie nach der anderen.  Es kam 1937 zum Verkauf an die Kaufmannseheleute Zuber. Die Faulstichs mussten mit ihren beiden Töchtern in das kleine Häuschen neben dem Blasturm (heute: Vorgeschichtsmuseum) um, das ihre Hausdame von ihren Ersparnissen erworben hatte.  Ludwig III verlor den Lebensmut und erhängte sich 63-jährig am 16. Mai 1941, seine Ehefrau Frieda, die von manchem Nachkriegs-Gunzenhäuser als „schrullige Alte“ empfunden wurde, fand 1968 im Familiengrab ihre letzte Ruhe.

Von seinem einzigen Sohn Ludwig IV  (1920 geboren) konnte sich der Vater nichts erwarten, denn der schwärmte von einer Offizierslaufbahn, bekam im Zweiten Weltkrieg höchste Auszeichnungen und fiel 1944 auf dem östlichen Kriegsschauplatz.

Tochter Elisabeth war lange Zeit die Chefsekretärin von Nürnbergs Waffenproduzenten Karl Diehl, die zweite Tochter Friedel heiratete den Zahnarzt Reinhard Carben, deren Sohn Rainer ist 83-jährig heute der letzte Nachkomme des Geschlechts. Geblieben sind noch die Initialen L. F. am Haupteingang des Hauses am Marktplatz 17. Das Familiengrab befindet sich am alten Friedhof.

Ende und Anfang:  Der wirtschaftliche Niedergang bedingte den Verkauf des Großhandelsgeschäfts an Ferdinand und Auguste Zuber (1937). Damit endete die Ära Faulstich. Die neuen Eigentümer setzten das Werk fort. 1958 übernahmen Fritz und Inge Zuber die Geschäftsführung. Nach dem Tod von Fritz Zuber, der dem Schützenwesen eng verbunden war, führte die Witwe das Unternehmen 1976 mit ihrem Sohn Wolfgang weiter. Neben dem Altstadtmarkt entstand das „Altmühlcenter“ in Frickenfelden (1974, Vermietung an Edeka 1989) und daneben gab es noch vier kleinere Filialen in der Stadt und ihrer Umgebung. Das Geschäftshaus am Marktplatz 17 befindet sich nach wie vor im Besitz der Familie Zuber.

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ ist im Buchhandel für 25 Euro erhältlich. Es enthält 21 Beiträge von 18 Autoren zur Geschichte der Stadt und ihres Umlandes.

„Vaterlandsloses Gesindel“

Monika Wopperer skizziert die Anfänge der SPD in Gunzenhausen

Die älteste demokratische Partei in Deutschland ist die SPD. So auch in Gunzenhausen. 1906 ist sie gegründet worden. Zwar haben sich der Lokalhistoriker Wilhelm Lux und der Stadtrat Richard Schwager in früheren Veröffentlichungen bemüht, die Gründungsjahre der traditionsreichen Partei aufzuzeigen, aber in der komplexen Form geschieht dies erst jetzt durch Monika Wopperer in „Alt-Gunzenhausen“, dem Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde. Die frühere SPD-Stadträtin hat dafür als Titel den Spottnamen des „Vaterlandslosen Gesindels“ gewählt – eine Abwandlung der Wortschöpfung von Kaiser Wilhelm II., der wahrlich kein Freund der Sozialdemokratie war und sie als „vaterlandslose Gesellen“ schmähte.

Zur Erinnerung an Arbeiter-Turn- und Sportverein  1911 brachten sich alle Akteure in Positur.  Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen

Die Umstände am Ende des 19. Jahrhunderts waren nicht eben günstig für die Gründung einer „Arbeiterpartei“ in einem konservativ-ländlichen Umfeld. Sozialdemokraten wurden damals als „Bürgerschreck“ wahrgenommen. Mit den marxistischen Theorien und der Gegnerschaft zu den Kirchen konnte die bürgerliche Gesellschaft nichts anfangen. Das Bezirksamt (heute: Landratsamt) bemerkte 1890, dass nur einzelne Personen angehören, nicht einmal solche unter den „besitzlosen Landarbeitern“. Die Industriealisierung setzte nur langsam ein, es gab nur die Maschinenfabriken Hagenah und Bing, die Tonofenfabrik, die Imprägnieranstalt und das Hafernährmittelwerk, so dass die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter nur eine geringe Rolle spielte.

Als „Sozialdemokratischer Verein“  ist  die lokale Parteigliederung am 31. Dezember 1906 im Gasthaus Schachner in der Hensoltstraße (später Gasthaus Eiden, heute „Goldener Drache“) gegründet worden, wo jeden ersten Sonntag im Monat Versammlungen stattfanden. Der Hafnergeselle August Michael Sörgel war der erste Vorsitzende, der Maurer Johann Habermann sein Stellvertreter, der Gastwirt Georg Schachner wird als Kassier genannt, der Maurer Michael Segets und der Brauer Friedrich Elz  als Schriftführer.  Und wieder äußerte sich das Bezirksamt gegenüber der Regierung kritisch zur neuen Partei: „Ob es der Sozialdemokratie gelingen wird, in dem einer größeren Industrie entbehrenden Gunzenhausen einigermaßen aufzukommen, ist noch fraglich“.  Überdies verfügte der Stadtmagistrat, die monatlichen Versammlungen zu überwachen, was der Polizeioffiziant Griesmayer gewissenhaft tat.  Die Parteigründer hatten es ohnehin schwer. Beispielsweise war es den Angehörigen des Militärs verboten, in bestimmen Lokalen in Uniform einzukehren, denn man wollte die Soldaten aus dem Umfeld der Sozialdemokraten fernhalten.

Gründer Ludwig Farthöfer

Im bürgerlichen Lagen hatten die Sozialdemokraten wenig Freunde. Der Zentralausschuss vereinigter Innungsverbände in Deutschland brachte die Handwerker in Stellung und erklärte die Sozialdemokratie zum gefährlichsten gemeinsamen Feind des Kleingewerbes („Nichts kann verderblicher sein, als diese Partei noch mehr zu  stärken“). Wie sehr die Partei im ländlichen Umfeld nur eine Nebenrolle spielt, offenbart das Ergebnis der Reichstagswahl von 1907, als die SPD in Gunzenhausen nur etwa zehn Prozent der Stimmen bekam, im ganzen Reichsgebiet jedoch mit 28,9 Prozent am stärksten war.

Die Vorsitzenden des neuen Vereins wechselten in der Startphase mehrfach. 1907 wird beispielsweise der Schreiner Johann Sept genannt. Ihn und seine Vorstandsmitglieder nannte der Lokalhistoriker Wilhelm Lux „ehrliche und idealistisch gesinnte Männer, die mit großer Treue an ihrer Partei hingen“.  Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zählte der Verein 52 Mitglieder. Der Maurer und Schlosser Ludwig Farthöfer konzentrierte mehrere Ämter auf sich:  Parteivorsitzender, Gewerkschaftsvorsitzender, AOK-Ausschussmitglied und Stadtrat (1919-1924). „Legendär“ ist sein Aufruf 1919: Nieder mit der Morchanie! (Die Wortwahl ist nach der Schilderung von Wilhelm Lux auf einen leichten Sprachfehler des Genossen zurückzuführen).

Weil den vielfach von der bürgerlichen Gesellschaft ausgegrenzten Genossen der Zugang zu vielen Vereinen erschwert wurde, bauten sie quasi als Gegenkultur ein eigenes Vereinswesen auf. Dazu zählte der Arbeiter-Turnverein (1908), die Allgemeine Ortskrankenkasse, der von Mathias Hunger, dem Weinbergswirt,  geleitete Männergesangverein (1910), der Arbeiter-Radfahrerverein „Solidarität“ (1921), das Gewerkschaftskartell. Schließlich gründete die Arbeiterschaft 1911 den Konsumverein, dem sich 95 Genossen anschlossen.  Das Angebot richtete sich – so die Feststellung der Autorin Monika Wopperer – vornehmlich gegen den kleinbürgerlichen Einzelhandel mit seinem höheren Kostenniveau und war nur für die Gewerkschaftsmitglieder bestimmt (Anzeige von 1912: Der Consum-Verein empfiehlt den Mitgliedern ff Arac, ff Cognac, ff Kräuterlikör und versch. Krankenweine zur gefl. Abnahme“).

Den ersten Streik organisierte die Arbeiterschaft 1909, als die Tonofenfabrik (Nürnberger Straße 47) die Ausschussware den Arbeitern vom Lohn abziehen wollte.  37 Organisierte (von 52 Beschäftigten) legten die Arbeit vom 4. Juni bis 20. September (!) nieder. In einem Anzeige wird herausgestellt: „Redefreiheit zugesichert!“ Und daneben stand: „Auch die Herren Fabrikanten möchten erscheinen“.

Wohl verhielten sich die Gewerkschaften in Deutschland gegenüber dem aufziehenden Ersten Weltkrieg zunächst distanziert, aber letztlich verfing doch die Taktik der Herrschenden, das Deutsche Reich als Opfer einer russischen Aggression darzustellen. Im „Vorwärts“, der Parteizeitung, war zu lesen: „Wenn die verhängnisvolle Stunde schlägt, werden die vaterlandslosen Gesellen ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen.“

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ (Ausgabe 78) ist im Buchhandel für 25 Euro erhältlich. Es enthält auf 480 Seiten 21 Beiträge von 18 Autoren.

Kirchenbücher erzählen Geschichte

Alt-Gunzenhausen: Skurriles zu den Bestattungen im Mittelalter

Es sind nicht wenige Leser des Altmühl-Botens, die sich vornehmlich für die letzte Seite interessieren, wo die stark umrahmten Inserate stehen, sprich: die Todesanzeigen. Im 17. Jahrhundert hat es noch keine Zeitung gegeben, nur die Einträge im Bestattungsregister der Pfarrei. Dort sind neben den Taufen und Trauungen auch die Bestattungen aufgezeichnet, und zwar schon ab dem Jahr 1585. „Sie geben einen Einblick in die damaligen sozialen Verhältnisse“, sagt der Historiker Wolfgang Pfahler (Vreden), der hier die Grundschule besuchte und später für das Lehramt studierte. Er gehört zum Autorenstamm von „Alt-Gunzenhausen“, dem Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde. In der aktuellen Ausgabe widmet er sich den Besonderheiten der Bestattungen, wobei mancherlei Skurriles zu lesen ist.

Die Eintragungen von 1618 bis 1717 sind eine wahre Fundgrube für den Historiker und es sind vergnügliche Bemerkungen darunter, die heutzutage im Zeichen der Datenschutzgrundordnung unvorstellbar sind. Wolfgang Pfahler (77) hat von 1947 bis 1955 in Gunzenhausen gelebt (Marktplatz 25/ der Schuhmacher Pfahler war sein Großvater, Dr. Hans Kirsch sein Patenonkel). In Würzburg hat er das Abitur abgelegt, danach war er in Vreden (Westmünsterland) im Lehramt tätig. Er ist  in den Kirchenbüchern auf viele Begebenheiten gestoßen.  Zu lesen ist deshalb in seinem Beitrag von misslungenen Kuren beim Bader, Bigamie, Missbildungen, vom Umgang mit den Katholiken, von Familienstreit und Intrigen, Hurerei und Zwangskopulationen – und dem Tod eines 75-Jährigen kurz nach seiner dritten Hochzeit.

Der Cronheimer Weber Caspar Denner ist beispielsweise 1619 „aus Schwachheit und Blödigkeit“ in ein „unverdecktes Brünnlein“ gefallen und darin ertrunken. In den Fischgruben seines Vaters hat der fünfjährige Johannes Messerer aus Laubenzedel auf die gleiche Weise den Tod gefunden.  Hans Frank, ein Krämer aus Wachstein, ist 1620 „enthauptet und auf das Rad gelegt worden“ nachdem er bei „Wömmersheim“ (Weimersheim) einen Juden erschlagen hatte. 1648 ist die Hausfrau Barbara Deuter „bey schwermüthiger Verzweiflung 43 Jahr alt verrecket“. Sie ist zur Abschreckung für andere mit „ungewöhnlichem Gesang“ neben den armen Sündern begraben worden. „Ein alt Weib zu Oberasbach, so 108 Jahr erreichet und 80 Jahr mit zwei Männern im Ehestand gelebet“ wird im Kirchenbuch von 1652 erwähnt.

Kriminelles Handeln hat es auch damals schon gegeben. Margaretha Kölerin von Kehl „unterhalb der Weltzburg“ (Wülzburg) hat 1668 im Wittibstand  (Witwe) ein Kind gezeugt mit einem Zimmerergesellen, es aber gleich nach der Geburt selbst ermordet und in einer Schachtel unter ihrem Bett versteckt. Als sie dem Scharfrichter die Tat gestanden hatte, wurde sie „mit dem schwerd getodet“. Von einem ähnlichen Fall wird 1696 berichtet:  In Unzucht gezeugtes Söhnlein der Weimersheimer Näherin Magdalene Maria Offengruber ist nach der Geburt umgebracht und in den Brotschrank gestopft worden.  Die Mutter ist „geköpfett“ worden. „An der hitzigen Krankheit darnieder gelegen“ war 1704 des Gunzenhäuser Hutmachers Heinrich Kenzers Weib, das sich „in ihren Haus Brunnen gestürzet“ hat.  Weiter notierte der Pfarrer im Kirchenbuch: „Der Cörper blieb im Brunnen liegen selben Tages, und guthen Teil der Nacht, weil sich niemand zum Heraus ziehen wollte gebrauchen lassen“.

Übermäßiger Alkoholgenuss war natürlich damals schon im Spiel, wenn die Menschen verunglückten. Die 43-jährige Maria Steinwitzen aus Muhr ist 1693 „voll von Brandtenwein am graben hockend erstarret u. tod gefunden“. Johann Lindel, ein „Beker und Brandweinbrenner zu Labezedel“ wurde 1709 in der Früh tot in seinem Bett gefunden. Er hatte „bei seines Nachbarn Kindschenk so viel Branntweyn getrunken, dass man ihn nach Hauß hat müssen führen“. Der Pfarrer erhielt vom hochfürstlichen Hofrat den Auftrag, „die gewöhnl. Leich Ceremonien“ abzukürzen und weniger mit den Glocken zu läutten und wider die Völlerey eine ernstl. Predigt thun“.

Tragisch war der Unfalltod der Unterwurmbacherin Anna Eißen (1711), die beim Grummetholen vom Wagen fiel und sich den Hals brach, „so dass sie kein Anzeig mehr geben können“. Sie war „schwangeren Leibs gewesen“.

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ ist für 25 Euro im  Buchhandel erhältlich. Es enthält 21 Beiträge von 18 Autoren zur Historie von Gunzenhausen und der Umgebung.

Zufriedener Blick zurück

Stadtarchivar Werner Mühlhäußer stellt „Alt-Gunzenhausen“ vor

Aus der 1923 erschienenen Ausgabe ‚Alt-Gunzenhausen‘ zitierte Werner Mühlhäußer, der 2. Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde und Schriftleiter des Jahrbuchs „Alt-Gunzenhausen“ anlässlich der feierlichen Vorstellung des 78. Jahrbuches im Haus des Gastes. Die Publikation erscheint seit 100 Jahren. Das war für den Verein der Anlass, um die Vorstellung des aktuellen Jahrbuchs in einem öffentlichen Rahmen vorzunehmen.

Hier die Rede von Stadtarchivar Werner Mühlhäußer im Wortlaut:

Im damaligen Vorwort schreiben die bis zum heutigen Tage als umtriebige und namhafte Heimatforscher bekannten Dr. Heinrich Eidam, Pfarrer Hermann Clauß und Dr. Heinrich Marzell: „Dieses Büchlein ist aus dem Wunsche entstanden, zu dem elf-hundersten Jubeljahr Gunzenhausens, als wissenschaftlich-historische Gabe zu dienen. Dann aber soll es, wenn irgend möglich, in zwangloser Reihe weitere Nachfolger erhalten“. Ich bin mir sicher, dass sich dieses „Dreigestirn der Heimatforschung“, in den kühnsten Träumen nicht hat vorstellen können, dass wir heute in der erfreulichen Lage sind, den Jubiläumsband ‚100 Jahre Alt-Gunzenhausen‘ zu präsentieren. Damit darf sich diese traditionsreiche Publikationsreihe ohne jeden Zweifel in die Phalanx bedeutender heimatgeschichtlicher Veröffentlichungen, wie zum Beispiel dem Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken, einreihen.

Werner Mühlhäußer

Der Verein für Heimatkunde Gunzenhausen leistet mit der Herausgabe der Reihe ‚Alt-Gunzenhausen‘ Großartiges, und das behaupte ich nicht nur als verantwortlicher Schriftleiter, sondern auch als Stadtarchivar. Durch die Veröffentlichung zahlloser Aufsätze, ist ‚Alt-Gunzenhausen‘ eine wahre Schatzkammer für die Geschichte von Stadt und Umgebung und damit ein wichtiger Bestandteil unser aller kultureller und historischer Identität. Auch die im Vorfeld notwendige zu leistende Forschungsarbeit der einzelnen Autorinnen und Autoren, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und ist an dieser Stelle explizit hervorzuheben.

Ehe ich Ihnen unseren Jubiläumsband näher vorstelle, möchte ich kurz auf die Entwicklung der Publikationsreihe eingehen und auch einige Zahlen liefern. Zunächst einmal die Tatsache, dass im 100jährigen Bestehen ‚Alt-Gunzenhausens‘ 78 Hefte bzw. Bände erschienen sind. Das Minus von 22 erklärt sich durch jene Jahre, in denen keine Ausgabe erfolgte, so z.B. 1924. Eine längere, da kriegs- bzw. nachkriegsbedingte Lücke besteht für den Zeitraum 1945 bis 1948 und auch in der Folgezeit gab es immer wieder Jahre, ohne ein ‚Alt-Gunzenhausen‘. So auch für 1966 bis 1970, also 5 Jahre in Folge. Im Heft 34 von 1971 kann man die Gründe für diesen langen Stillstand nachlesen, nämlich der erhebliche Anstieg der Druckkosten und den geringen zur Verfügung stehenden finanziellen Vereinsmitteln. Die Vorstandschaft hoffte seinerzeit, mindestens im Turnus von zwei oder drei Jahren eine Herausgabe zu ermöglichen, was letztendlich auch gelang.

Seit 1991 ist nunmehr kein Jahr vergangen, ohne dass ‚Alt-Gunzenhausen‘ erschienen ist. Der Haupttitel ist seit der Erstausgabe unverändert. ‚Alt-Gunzenhausen‘ steht als Bezeichnung da, wie ein Fels in der Brandung ! Allerdings hat sich der Nebentitel im Laufe der Zeit geändert. Lautete er zwischen 1923 bis 1938 „Beiträge zur Geschichte der Stadt und des Bezirks“ und von 1939 bis 1971 „Beiträge zur Geschichte der Stadt und des Kreises, heißt es seit 1972 unverändert: „Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung“. Zu einer zwar marginal erscheinenden Umbenennung der Vereinspublikation von ‚Heft‘ zu ‚Jahrbuch‘ kam es 2017, damit dem Umstand Rechnung tragend, dass seit 2001 die durchschnittliche Seitenzahl circa 280 Seiten betrug und dadurch beim besten Willen nicht mehr von einem „Heft“ die Rede sein konnte.

Und weil wir gerade dabei sind: Die Gesamtseitenzahl aller 78 Ausgaben von ‚Alt-Gunzenhausen‘ beläuft sich auf stolze 11.789 Seiten !!  und erreicht damit enzyklopädisches Ausmaß. Diese Aussage wird noch zusätzlich bekräftigt durch die Tatsache, dass die bisherigen 138 Autorinnen und Autoren insgesamt 537 Aufsätze produzierten. Dabei sind mehr als die Hälfte dieses Personenkreises mit bis zu fünf Beiträgen vertreten. Eine weitere Gruppe von etwa 10 Autoren stehen für bis zu 19 Aufsätze. Die Reihe der „Big Five“ beginnt mit 22 Artikeln von mir, dicht gefolgt mit 23 Aufsätzen aus der Feder des ehemaligen Heidenheimer Dekans Werner Kugler.

Auf den Medaillenrängen finden sich Wilhelm Lux mit 38 Beiträgen, die ehemalige Kreisarchivpflegerin Siglinde Buchner mit 47 Aufsätzen und der aus Hohentrüdingen stammenden Heimatforscher Martin Winter, dem wir 49 Artikel verdanken. Liebe Siglinde, wie Du siehst, trennen dich nur wenige Aufsätze von Platz 1 und ich bin fest davon überzeugt, dass wir in den nächsten Jahrbüchern eine „Queen of Alt-Gunzenhausen“ küren werden können.

Dieser konzentrierte Wissensfundus zur Geschichte unserer Stadt und der Region, wird in vielen Archiven, Bibliotheken und Museen gesammelt und dient Interessierten überall als verlässliche Informationsquelle. In der langen Geschichte der Vereinspublikation hat es bisher 4 Jubiläumshefte gegeben und zwar: 1954 mit 43 Seiten zum 75jährigen Jubiläum des Vereins für Heimatkunde 1979 zum 100jährigen Bestehen des Vereins 1995  Heft-Nummer 50 von ‚Alt-Gunzenhausen‘   sowie 2004  anlässlich 125 Jahre ‚Verein für Heimatkunde‘, welches mit 351 Seiten bisheriger Spitzenreiter war.

Und damit kommen wir direkt zum Anlass unserer heutigen Zusammenkunft: Die Jubiläumsausgabe ‚100 Jahre Alt-Gunzenhausen 1923 bis 2023‘ ist ein Werk der Superlative! 21 Beiträge, 18 Autorinnen und Autoren, 480 Seiten vereint in einer Ausgabe – das gab es bisher noch nie in der langen Geschichte der Vereinspublikation!

Den Aufsatzreigen beginnt Professor Dr. Georg Seiderer vom Lehrstuhl für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte und Volkskunde an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der als gebürtiger Gunzenhäuser seine Heimatverbundenheit dadurch unter Beweis stellte, dass er im vergangenen Jahr den Festvortrag ‚Gunzinhusir 823 – Gunzenhausen 2023. 1200 Jahre Gunzenhäuser Geschichte vom Klosterort zum Zentrum des Fränkischen Seenlandes‘ in unserer Stadthalle hielt.

Seinen, mit zahlreichen Anmerkungen ergänzten Vortrag hat er dankenswerter Weise zum Abdruck zur Verfügung gestellt. Das schwierige Unterfangen, die ereignisreiche, mehrhundertjährige Stadtgeschichte komprimiert darzustellen, ist ihm zweifelsohne gelungen.

Zwischen September 2020 bis Ende Juli 2022 führten der Archäologe Arne Kluge und sein Team intensive Grabungsarbeiten im Rathaushof durch. Dadurch verdanken wir ihm viele, interessante und neue Erkenntnisse zur Geschichte Gunzenhausens, die uns u.a. bis in die hochmittelalterliche Epoche, ja gar bis in die römische Kaiserzeit zurückführen. In seinem Aufsatz ‚Archäologische Schlaglichter zur frühen Stadtgeschichte‘ erfahren sie alles über Gewölbekeller eines stattlichen Steingebäudes, mittelalterliches Straßenpflaster, Keramikfunde und vieles mehr.

Chronologisch anknüpfend ist der Aufsatz ‚Gunzenhausen unter der Herrschaft der Nürnberger Burggrafen‘ von Siglinde Buchner. Die Autorin beleuchtet darin die ersten 60 Jahre Gunzenhausens unter der Herrschaft der Hohenzollern. Als oberste Repräsentanten der Burggrafen, saßen deren Vögte zu Gunzenhausen, mit denen sich Siglinde Buchner in einem weiteren Aufsatz beschäftigt. Mit Ulrich von Muhr, Konrad von Lentersheim, Wilhelm von Steinheim und Caspar von Puttendorf stellt sie uns die vier Amtspersonen vor. Die hohenzollerschen Markgrafen von Brandenburg-Ansbach folgten den Burggrafen nach. Auch sie benötigten vor Ort, also in Gunzenhausen, Amtmänner bzw. Oberamtmänner, die als Vertrauensleute die Geschicke von Stadt und Amt lenkten. Siglinde Buchner stellt in ihrem dritten Aufsatz alle 21 Männer vor, die diesen verantwortungsvollen Posten bekleideten.

„Osiander über Osiander“, so lautet der Beitrag über den in Gunzenhausen geborenen Reformator Andreas Osiander. Verfasst hat ihn Wolfgang Osiander, der damit sein Debüt in ‚Alt-Gunzenhausen‘ gibt. Die Namensübereinstimmung ist nicht zufällig. Wolfgang Osiander gehört tatsächlich genealogisch zum Verwandtenkreis des Reformators und war darüber hinaus viele Jahre am Simon-Marius-Gymnasium tätig. Er kommentiert und interpretiert die Ego-Dokumente des Reformators als Quellen der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung.

Werner Kugler hat sich im ältesten Heidenheimer Traubuch auf die Suche nach Auswärtigen gemacht und für die Jahre 1534 bis 1650 eine große Anzahl von Frauen und Männern gefunden, die diesem Personenkreis zuzurechnen sind. Viele Familienforscher werden ihm sicherlich diese mühevolle Fleißarbeit danken.

Dr. Joachim Schnürle hat sich ebenfalls wieder mit einem Aufsatz beteiligt. Er beschäftigt sich mit Christoph Titius, der von 1666 bis 1671 Pfarrer in Laubenzedel war. Die von ihm geschriebenen geistlichen Lieder, fanden sich teilweise in Gesangbüchern wieder. Dr. Schnürle fokussiert sich in seinem Aufsatz auf die pädagogischen Ideen des Laubenzedler Geistlichen.

Wolfgang Pfahler lebt schon lange in Vreden im westlichen Nordrhein-Westfalen. Als gebürtiger Gunzenhäuser hat er nie den Kontakt zu seiner „ersten Heimat“ verloren. Auch in ‚Alt-Gunzenhausen‘ finden sich einige Aufsätze von ihm. Nun stellt er mit ‚Kirchenbücher erzählen Geschichte – Besonderheiten der Bestattungen von Gunzenhausen 1618 bis 1717‘ die Lebensumstände vergangener Generationen vor. Spannend sind die vielen, von ihm exzerpierten Kirchenbucheinträge zu lesen. Ebenso seine statistischen Erhebungen in einem weiteren Aufsatz von ihm mit dem Titel ‚Katastrophe und Regeneration. Gunzenhausen im Spiegel seiner Kirchenbücher 1618 bis 1717“.

Dr. Daniel Schönwald, ebenfalls durch mehrere Aufsätze in ‚Alt-Gunzenhausen‘ bekannt geworden, beginnend 2001 mit der Veröffentlichung seiner Facharbeit als Schüler am SMG mit dem Titel „Die Deutschen Christen in Gunzenhausen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der Hensoltshöhe zum Nationalsozialismus“, widmet sich in seinem aktuellen Beitrag der Gruft in der Walder Kirche. Akribisch listet er alle bekannten Bestattungen dort anhand der Kirchenbücher auf.

Thomas Freller nimmt uns in seinem Aufsatz ‚Ein feines Brandenburgisches Städtlein – Gunzenhausen in den Reisebeschreibungen der Frühen Neuzeit‘ quasi in der Postkutsche mit. Auch wenn das Reisen im 18. Jahrhundert sicherlich nicht immer ein Vergnügen gewesen ist, so erfahren wir in seinem Beitrag Vieles über Gunzenhausen und seine Region aus den Reisebeschreibungen. Exemplarisch sei die Erwähnung von „Herden von tausend und mehr Stücken der schönsten Gänse“, die einem anonymen Reisenden bei seiner Durchfahrt in Schlungenhof so beeindruckt hatten, dass er dies schriftlich festhielt.

Nun kommen wir zu Lothar Hiemeyer, der sich u.a. mit seinen Büchern über die Brauereien, Bierkellern und Gastwirtschaften in Gunzenhausen längst einen Namen gemacht hat. In seinem Aufsatz über das Handelshaus Faulstich, beschäftigt sich der Verfasser mit dessen ruhmvollen Aufstieg, aber auch mit dessen tragischen Niedergang.

‚200 Jahre Sparkasse Gunzenhausen‘ – so der Titel des Aufsatzes den ich zum Jubiläumsband beisteuern durfte und einem Vortrag zu Grunde liegt, den ich im vergangenen Jahr in der Stadthalle gehalten habe. Johann Heinrich Frauenknecht, der Gründer einer der ältesten bayerischen Sparkassen, ist bis zum heutigen Tag durch Benennung einer Straße präsent.

Werner Neumann, ebenfalls ein verlässlicher Lieferant von Aufsätzen für ‚Alt-Gunzenhausen‘, nähert sich dem Nachtwächterwesen im 19. Jahrhundert. Dass dieser Dienst alles andere als romantisch war, wird in seinem Beitrag mehr als deutlich.

Leicht hatte es wohl auch Simon Krämer nicht, der im 19. Jahrhundert 30 Jahre  Lehrer an der jüdischen Schule in Altenmuhr war. Leben und Werk des Pädagogen und Buchautors Simon Krämers beleuchtet Wilfried Jung.

Mit Manuel Grosser ist ein weiterer Neuzugang im Kreis der Autoren und Autorinnen zu begrüßen. Er beschäftigt sich in seinem Beitrag ‚Bewegte Geschichte – als die Bilder laufen lernten‘ mit der Geschichte der Kinos in unserer Stadt. Wussten sie etwa, dass hier bereits 1897 erstmals eine Filmvorführung stattgefunden hat?  Diese und weitere interessante Details sind in seinem Aufsatz zu finden und sollen Appetit auf mehr machen, nämlich ein Buch zur Kinogeschichte Gunzenhausens, welches im Laufe dieses Jahres erscheinen soll.

„Vaterlandsloses Gesindel“, so der Haupttitel des Aufsatzes von Monika Wopperer, ebenfalls als Neu-Autorin bei ‚Alt-Gunzenhausen‘. Sie schildert die Geschichte der SPD zwischen 1900 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914.

Werner Somplatzki kennt man in ‚Alt-Gunzenhausen‘ bisher durch Aufsätze zur Vor- und Frühgeschichte. Dieses Mal hat er sich mit dem Beitrag ‚Eine Flugblattaktion am Gymnasium Gunzenhausen 1968‘ auf völlig neues Terrain gewagt.

Judith Nebert vom Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg kam im Zusammenhang mit Recherchen zu einer Ausstellung u.a. ins Stadtarchiv Gunzenhausen. Parallel dazu entstand der Gedanke, einen Aufsatz für das Jubiläums-Jahrbuch beizusteuern. Mit „Die Entstehung des Fränkischen Seenlands – eine unglaubliche Geschichte“ unternimmt sie den Praxistest, mittels K I –also Künstlicher Intelligenz-  das Thema aufzuarbeiten. Am Ende steht die Erkenntnis, bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Projekts Fränkisches Seenland auf menschliche und nicht künstliche Intelligenz zu setzen.

Werner Falk setzt im Jubiläums-Jahrbuch seine Serie ‚Gunzenhäuser Lebensbilder‘ fort und bringt uns Schuhmachermeister Fritz Bleicher, Möbelhausinhaber Siegfried Böckler, FC-Vorsitzenden Hans Fischer, Stadtbaumeister Sepp Kemmethmüller und die Sportlerinnen Gusti Gerlich und Inge Schömig näher. Damit endet auch die Reihe der Aufsätze im Jubiläums-Jahrbuch ‚100 Jahre Alt-Gunzenhausen 1923 bis 2023‘.

Verein, Vorstand, Beirat und zugegeben auch ich als verantwortlicher Schriftleiter, blicken zufrieden und stolz auf die gelungene Jubiläumsausgabe. Meine Ausführungen schließe ich mit der Zitierung einer Passage aus dem Vorwort zur zweiten, 1925 erschienenen Ausgabe von ‚Alt-Gunzenhausen‘. Darin heißt es: „Der Gebiete aus unserer heimischen Vergangenheit, welche noch der Erforschung und Bearbeitung bedürfen und wert sind, sind ja so viele, daß es an Stoff auch weiterhin nicht mangeln wird. Dieser Satz aus dem Jahr 1925 ist mühelos in die Gegenwart zu transportieren. Ich bin fest der Überzeugung, dass es noch viele Ausgaben von ‚Alt-Gunzenhausen‘ geben wird.

Historie auf 480 Seiten

Verein für Heimatkunde präsentierte sein Jubiläums-Jahrbuch

Die Autoren (von links nach rechts): Werner Somplatzki, Dr. Daniel Schönwald, Siglinde Buchner, Schriftleiter Werner Mühlhäußer, Judith Nebert, Thomas Freller, Monika Wopperer, Manuel Grosser, Lothar Hiemeyer und Vorsitzender Werner Falk. Foto: Birgit Franz

Zwar später als sonst, aber dafür umso eindrucksvoller präsentierte der Verein für Heimatkunde Gunzenhausen sein 78. Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“. 18 Autoren sind mit 21 Beiträgen in dem 480 Seiten starken Buch vertreten. Im örtlichen Buchhandel kann es für 25 Euro erworben werden.

Anlass für eine öffentliche Vorstellung des Bandes war das 100-jährige Jubiläum der Schriftenreihe, die 1923 sozusagen aus der Taufe gehoben wurde, und zwar von den bekannten Gunzenhäuser Heimatkundlern und Historikern.

Vorsitzender Werner Falk erklärte anlässlich des Empfangs im Haus des Gastes vor 60 Gästen:

Seit 100 Jahren erscheint die heimatkundliche Publikation „Alt-Gunzenhausen“.  50 Jahre währt die Verbindung des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen zur Familie Pfahler in Gunzenhausen. Max Pfahler, der 2009 verstorben ist, war mehrere Jahrzehnte Schriftführer, zusammen mit seiner Frau Wally „handelte“ er organisatorisch die Studienfahrten und beide bewerkstelligten lange Zeit die Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ an die Mitglieder und den Verkauf an interessierte Leser. Sohn Georg, Studienrat in Würzburg,  gehört seit etlichen Jahren dem Beirat des Vereins an – und der Reigen schließt sich mit Sohn Max, der uns heute mit seinem Familien-Sextett (mit Frau Almut und den Kindern Sebastian, Christian, Katharina und Christina) begleitet. Ich finde, das ist eine großartige Geste. Deshalb möchte ich der Familie Pfahler für diese Treue danken.

Das Pfahler-Sextett begleitete die Veranstaltung im Haus des Gastes musikalisch. Foto: W. Falk

Bürgermeister Karl-Heinz Fitz, der uns sehr wohlwollend gegenübersteht, gewährt jährlich einen ansehnlichen finanziellen Zuschuss. Ohne diese Hilfe wäre die Herausgabe der Publikation schlechterdings nicht möglich. Wir wollen uns als Verein in der Bedeutung für die Stadt nicht überhöhen, dürfen aber feststellen, dass das jährliche Erscheinen des Jahrbuchs auch im Interesse der Stadt liegt, denn wir ergänzen die Tätigkeit des Stadtarchivs.

Es ist dem Verein eine große Ehre, dass der stellvertretende Landrat Werner Baum unter uns sein kann. Ihm danken wir die immerwährende finanzielle Hilfe des Landkreises. Es freut mich, dass unser neuer Dekan Christian Aschoff den Weg zu uns gefunden hat. Gerne erinnere ich daran, dass schon immer „geistliche Herren“ zu unseren Mitarbeitern gehörten.

Einer der Unsrigen ist Stadtarchivar Werner Mühlhäußer. Er fungiert im Verein als 2. Vorsitzender und Schriftleiter. Im letzten Jahr war er durch Veranstaltungen im Jubiläumsjahr „1200 Jahre Gunzenhausen“ stark gefordert. Deshalb hat sich die Herausgabe des Jahrbuches 2023 um einige Monate verzögert. Das können wir so hinnehmen, denn entstanden ist ein Werk mit 480 Seiten (im Normalfall 200 bis 270 Seiten). Ihm gilt mein großer Dank. Die Gespräche mit ihm empfinde ich stets als Genuss, zumal wir in der Betrachtung der Zeitläufte und der gesellschaftlichen Gegebenheiten auf einer Wellenlinie funken.

Werner Mühlhäußer zählt  zum Stamm unserer Autoren, denen ich in Dankbarkeit verbunden bin. Die weiteren langjährigen Mitarbeiter am Jahrbuch sind: Dekan Werner Kugler aus Heidenheim ist einer von den „dienstältesten“  Mitarbeitern, aber auch Siglinde Buchner, die frühere ehrenamtliche Kreisarchivpflegerin, möchte ich nennen. Lothar Hiemeyer ist uns als Autor und Herausgeber der umfangreichen Dokumentationen „Gaststätten und Brauereien in Gunzenhausen vom Mittelalter bis nach dem Zweiten Weltkrieg“ bekannt. Werner Neumann, ein Weißenburger Heimatfreund, und Werner Somplatzki, der Kreisheimatpfleger für Archäologie, liefern uns seit vielen Jahren wertvolle Beiträge. Zu den jüngeren Autoren zählt Dr. Daniel Schönwald, der stellvertretende Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg. 

Ich darf Sie auch von Herrn Prof. Dr. Georg Seiderer von der Universität Erlangen-Nürnberg grüßen, der gern wieder einmal in seine Geburtsstadt gekommen wäre, aber derzeit ein wissenschaftliches Projekt in Siebenbürgen leitet. Er hat bekanntlich anlässlich des Stadtjubiläums die Festrede gehalten, die wir mit seiner Genehmigung in unserem Jahrbuch abdrucken dürfen. Mein Dank gilt unseren Sponsoren. Unterstützt werden wir neben der Stadt und dem Landkreis von der Hirschmann-Stiftung und vom Bezirk Mittelfranken. Die uns wohlwollend gegenüber stehenden Vertreter der Sparkasse Gunzenhausen, der VR-Bank Mittelfranken Mitte und der VR-Bank im südlichen Franken sind heute unter uns.

Lassen Sie mich noch einige Bemerkungen zum Verein für Heimatkunde machen. Er wurde 1879 von Dr. Heinrich Eidam gegründet. Der Bezirksarzt, vergleichbar mit dem heutigen Chef des Gesundheitsamts,  war zugleich auch der Gründer des Heimatmuseums Gunzenhausen und als Reichslimeskommissar gehörte er zu den renommiertesten Forschern auf diesem Sektor. Mit seinen Zeitgenossen, dem Studienrat Dr. Heinrich Marzell,  und Pfarrer Hermann Claus äußerte er anlässlich der ersten Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“: „Möchte unser Unternehmen, das aus der Liebe zur Heimat und deren Geschichte hervorgegangen ist, dazu dienen, den Sinn für Heimatgeschichte zu wecken und zu stärken!“

Heute können wir stolz sagen: Wir haben den Wunsch der Gründer erfüllt. „Alt-Gunzenhausen“ ist in den letzten 100 Jahren 78 Mal erschienen, wobei ich betonen möchte, dass das „Heft“ mit seinem früher bescheidenen Umfang von 80 bis 100 Seiten, auch während der Kriegsjahre gedruckt wurde.

Zu meinen Vorgängern im Amt des Vorsitzenden zählten Edmund Santrucek, Heinrich Krauß, Dr. Johann Schrenk und Wilhelm Lux, mein väterlicher Freund. Ihnen verdanken wir, dass es die Schriftenreihe noch gibt und wir Ihnen heute die Jubiläumsausgabe  vorstellen können.

Glückwunsch des Bürgermeisters 

Bürgermeister Karl-Heinz Fitz äußerte seinen Dank an Vorsitzenden Werner Falk und die Mitglieder der Vorstandschaft und des Beirats. Es sei beachtlich, was in 100 Jahren geleistet wurde. Er zeigte Respekt, dass der Wunsch der Gründer, die Erstausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ möge viele Nachfolger finden, dank der Anstrengungen in vielen Jahrzehnten in Erfüllung gegangen ist. Seine Anerkennung galt Stadtarchivar Werner Mühlhäußer, der im Jubilläumsjahr „1200 Jahre Gunzenhausen“ stark gefordert war.

21 Beiträge von 18 Autoren

Stadtarchivar Werner Mühlhäußer, zugleich 2. Vorsitzender des Vereins und Schriftleiter, stellte den Gästen (unter ihnen weilten Landratsvize Werner Baum, Bezirksrat Hans Popp und der neue evangelische Dekan Christian Aschoff) den umfangreichen Band vor und ging auf jeden der 21 Beiträge ein. Die Autoren sind: Prof Dr. Georg Seiderer (1200 Jahre Gunzenhausen), Arnd Kluge (Archäologische Schlaglichter zur frühen Stadtgeschichte), Siglinde Buchner (Die Stadt unter der Herrschaft der Nürnberger Burgrafen/Die burggräflich-nürnbergischen Vögte in Gunzenhausen/Die markgräflichen Amtmänner), Wolfgang Osiander (Osiander über Osiander), Werner Kugler (Heidenheimer Traubuch), Werner Neumann (Nachtwächter von Gunzenhausen), Dr. Joachim Schnürle (Pfarrer Christoph Titius von Laubenzedel 1641-1703), Wolfgang Pfahler (Kirchenbücher erzählen Geschichten/Gunzenhausen im Spiegel der Kirchenbücher), Dr. Daniel Schönwald (Bestattungen in der Walder Gruft), Thomas Freller (Gunzenhausen in alten Reisebeschreibungen), Lothar Hiemeyer (Familie Faulstich in Gunzenhausen), Werner Mühlhäußer (200 Jahre Sparkasse), Wilfried Jung (Der jüdische Lehrer Simon Krämer), Manuel Grosser (Das Kino etabliert sich in Gunzenhausen), Monika Wopperer (Anfänge der SPD in Gunzenhausen), Werner Somplatzki (Flugblattaktion im SMG 1968), Judith Nebert (Das Fränkische Seenland und die Künstliche Intelligenz), Werner Falk (Gunzenhäuser Lebensbilder). Dazu veröffentlicht der „Falk-Report“ einen gesonderten Beitrag.

Im Anschluss war bei einem Umtrunk im Foyer des Haus des Gastes allen die Gelegenheit gegeben, sich näher kennenzulernen und über die veröffentlichten Themen zu reden. Dazu gab es Frankenwein vom Weingut Reinhard Kirch in Volkach-Fahr und den edlen Gerstensaft aus der Spalter Stadtbrauerei.

„Alt-Gunzenhausen“ im Großformat

Die Schriftenreiche des Vereins gibt es seit 100 Jahren

Neu erschienen ist in diesen Tagen das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen. Den Mitgliedern des Vereins ist die 480 Seiten starke Jubiläumsausgabe per Post zugegangen, im Buchhandel ist sie ab 14. Mai erhältlich (25 Euro). Die offizielle Vorstellung erfolgt am Donnerstag, 23. Mai, um 19.30 Uhr im „Haus des Gastes“.

„Möge unser Unternehmen, das aus der Liebe zur Heimat und der Geschichte hervorgegangen ist, dazu dienen, den Sinn für Heimatgeschichte zu wecken und zu stärken“. Das war der Wunsch der Autoren des ersten Hefts „Alt-Gunzenhausen“ im Jahr 1923. Sie verstanden die 84-seitige Schrift als eine „wissenschaftlich-historische Gabe“ im Jubeljahr der Stadt, das gekennzeichnet war von der Inflation. Begangen wurde das Stadtjubiläum deshalb auch erst 1924, als es wirtschaftlich schon wieder besser aussah. Zugleich brachte damals der Verein für Heimatkunde ein „Jubiläumsbüchlein“ heraus. Das zweite „Alt-Gunzenhausen“ erschien 1925. Uns so ging es weiter. Der Verein konnte die Publikation meist jährlich herausgegeben mit einem Umfang von rund 150 Seiten, ab 2000 stieg der Umfang auf 280 Seiten und mehr. Deshalb sprechen wir nicht mehr von unserem „Heft“, sondern von unserem „Jahrbuch“.

Der Vorsitzende und der Schriftleiter sowie die gesamte Vorstandschaft des Vereins sind stolz auf diese Leistung. Die Herausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ ist möglich, weil die Mitglieder (inzwischen sind es 310) ihren jährlichen Obolus entrichten. Die Stadt Gunzenhausen gewährt einen ansehnlichen Zuschuss, ferner die Wilhelm-und-Christine-Hirschmann-Stiftung und der Bezirk Mittelfranken. Der Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, die Sparkasse, die Raiffeisen- und Volksbank im südlichen Franken sowie die Raiffeisen- und Volksbank Mittelfranken Mitte  gehören zu unseren Sponsoren. Ihnen gilt unser großer Dank.

Vorsitzender Werner Falk und Stellvertreter Werner Mühlhäußer bedanken sich auch bei den Vorstandsmitgliedern Rüdiger Schmidt (Unterwurmbach), der die Finanzen verwaltet, und bei Armin Kitzsteiner, der als Schriftführer fungiert. Dem Ausschuss gehören an: Siglinde Buchner (Weißenburg), Heidi Denzinger (Gunzenhausen), Gerhard Herrmann  (Wald), Thomas Müller (Kalbensteinberg), Günther L. Niekel (Muhr am See), Georg Pfahler (Würzburg), Hannfried Reinhardt (Gunzenhausen) und Ernst Renner (Gunzenhausen). Als Revisoren im Verein fungieren Thomas Fischer und Hans Minnameier.

Die Themen der 20 Beiträge von 18 Autoren beschränken sich nicht nur auf Gunzenhausen, sondern das ganze Umland.  Und sie reichen von der Vor- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart. Es sind nicht immer gute Zeiten, über die geschrieben wird. Allein in 17 Jahrbüchern beschäftigen sich seit 1987 die Autoren mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Gunzenhausen. Unser Dank gilt den Autoren, die beileibe nicht mehr alle in der Region leben, aber die ihrer Heimat treu geblieben sind, indem sie die Historie von den verschiedensten Blickwinkeln aus beleuchten. Das war immer so und das belegt auch die vorliegende Jubiläumsausgabe, die anlässlich des 100-jährigen Bestehens von „Alt-Gunzenhausen“ vorgelegt werden kann. Der Vorstand hat deshalb eine repräsentativere Gestaltung  dieses über 400 Seiten starken Jahrbuches gewählt. Die Autoren  arbeiten für Gotteslohn. Und das veranlasst uns, ihnen größte Anerkennung auszusprechen.

Wir dürfen den Inhalt der 78. Ausgabe in geraffter Form vorstellen und laden die Leser ein, tiefer in die heimatkundlichen Beiträge einzusteigen.

Prof. Georg Seiderer von Lehrstuhl für Neue Bayerische und fränkische Landeskunde an der Uni Erlangen-Nürnberg, ist ein gebürtiger Gunzenhäuser. Er hat uns die Erlaubnis gegeben, seine Festrede zum Stadtjubiläum „Gunzinhusir 823 – Gunzenhausen 2023“ abdrucken zu dürfen. Der Historiker  wirft einige wichtige Schlaglichter auf die Geschichte der Stadt. Dazu gehört auch der Hinweis auf das reichsweite erste Judenpogrom 1934 und das erste Hitlerdenkmal.

Der Archäologe Arnd Kluge hat im Vorfeld der Innenhofgestaltung des Rathauses das Areal  untersucht und bauliche Zeugnisse aus dem 13. und 14. Jahrhundert entdeckt, so auch einen Gewölbekeller, der im 17. Jahrhundert abgebrochen bzw. verfüllt wurde.  Unter dem Titel „Archäologische Schlaglichter zur frühen Stadtgeschichte von Gunzenhausen“ fasst er seinen Vorbericht zu den Ausgrabungen zusammen. Er dokumentiert den Übergang von früher Pfostenbebauung hin zur Errichtung komplexerer Steinanlagen.  Sein Fazit: Die Ergebnisse der Grabung bieten einen im regionalen Umfeld bislang seltenen Einblick in die bauliche Entwicklung des im späten Hochmittelalter rasch zunehmenden Städtewesens.

Gunzenhausen unter der Herrschaft der Nürnberger Burggrafen bzw. der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach (1368-1427) beleuchtet Siglinde Buchner, die seit vielen Jahren zum festen Stamm unserer Autoren gehört. Die Ära dauerte 437 Jahre und endete 1806 als das Fürstentum Ansbach und somit auch die Stadt Gunzenhausen an das Königreich Bayern kamen.

Siglinde Buchner stellt auch „die burggräflich-nürnbergischen Vögte zu Gunzenhausen“ vor: Ulrich von Muhr, Konrad von Lentersheim, Wilhelm von Steinheim und Caspar von Puttendorf. Letzterer war zugleich der erste markgräflich-brandenburgische Vogt.

Zugleich präsentiert Siglinde Buchner unter dem Titel „Die markgräflich-brandenburg-ansbachischen Amtmänner und Oberamtmänner in Gunzenhausen“ das Wirken der 21 obersten Beamten des Regenten dar (bis 1792, dem Ende der Markgrafenzeit). Sie macht das in geraffter Form. Im Einzelnen hat sie die bekanntesten Leiter des Oberamts Gunzenhausen bereits in vergangenen Ausgaben von „Alt-Gunzenhausen“ vorgestellt.

Reizvoll ist der Titel: „Osiander über Osiander“.  Der Autor Wolfgang Osiander unterrichtete lange am Gunzenhäuser Simon-Marius-Gymnasium. Er macht Anmerkungen zu den Ego-Dokumenten des Nürnberger Reformators Andreas Osiander (einem gebürtigen Gunzenhäuser),  die er als „Quellen der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung“ interpretiert. In seiner Verteidigungsschrift „Apologia Andreae Osiandri“ wehrte sich der Freund Luthers gegenüber anonymen Angriffen auf seine theologische Position und sein Privatleben. Viele seiner Zeitgenossen nahmen ihn als Ketzer wahr, weniger als Reformator. Ihm wurde das Missgeschick vorgehalten, „sich mit möglichst vielen und einflußreichen  Menschen zu überwerfen“.

„Alt-Gunzenhausen“ hat sich niemals nur auf die Stadt beschränkt, sondern immer das Hinterland mit einbezogen. So lässt uns Werner Kugler, vormals Dekan in Heidenheim, teilhaben an den „Auswärtigen im ältesten Traubuch Heidenheims“. Die Aufzeichnungen Der Trauungen und Taufen gehen auf die markgräfliche Kirchenordnung von 1533 zurück und beziehen sich auf den Zeitraum bis 1707.

„Die Nachtwächter in Gunzenhausen im 19. Jahrhundert“ mussten „unterschrocken und herzhaft“ ihren Dienst tun. Wie Werner Neumann aufzeigt, hatten sie sich bei ihren nächtlichen Rundgängen umzusehen nach „verdächtigen Diebereien, gefährlichen Zänkereien, allerlei Frevel und Feuergefahr“. Sie mußten sich gegenüber den Einwohnern „bescheiden und höflich benehmen“. Allerdings sorgte der Brauch, die Nachtstunde laut pfeifend und singend von den Nachtwächtern ansagen zu lassen, zunehmend für Ärger, so dass es bis 1919 nur mehr eine „Stillwache“ gab.

Die pädagogischen Ideen des Laubenzedeler Pfarrers Christoph Titius (1641-1703) stellt Dr. Joachim Schnürle vor. Der pietistisch geprägte Geistliche aus Schlesien kam  nach seinem Theologiestudium in Altdorf 1666 nach Laubenzedel, wo er bis 1671 wirkte.  Er schrieb geistliche Lieder, von denen einige sogar im Gesangbuch des 18. Jahrhunderts erschienen sind.  In Reimen verfasste er seinen „Bibel-Calender“, der es den kirchlichen Laien erleichtern sollte, die Texte zu verstehen.

Unter dem Kapital „Kirchenbücher erzählen Geschichte“ veröffentlicht Wolfgang Pfahler seine Recherchen zu Trauungen und Bestattungen von 1618 bis 1717 in Gunzenhausen.  Dabei werden die Lebensumstände jener Zeit offenbar.  Als Beispiel sei dieser Eintrag genannt:  „Caspar Denner, ein Weber von Cronheimb, ist auß Schwachheit und Blödigkeit  des Haubds in seiner Kranckheit auffgestanden und in sein Garten gangen, da er in ein unverdecktes Brünlein gefallen u. darinnen ertruncken, weil denn uns gnediger Fürst und Herr die Hohe Obrigkeit immediate  allda herr ist er allhier uff unseren Kirch Hoff uff Fstl. befel d[och? begraben worden.“

Die Kirchenbücher von 1618 bis 1717 sind für  Wolfgang Pfahler ein Spiegelbild der Jahre von 1618 bis 1717. „Katastrophen und Regeneration“ betitelt er seinen zweiten Beitrag, den er mit umfangreichem tabellarischem Zahlenmaterial bereichert. Liegt heute in Deutschland die Kindersterblichkeit bei 0,38 Prozent, so erlebten im 17. Jahrhundert 60 Prozent der Kinder das vierte Lebensjahr nicht. Nur 10 Prozent der Männer und 8,8 Prozent der Frauen wurden älter als 70 Jahre.

Einen detaillierten Aufriss der Grabstätten in der Gruft in der Walder Kirche liefert Dr. Daniel Schönwald, aber auch ihm gelingt es nicht, alle Nachweise zu liefern, denn in den Kirchenbüchern sind 13 Bestattungen vermerkt, in der Gruft befinden sich aber 16 Särge. Auch die Stammmutter derer von Falkenhausen (Elisabeth Wünsch) hat dort ihre letzte Ruhe gefunden. Die erste Bestattung in der Gruft war übrigens 1724, also schon zwei Jahre vor der Einweihung der Kirche.

Auf Gunzenhausen geht Thomas Freller in den Reisebeschreibungen der Frühen Neuzeit unter dem Titel „Ein feines Brandenburgisches Städtlein“ ein. Einen literarischen Widerhall hat die Stadt im 16. und 17. Jahrhundert noch nicht gefunden. Der unbekannte Reisende von  1755 ist von ihr begeistert: „…ist eine feine Stadt, welche unter denen fürnehmsten dieses Margrafthums billig einen vorzüglichen Platz hat“.  Der Anonymus  schwärmt von „Heerden von tausend, anderthalb tausend Stücken der schönsten Gänse“, die er in Schlungenhof schnatternd vernommen hat.

Lothar Hiemeyer hat sich der Mühe unterzogen, die Geschichte einer Gunzenhäuser „Institution“ zu durchleuchten. „Das Handelshaus Ludwig Faulstich – Aufstieg und Niedergang“ ist sein Beitrag betitelt. Vom Gründer Johann Georg Faulstich, der 1747 das Gasthaus „Zur Sonne“ (Sonnenstraße 2) erwarb, bis zu Friedrich Faulstich III.  reicht die Geschichte eines erfolgreichen Handelshauses, das im 19. Jahrhundert zu den größten Kaffeeröstereien (neben „Karthreiner“) in Bayern gehörte. Alle Generationen hielten die Tugenden des „ehrbaren Kaufmanns“ aufrecht. Die Liebschaft  des Eigentümers (das NS-Regime beschuldigte ihn des „rasseschänderischen Verkehrs“ zu einer Jüdin endete mit einem Fiasko: Elsa Seller erhängte sich 1937, Ludwig Faulstich 1941. Das Geschäft ging an Ferdinand Zuber über.

Anlässlich des Jubiläums „200 Jahre Sparkasse Gunzenhausen“  hat Stadtarchivar Werner Mühlhäußer eine Zeitreise in die abwechslungsreiche Geschichte der Sparkasse unternommen.  Unsere Leser können den höchst interessanten Vortrag mit seinen vielen pointierten Randbemerkungen nachlesen. Gründer der Sparkasse, die heute zu den ältesten in Bayern zählt, war 1823 der Stadtschreiber (damals die am höchsten dotierte Stelle in der Stadtverwaltung) Johann Heinrich Frauenknecht, der die Gründung rechtfertigte, „… damit der minder Vermögende, der Handwerksgeselle, die Dienstboten und Kinder Gelegenheit erhalten, ihre wenigen Ersparnisse auf Zinsen sicher anzulegen und dieselben nicht mehr in die traurige Lage gesetzt werden, solche einzu- büßen“.

Der jüdische Lehrer Simon Krämer dürfte für viele ein Unbekannter sein. Wilfried Jung, der sich wiederholt mit der jüdischen Geschichte von Muhr am See befasst hat, stellt ihn vor.  1832 hat Krämer in Altenmuhr geheiratet und die jüdische Schulstelle übernommen. Ganz wohl geführt hat er sich dort aber nicht, denn „gesitteteren Menschen“ und der „höheren Klasse“ begegnete er beim wöchentlichen Kartenspiel in Gunzenhausen.  Aus seiner Feder stammen übrigens etliche „Volksschriften“, die das Zusammenleben von Juden und christlichen Nachbarn beschreiben und heute noch im Internet zugänglich sind.

Neu im Kreis der Autoren ist Manuel Grosser, der Pressereferent der Stadt Gunzenhausen. Er führt sich mit einem Beitrag über die Kinos in Gunzenhausen („Bewegte Geschichte – Als die Bilder laufen lernten“) ein, der als ein „Anreißer“ zu verstehen ist für sein Buch, das 2024 erscheinen wird.  Das 1910 eröffnete „Lichtspielhaus Wittelsbach“ war nach seinen Recherchen das erste offizielle Kino in der Stadt. 1919-1929 sind die „Apollo-Lichtspiele“ (im Fränkischen Hof), die „Adler-Lichtspiele“ (1919-1030)  und das „Bavaria“-Kino (1949-1998) im Brauhaus, die „Neuen Lichtspiele“ in der Bahnhofstraße (1928-1984) und das „Central-Theater“ in der Hensoltstraße (1949-2001) dazu gekommen.

Unter dem  Titel „Vaterländisches Gesindel in Gunzenhausen“  widmet sich Monika Wopperer den  Anfängen der örtlichen SPD bis zum Ersten Weltkrieg. Sie geht auf die Gründung des „Sozialdemokratischen Vereins Gunzenhausen“ 1906 durch den Hafner Michael Sörgel ein, der sich gegenüber den Behörden zu behaupten hatte, denn ein Polizeioffiziant hatte die monatlichen Treffen der Arbeiterpartei zu überwachen. Die Sozialdemokraten galten als „gefährlichster Feind des Kleingewerbes“.

1968 stand die Bundesrepublik Deutschland ganz im Zeichen der Studentenunruhen.  Werner Somplatzki greift diese Facette der Umbruchzeit  unter dem Titel „Eine Flugblattaktion am Gymnasium Gunzenhausen“ auf. Es war die Zeit, als die Schüler mit ihren Forderungen nach mehr Mitsprache allein standen, die Kritik der Schüler als „schlichte Unverschämtheit“ zurückgewiesen wurde.  In einer Protestschrift wandten sich acht Schüler gegen die autoritäre Pädagogik.

Ein ungewöhnlicher Beitrag ist der von Judith Raab („Die Entstehung des Fränkischen Seenlands – eine unglaubliche Geschichte“). Sie unternimmt den Praxistest, mittels der KI (Künstliche Intelligenz) das Thema aufzuarbeiten und erfährt dabei, was die künstliche Sprachwahl hergibt und was sie nicht leisten kann. Deshalb ihr  realistisches Ergebnis: „Es ist gut, bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Projekts Fränkisches Seenland auf menschliche Intelligenz zu setzen und nicht auf künstliche.“

Die Reihe „Gunzenhäuser Lebensbilder“ wird von Werner Falk fortgeführt.  Er porträtiert Fritz den Schuhmachermeister Fritz Bleicher, den Möbelhausinhaber Siegfried Böckler, den legendären FC-Vorsitzenden Hans Fischer, die Eisläuferin Gusti Gerlich, den Stadtbaumeister Sepp Kemmethmüller und die Sportlerin Inge Schömig.

Werner Falk, Vorsitzender

 Werner Mühlhäußer, Schriftleiter

Neu: „Alt-Gunzenhausen“

13 Beiträge von neun Autoren in der Publikation

Vorsitzender Werner Falk (Mitte) und sein Stellvertreter Werner Mühlhäußer (Schriftleiter und zugleich Stadtarchivar) präsentierten im „Wappensaal“ des sanierten Rathauses die neue Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ dem Bürgermeister Karl-Heinz Fitz. Foto: StGun/Grosser

Auch im dritten Corona-Jahr war es dem Verein für Heimatkunde Gunzenhausen möglich, eine 270-seitige Ausgabe des Jahrbuchs„Alt-Gunzenhausen“ zu erstellen. Neun Autoren stammen zwölf Beiträge zur Historie der Stadt und ihres Umlands. Wie Vorsitzender Werner Falk in seinem Vorwort schreibt, kann der 1879 gegründete Verein  auf das 100-jährige Jubiläum von „Alt-Gunzenhausen“ verweisen, denn seit 1923 sind 77 Jahrbücher erschienen.

Zum treuen Autorenstamm zählt der Kreisheimatpfleger für Archäologie Werner Somplatzki (Trommetsheim).  Er geht den Spuren römischer Besiedelung am Ortsrand von Markt Berolzheim nach und orientiert sich dabei an den Forschungen von 1896. Er bekräftigt, dass es wohl in der Flur „Am Bühl“ einen römischen Gutshof gegeben haben muss, denn 1988 hat man dort 600 Funde gemacht.

Siglinde Buchner stellt „Dr. Georg von Absberg, Kanzler und Landhofmeister der Ansbacher Regierung (1461-1489) vor.  In ihrer Sissyphusarbeit dröselt sie die Familiengeschichte dieses Adelsgeschlechts auf. „Jörg“ war einer der ranghöchsten Hofbeamten des Markgafen Albrecht Achilles und als Diplomat auch im Ausland tätig. Er ist in der Spalter Stiftskirche bestattet, ein Totenschild hängt auch in der Ansbacher Gumpertuskirche.

Paul von Absberg (1451-1503) war neben dem berüchtigten Raubritter Hans Thomas von Absberg  der bekannteste Vertreter der Familie. Wie die Kreisarchivpflegerin Siglinde Buchner schildert, war er als markgräflicher Feldhauptmann an etlichen Feldzügen beteiligt. 1490 ist er Amtmann in Gunzenhausen geworden. Beim Sturz vom Pferd rammte er sich die Lanzenspitze in den Leib und starb 50-jährig somit auf tragische Weise. In der Gunzenhäuser Stadtkirche hat sein Epitaph den Platz unter der Kanzel.

„Die ehemaligen Mühlen am Brombach und Igelsbach“ nennt Dr. Daniel Schönwald (Kalbensteinberg) seine Häuserchronik, in der alle Mühlen und deren Geschichte sowie die Eigentümer vollständig auflistet. Auffallend oft stieß er bei seinen Recherchen auf die Namen Walther, Rupp und Egerer. Diese Familien sind heute noch präsent. Zum größten Teil im Brombachsee versunken sind die einstigen Anwesen: Hühnermühle, Furthmühle, Beutelmühle, Scheermühle, Neumühle, Grafenmühle, Birkenmühle, Öfeleinsmühle, Langweidmühle, Mandlesmühle, Mäusleinsmühle, Sägmühle und Griesmühle.

Von einem mysteriösen Schatzgraben 1755 im Mönchshof bei Kalbensteinberg schreibt Thomas Müller (Kalbensteinberg) unter dem Titel „So werde lauter golt daraus“. Den Kalbensteinbergern ist damals Im „Herrenwald“ eine Gestalt in weißem Gewand erschienen, die behauptete, es würden Gold und Edelsteine zu finden sein. Der „Kalber“ Schäfer Goll und sein Sohn, der Igelsbacher Schäfer und ein „Catholischer Geistlicher“ waren  neben dem Schuster Rothenberger involviert. Es fand sich aber nur eine wertlose Büchse mit einem geschliffenen Stein, aufgefädelten Glasperlen, einem Weißdraht und viele Erde. Man war einem Gauner aufgesessen. Vor „Schatzgräbern und herumschweifendem Gesindel, das keinesweges geduldet werden darf“, hatte die markgrafläche Verwaltung gewarnt.

Der Vogelfang war bis in das 18. Jahrhundert für die Ärmsten der Armen eine Möglichkeit, an Geld zu kommen. Sie handelten mit  Wacholderdrosseln und anderen Singvögeln auf Märkten. In den Küchen von reichen Nürnberger Patriziern gab es „gebratene Lerchen in einer Brüh“ oder auch „gespickte Trosseln“. Thomas Müller  skizziert den Kalbensteinberger Vogelfänger Johann Michael Lutz (1774-1798) unter dem Titel „Ein Vogelfänger bin ich ja“ und geht darauf ein, dass es auch heute noch die Fangplätze unter dem Flur- und Straßennamen „Vogelherd“ beispielsweise  in Haundorf, Brombach, Heidenheim und Schwabach (ganzer Stadtteil) gibt. 1809 ist der Vogelfang in Bayern amtlicherseits verboten worden.

Dem Hesselberg widmet sich Thomas Freller indem er den markgräflichen Autor, Zeichner, Kupferstecher und Graveur Johann Gottfried Köppelvorstellt und auf dessen literarische Hinterlassenschaften eingeht. Seinen Beitrag nennt er eine Miszelle zur Identität des Autors eines „Schreiben eines Freundes über den Hesselberg im Anspachischen“.  Köppel (1748 geboren) war Kanzleiinspektor bei Markgraf Alexander. Er schrieb als anonymer Autor im „Fränkischen Archiv“ und im „Museum für Künstler und Kunstliebhaber“ seine Wahrnehmungen in Unterschwaningen, am Hahnenkamm und am Hesselberg, Auf der Gelben Bürg ist „außer Eberwurz nicht des geringste Kräutlein zu finden“ notierte er, und „die Erde ist so schwarz wie Kühnruß“. Den „Hunnenkamp“ nahm er als Wacholderbrachfläche wahr. Das Unterschwaninger Schloss fiel ihm als „niedlich und modern meubliert“ auf. Den Hesselberg rühmt er: „Die Aussicht vom Ätna hat nicht alle die Vollkommenheiten, die uns die Aussicht des Hesselbergs darstellt“. 1786 soll er über „eine kleine Reise in den Altmühlgrund nach Gunzenhausen“ geschrieben haben.

Dominik Rieger porträtiert in seinem Beitrag „Gunzenhausens erster  Stadtmusikmeister Christian Ludwig Fürst“.  Er wurde 1859  der Nachfolger von C.F. Moebius,  den Laura Meyer im Jahrbuch 75 vorstellte.Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der im Streit mit der Stadt geschieden war, musste Fürst nicht mehr zusätzlich auch als Türmer tätig sein. Er stammte aus Heidenheim und wird als „friedliebend und im Umgang sehr gefällig“ beschrieben. Von Möbius übernahm er auch die musikalische Leitung des „Liederkranzes“. Lebensglück war ihn nicht beschieden, denn zwei seiner Töchter starben innerhalb einer Woche an der damals grassierenden Keuchhusten-Epedemie.

Eva Reineke befasst sich mit dem „Geologen Dr. Ludwig von Ammon (1850-1922)“, einem Sohn der Stadt Gunzenhausen, auch wenn dieser nur wenige Kindheitsjahre in der Stadt verbrachte, wo sein Vater als Landgerichtsassessor tätig war. Der Naturwissenschaftler wirkte an der geologischen Beschreibung und Kartierung Bayerns mit, war aber ein Mensch „von gewissem Sonderlingswesen verfallener Eigenart“.

2012 hat das Stadtarchiv Gunzenhausen  ein 60 mal 48 cm großes Bild geschenkt bekommen, das die Gunzenhäuser Bäcker zeigt. Jetzt beschreibt Stadtarchivar Werner Mühlhäußer „Das Bild der Bäckerinnung in Gunzenhausen von 1896“, stellt alle eingerahmten 18 Meister vor und schildert die Zunftordnung der Bäcker von 1888, in deren Statut „die Pflege des Gemeingeistes sowie die Aufrechterhaltung und Stärkung der Standesehre, der Förderung des gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gesellen“ hervorhoben wird. Die Fotos stammen übrigens von dem „Photographen Atelier G. M. Fettinger von der Schäupeleinsmühle in Gunzenhausen“.

„Werter Herr Kreisleiter!“. Stadtarchivar Werner Mühlhäußer wertet Feldpostsendungen an den einstigen NS-Kreisleiter Johann Appler aus, der auch Gunzenhäuser Bürgermeister (1936-1945) und Reichstagsabgeordneter (ab 1933) war.  Im Archiv sind 160 dieser Briefe von Frontsoldaten an den Kreisleiter unter dem Kapitel „Feldpost der Gefolgschaftsmitglieder“ aufbewahrt. 34 greift Mühlhäußer heraus. Zitiert werden bekannte Gunzenhäuser Parteigänger, so u.a. der Autohausgründer Max Halbig:  „Meinem Grundsatz bleibe ich treu, wenn ich sterben muß, sterbe ich gerne für Adolf Hitler, unseren heißgeliebten Führer“.  Und Wolfgang Rathsam, später Finanzbeamter, äußerte sich radikal: „Wenn man diese Tiere von Menschen (die Polen, d.Red) ansah, hätte man buchstäblich nur eines tun können, nämlich niederknallen“.  Karl Rieger schrieb aus Straßburg: „Alles, was französisch ist, wird rausgeworfen!“

Werner Mühlhäußer erinnert an das Heimatspiel „Kreuz im Altmühltal“, das 1922 das erste Mal in Gunzenhausen aufgeführt wurde.. Gerbermeister Gustav Schneider hat damals aus der Sage und einem Gedicht das Theaterstück verfasst.  Es wurde im „Adlerbräu“-Saal präsentiert, Schneider dufte die Premiere erleben, ist aber wenige Tage danach verstorben. Später war der Aufführungsort die „Waldbühne“ am Röschelskeller. Übrigens: „Kreuz im Altmühltal“ lebt im Jubiläumsjahr 2022 neu auf. Man darf auf die neue, zeitgemäße Inszenierung gespannt sein.

Die Serie „Lebensbilder bekannter Gunzenhäuser“, zuletzt 1994 im Jahrbuch 49 erschienen, setzt Werner Falk fort. Er porträtiert den Kürschnermeister Heinz Beck, Verkehrsamtsleiter Christof Beck, Abteilungsleiter Dr. Hans Kirsch, Polizeibeamten Hans Billmann, Rektor Otto Bauer und den Verwaltungsbeamten Otto Kleemann.

Die Publikation „Alt-Gunzenhausen“ ist im Gunzenhäuser Buchhandel für 15 Euro erhältlich.

Die Bäcker von Gunzenhausen

Stadtarchivar Mühlhäußer dokumentiert das alte Handwerk

Von 1896 stammt dieses Bäckerbild mit allen Handwerksmeistern dieser Zeit. Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen

Großformatige Fotomontagen von Gunzenhäuser  Gesellschaften und Vereinen sind heute fast ausschließlich nur noch im Museum zu sehen. Eines – und zwar das der Bäckerinnung Gunzenhausen –  ist durch eine Schenkung in den Besitz des Stadtarchivs gelangt. 18 einzelne in Passepartouts gefasste Fotografien sind auf dem Bäckerbild aus dem Jahr 1896 zu sehen. Stadtarchivar Werner Mühlhäußer hat das Vereinsbild zum Anlass genommen, um zu forschen. Das Ergebnis ist im neuen Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“  zu lesen, das vom Verein für Heimatkunde herausgegeben wird.

Bevor die bayerische Verwaltungsreform von 1808 und die Sozialgesetze im Deutschland des 19. Jahrhunderts die Gewerbefreiheit für die Handwerksberufe brachten, waren die Zunftordnungen gültig. Die Bürgeraufnahmebücher von Gunzenhausen liefern Informationen für die Jahre von 1550 bis 1868. Weitere Erkenntnisse liefern die 1534 angelegten Kirchenbücher. Erst schriftliche Nachweise von Gunzenhäusern Bäckern sind ihnen zu entnehmen.

Den Bürgeraufnahmebüchern ist zu entnehmen, dass in diesen rund 300 Jahren eine ganze Reihe von Handwerkern in der Stadt ansässig war. Die meisten stellten die Schuhmacher, dann folgten (in dieser Reihenfolge) die Wirte, die Bäcker, Metzger, Schneider, Maurer, Gerber, Weber, Bierbrauer und Zimmermänner. Anstelle der Bäckerzunft agierte ab 1829 der Bäckerfachverein, der 1888 in eine Innung umgewandelt wurde. Die Statuten markieren die Ziele der Innung: Pflege des Gemeingeistes, Stärkung der Standesehre, Förderung des gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gesellen und sittliche Ausbildung der „Stiften“.

Das Bäckerbild ist handwerklich eine Leistung von Georg Michael Fettinger, der eigentlich Müller (und Inhaber der Scheupeleinsmühle) war, jedoch eine persönlich starke Leidenschaft für das Fotografieren hatte und ein eigenes Fotoatelier einrichtete. Sein Sohn Jakob Heinrich übernahm es 1899 und erbaute es neu in der Bahnhofstraße 31.

Erster Innungsobermeister war Johann Friedrich Huber, dessen Frau 1906 in der  Bäckerei ums Leben kam, als beim Befüllen einer Benzinlampe Feuer ausbrach. „Missliche Vermögensverhältnisse“ führten dazu, dass sich der Meister 1913 das Leben nahm. Sohn Heinrich übernahm das Geschäft in der Bahnhofstraße 15 (heute: Hörgeräte Eisen) und führte es bis 1960. Nachfolger Karl Reissig war bis 1976 tätig.

Friedrich Karl Lechner war 1913 bis 1935 der Obermeister. Er übernahm das Anwesen in der Rathausstraße 9. Dort lässt sich schon 1612 ein Bäcker namens Michael Gerber  in der Schmidgasse (früherer Straßenname) nachweisen. Sein Nachfolger betrieb zudem eine Schankwirtschaft, was damals vielfach üblich war. Er erlaubte Stallknechten und markgräflichen Husaren das verbotene Kartenspiel, zahlte 1746 notgedrungen das Strafgeld von 30 Gulden, um nicht eingesperrt zu werden. Bis 1960 wurde erwerbsmäßig Brot gebacken.

Der aus Unterwurmbach stammende Johann Loy war Kassier. Mit der Gastwirtstochter Maria Knoll aus Merkendorf hatte er elf Kinder. In der früheren Hafnerwerkstatt in der Nürnberger Straße 15 eröffnete er eine Bäckerei, die 1920 sein Schwiegersohn Friedrich Buchner übernahm, der später als Obermeister fungierte und den Betrieb bis 1963 führte.

Aus Sausenhofen kam Johann Friedrich Bach, der 1886 das Walmdachhaus in der Gerberstraße 8 erwarb. Er hatte zugleich eine Mehlhandlung. Später verkaufte er das Anwesen und erwarb das Haus in der Sonnenstraße 16, in dem er eine Kolonialwarenhandlung einrichtete.

Der Langlauer Friedrich Ludwig Barthel kam 1888 in die Stadt und betrieb sein Handwerk in der Gerberstraße 11. Hochverschuldet musste er aber später an den Metzger und Wirt A.P. Guthmann verkaufen. Es folgten weitere Bäckermeister – und 1922 mit Rosina Linse sogar die erste bayerische Bäckermeisterin. Deren Sohn Xaver (Stadtrat) übernahm das Geschäft 1961 und übergab es 1977 an Edwin Rohr, der es 2004 aufgab.

Von dem aus Rehenbühl stammenden  Johann Baumgärtner ist bekannt, dass er das Haus in der Sonnenstraße 1 von Wilhelm Vorbrugg erwarb. Schon 1734 war dort eine Bäckerei ansässig. Der Nachkomme Werner Baumgärtner leitete das Geschäft ab 1961 (heute: Cafe Wehrgang).

Georg Heinrich Emmerling, der 1872 aus Brand nach Gunzenhausen kam, erwarb das Haus Marktplatz 19, sein Bruder das Haus in der Oettinger Straße 3. Die „Weinstube Emmerling“  geht auf das Jahr 1873 zurück, der Neubau entstand 1887.  Die Bäckertradition in der Familie endete 1978, als Ludwig Emmerling verkaufte.

Der Heidenheimer Johann Friedrich Högner übernahm die wohl älteste Bäckerei (schon 1642 urkundlich erwähnt) am Marktplatz 41a. Das große Wohn- und Geschäftshaus brannte am Gründonnerstag des Jahres 1915 so stark ab, dass es neu aufgebaut werden musste. Zudem waren zwei Todesopfer zu beklagen.  Von 1959 bis 1979 war Wilhelm Högner der Hausherr.

Der aus Bühl bei Nördlingen stammende Friedrich Karl Meidert erwarb 1893 das Haus in der Kirchenstraße 4, das als eines der ältesten Gebäude gilt (zwischen 1450 und 1500 erbaut).

1889 kam Johann Georg Minnameyer in die Stadt, um  das Anwesen im Auweg 5 zu erwerben, später verlegte er den Betrieb in die Weißenburger Straße 23. Enkeltochter Frieda („Friedi“) betrieb mit ihrem Mann Friedrich Moßhammer das Geschäft bis 1994.

Weitere Bäckermeister waren der aus Ansbach stammende Georg Adam Mohrenhardt (Oettinger Straße 3) und Wilhelm Christian Moßhammer (erst Hensoltstraße 36, dann Weißenburger Straße 12). Der Pfofelder Johann Adam Schönecker war in der Weißenburger Straße 2 aktiv, der spätere Eigentümer Johann Hermann (ebenfalls aus Pfofeld) gab das Gewerbe 1937 auf.  Johann Michael Ströhlein (Zur Altmühl 2)  verpflichtete in seinem Testament die Bäckerinnung, für seine Grabpflege zu sorgen. Jeder von den Handwerkskollegen hatte zudem für den Leichenschmaus für 70 Pfennige Brot zu liefern. In der Waagstraße 5 hatte Johann Karl Uhlmann sein Geschäft, das seine Tochter und deren Mann Friedrich Wagner 1961 aufgegeben haben. Ludwig Wilhelm Vorbrugg heiratete 1868 die Witwe des Bäckermeisters Ludwig Ries (Sonnenstraße 1) und veräußerte den Betrieb 1892 an Johann Baumgärtner. Die aus einer Weißenburger Bäckerfamilie stammende Amalie Magdalena Roth heiratete 1866 den aus Bieswang stammenden Johann Friedrich Wild und führte mit ihm die Bäckerei in der Gerberstraße 3, die seit 1823 bestand.  Aus Dittenheim kam Georg Leonhard Wöllmer, der mit der Sammenheimerin Eva Margarethe Hetzner verheiratet war. Beide übernahmen die Bäckerei in der Burgstallstraße 8 (später Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft).

WERNER FALK

Festspiel erlebt Renaissance

2023 kommt es zu einer zeitgemäßen Inszenierung

1963 war die letzte Aufführung des Stücks auf der Waldbühne. Foto: StGun/Archiv

Es ist eine romantisch-anrührende Legende: Das Kreuz im Altmühltal.  Schon im 19. Jahrhundert war sie Stoff für ein Heimatspiel. 1869 ist es als „romantisches Ritterschauspiel aus Gunzenhausen“ erstmals aufgeführt worden, und zwar von einer Wanderbühne. Der mit literarischem Interesse ausgestattete Rotgerbermeister Gustav Schneider bearbeitete das Volksschauspiel  danach neu. Im Dezember 1922 – also vor 100 Jahren – war die Premiere mit einheimischen Darstellern im Adlerbräu-Saal. Zum 1200-jährigen Stadtjubiläum wird es heuer eine neue Inszenierung geben, und zwar am 21. Juli im Falkengarten. Außerdem plant die Stadtbücherei eine Ausstellung vom 20. Juli bis 25. August.

Stadtarchivar Werner Mühlhäußer widmet sich im neuen Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“  dem Heimatschauspiel, das unter den Gunzenhäusern im 19. und 20. Jahrhundert zu den kulturellen Höhepunkten zählte. Zugrunde liegt die Sage von einer Liebesgeschichte das Ritters Burkhard von Seckendorff mit der Fischerstochter Hedwig. Er soll auf der Jagd anstatt eines Rehes seine beerenpflückende Geliebte mit einem Schuss aus der Armbrust getötet  und aus  Reue das Gunzenhäuser Heilig-Geist-Spital gegründet und das Denkmal errichtet haben. Historischer Fakt aber ist, dass der Adelige 1349 die Stadt erwarb und auch 1351 die Spitalstiftung ins Leben rief  – aber nicht als Zeichen der Reue und um Buße zu tun, sondern zu seinem eigenen Seelenheil. Wie er es wollte, ist bis heute sein Grabmal in der Spitalkirche zu bewundern. Wie Historiker herausgefunden haben, gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Bildstock mit der Jahreszahl 1442 an der Oettinger Straße und Burkhard von Seckendorff.

 „In dem Thale mild und freundlich/an der Altmühl grünem Strand/blüht ein Städtchen rein und niedlich/Gunzenhausen wird’s genannt“.  So lautet einer der Verse der Sage, als deren früheste Quelle das Gedicht (32 Verse) von Fanny von Stichaner gilt.  Sie war als Tochter eines hohen Ansbacher Beamten mit dem königlich-bayerischen Forstmeister verheiratet, der zwei Jahre (bis 1835) in Gunzenhausen amtierte. Einen weiteren Zyklus aus 23 Gedichten schrieb Georg Scheurlin, der auch den „Scharfrichter von Rothenburg“ literarisch verewigte.

Es waren immer wieder Wanderbühnen, die das Stück inszenierten. 1869 war wohl die Premiere. „Auf allseitiges Verlangen“ gab es im 19. Jahrhundert noch weitere Aufführungen. Man hatte sogar Pläne, das Stück jedes Jahr auf die Bühne zu bringen, aber der Erste Weltkrieg verhinderte das. Erst 1919 ging es weiter.

Gustav Schneider übernahm 1897 von seinem Vater die Gerberei. Das Handwerk sollte seine Zukunft bestimmen, auch die Heirat mit der Wassermungenauer Müllerstochter Anna Margaretha Braun bestärkte diesen Lebenslauf. Seine große Liebe aber galt dem Theater. In der Lateinschule hatte  er seine frühe Prägung erfahren.  Er schuf u..a. das Bühnenstück „Der Seegeist“.  Wer  weiß,  vielleicht erlangt es im Lichte des Altmühlsees ungeahnte Aktualität. Schneider  gelang es, 86 Sponsoren für seinen Festspielgedanken zu erwärmen. Ein Dorn im Auge waren ihm aber die auswärtigen Wanderbühnen. Auf Drängen des Festspielausschusses ließ sich der Stadtrat erweichen, den Schaupielergruppen die Aufführung des Heimatstücks zu untersagen. Vor allem Dr. Heinrich Eidam war damals einer der Wortführer. Ein Ensemble aus 17 Gunzenhäusern bildete den Kern der Schauspieler, die am 9. Dezember 1922 zur ersten Aufführung auftraten. Inflationsbedingt waren die Eintrittspreise bis auf 80 Mark hochgeklettert.  Der Auftritt übertraf alle Erwartungen. Marie Arnold spielte die Hedwig „mit anziehender Lieblichkeit“ und Obersekretär Böhner den Burkhard „mit Würde und ergreifender Innigkeit“. Viele Gunzenhäuser halfen hinter der Bühne mit. Schätzungen zufolge besuchten 3200 Personen die acht Vorstellungen. Einer allerdings war nicht mehr dabei: Gustav Schneider. Schwer krank konnte den „triumpfhalen Erfolg“ seines Theaterstücks nicht mehr erleben, am dritten Aufführungstag starb er.

In den zwanziger und dreißiger Jahren erlebten die Gunzenhäuser weitere 25 Aufführungen der „Spielervereinigung Kreuz im Altmühltal“ (1924 gegründet). Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine nicht vorstellbare Begeisterung feststellbar. An der Sparkasse standen die Menschen Schlange, um eine Eintrittskarte zu ergattern. So mussten 14 Vorstellungen gegeben werden, die von 7200 Leuten besucht wurden.  Der Bürgermeister versprach allen Akteuren „ein Stück Freibankfleisch 1a“.

Wie Autor Werner Mühlhäußer feststellt, gab es erstmals 1953 das Theater unter freiem Himmel, und zwar auf der Waldbühne am Röschelskeller. Man mag sich die begeisterte Zustimmung heute gar nicht mehr vorstellen: 8000 kamen zu den neun Vorstellungen.  1963 steht für das Ende. Aber immerhin: 2023  wird es eine neue Inszenierung des Heimatschauspiels  geben.

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen ist für 15 Euro im Gunzenhäuser Buchhandel erhältlich.

Die Bäcker von Gunzenhausen

Seit 1888 gibt es die Bäckerinnung

Das Bäckerbild von 1896 wird in der neuen Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ beschrieben.

Großformatige Fotomontagen von Gunzenhäuser  Gesellschaften und Vereinen sind heute fast ausschließlich nur noch im Museum zu sehen. Eines – und zwar das der Bäckerinnung Gunzenhausen –  ist durch eine Schenkung in den Besitz des Stadtarchivs gelangt. 18 einzelne in Passepartouts gefasste Fotografien sind auf dem Bäckerbild aus dem Jahr 1896 zu sehen. Stadtarchivar Werner Mühlhäußer hat das Vereinsbild zum Anlass genommen, um zu forschen. Das Ergebnis ist im neuen Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“  zu lesen, das vom Verein für Heimatkunde herausgegeben wird.

Bevor die bayerische Verwaltungsreform von 1808 und die Sozialgesetze im Deutschland des 19. Jahrhunderts die Gewerbefreiheit für die Handwerksberufe brachten, waren die Zunftordnungen gültig. Die Bürgeraufnahmebücher von Gunzenhausen liefern Informationen für die Jahre von 1550 bis 1868. Weitere Erkenntnisse liefern die 1534 angelegten Kirchenbücher. Erst schriftliche Nachweise von Gunzenhäusern Bäckern sind ihnen zu entnehmen.

Den Bürgeraufnahmebüchern ist zu entnehmen, dass in diesen rund 300 Jahren eine ganze Reihe von Handwerkern in der Stadt ansässig war. Die meisten stellten die Schuhmacher, dann folgten (in dieser Reihenfolge) die Wirte, die Bäcker, Metzger, Schneider, Maurer, Gerber, Weber, Bierbrauer und Zimmermänner. Anstelle der Bäckerzunft agierte ab 1829 der Bäckerfachverein, der 1888 in eine Innung umgewandelt wurde. Die Statuten markieren die Ziele der Innung: Pflege des Gemeingeistes, Stärkung der Standesehre, Förderung des gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gesellen und sittliche Ausbildung der „Stiften“.

Das Bäckerbild ist handwerklich eine Leistung von Georg Michael Fettinger, der eigentlich Müller (und Inhaber der Scheupeleinsmühle) war, jedoch eine persönlich starke Leidenschaft für das Fotografieren hatte und ein eigenes Fotoatelier einrichtete. Sein Sohn Jakob Heinrich übernahm es 1899 und erbaute es neu in der Bahnhofstraße 31.

Erster Innungsobermeister war Johann Friedrich Huber, dessen Frau 1906 in der  Bäckerei ums Leben kam, als beim Befüllen einer Benzinlampe Feuer ausbrach. „Missliche Vermögensverhältnisse“ führten dazu, dass sich der Meister 1913 das Leben nahm. Sohn Heinrich übernahm das Geschäft in der Bahnhofstraße 15 (heute: Hörgeräte Eisen) und führte es bis 1960. Nachfolger Karl Reissig war bis 1976 tätig.

Friedrich Karl Lechner war 1913 bis 1935 der Obermeister. Er übernahm das Anwesen in der Rathausstraße 9. Dort lässt sich schon 1612 ein Bäcker namens Michael Gerber  in der Schmidgasse (früherer Straßenname) nachweisen. Sein Nachfolger betrieb zudem eine Schankwirtschaft, was damals vielfach üblich war. Er erlaubte Stallknechten und markgräflichen Husaren das verbotene Kartenspiel, zahlte 1746 notgedrungen das Strafgeld von 30 Gulden, um nicht eingesperrt zu werden. Bis 1960 wurde erwerbsmäßig Brot gebacken.

Der aus Unterwurmbach stammende Johann Loy war Kassier. Mit der Gastwirtstochter Maria Knoll aus Merkendorf hatte er elf Kinder. In der früheren Hafnerwerkstatt in der Nürnberger Straße 15 eröffnete er eine Bäckerei, die 1920 sein Schwiegersohn Friedrich Buchner übernahm, der später als Obermeister fungierte und den Betrieb bis 1963 führte.

Aus Sausenhofen kam Johann Friedrich Bach, der 1886 das Walmdachhaus in der Gerberstraße 8 erwarb. Er hatte zugleich eine Mehlhandlung. Später verkaufte er das Anwesen und erwarb das Haus in der Sonnenstraße 16, in dem er eine Kolonialwarenhandlung einrichtete.

Der Langlauer Friedrich Ludwig Barthel kam 1888 in die Stadt und betrieb sein Handwerk in der Gerberstraße 11. Hochverschuldet musste er aber später an den Metzger und Wirt A.P. Guthmann verkaufen. Es folgten weitere Bäckermeister – und 1922 mit Rosina Linse sogar die erste bayerische Bäckermeisterin. Deren Sohn Xaver (Stadtrat) übernahm das Geschäft 1961 und übergab es 1977 an Edwin Rohr, der es 2004 aufgab.

Von dem aus Rehenbühl stammenden  Johann Baumgärtner ist bekannt, dass er das Haus in der Sonnenstraße 1 von Wilhelm Vorbrugg erwarb. Schon 1734 war dort eine Bäckerei ansässig. Der Nachkomme Werner Baumgärtner leitete das Geschäft ab 1961 (heute: Cafe Wehrgang).

Georg Heinrich Emmerling, der 1872 aus Brand nach Gunzenhausen kam, erwarb das Haus Marktplatz 19, sein Bruder das Haus in der Oettinger Straße 3. Die „Weinstube Emmerling“  geht auf das Jahr 1873 zurück, der Neubau entstand 1887.  Die Bäckertradition in der Familie endete 1978, als Ludwig Emmerling verkaufte.

Der Heidenheimer Johann Friedrich Högner übernahm die wohl älteste Bäckerei (schon 1642 urkundlich erwähnt) am Marktplatz 41a. Das große Wohn- und Geschäftshaus brannte am Gründonnerstag des Jahres 1915 so stark ab, dass es neu aufgebaut werden musste. Zudem waren zwei Todesopfer zu beklagen.  Von 1959 bis 1979 war Wilhelm Högner der Hausherr.

Der aus Bühl bei Nördlingen stammende Friedrich Karl Meidert erwarb 1893 das Haus in der Kirchenstraße 4, das als eines der ältesten Gebäude gilt (zwischen 1450 und 1500 erbaut).

1889 kam Johann Georg Minnameyer in die Stadt, um  das Anwesen im Auweg 5 zu erwerben, später verlegte er den Betrieb in die Weißenburger Straße 23. Enkeltochter Frieda („Friedi“) betrieb mit ihrem Mann Friedrich Moßhammer das Geschäft bis 1994.

Weitere Bäckermeister waren der aus Ansbach stammende Georg Adam Mohrenhardt (Oettinger Straße 3) und Wilhelm Christian Moßhammer (erst Hensoltstraße 36, dann Weißenburger Straße 12). Der Pfofelder Johann Adam Schönecker war in der Weißenburger Straße 2 aktiv, der spätere Eigentümer Johann Hermann (ebenfalls aus Pfofeld) gab das Gewerbe 1937 auf.  Johann Michael Ströhlein (Zur Altmühl 2)  verpflichtete in seinem Testament die Bäckerinnung, für seine Grabpflege zu sorgen. Jeder von den Handwerkskollegen hatte zudem für den Leichenschmaus für 70 Pfennige Brot zu liefern. In der Waagstraße 5 hatte Johann Karl Uhlmann sein Geschäft, das seine Tochter und deren Mann Friedrich Wagner 1961 aufgegeben haben. Ludwig Wilhelm Vorbrugg heiratete 1868 die Witwe des Bäckermeisters Ludwig Ries (Sonnenstraße 1) und veräußerte den Betrieb 1892 an Johann Baumgärtner. Die aus einer Weißenburger Bäckerfamilie stammende Amalie Magdalena Roth heiratete 1866 den aus Bieswang stammenden Johann Friedrich Wild und führte mit ihm die Bäckerei in der Gerberstraße 3, die seit 1823 bestand.  Aus Dittenheim kam Georg Leonhard Wöllmer, der mit der Sammenheimerin Eva Margarethe Hetzner verheiratet war. Beide übernahmen die Bäckerei in der Burgstallstraße 8 (später Kolonialwaren- und Delikatessengeschäft).

WERNER FALK

„Alt-Gunzenhausen“ ist ab sofort im Gunzenhäuser Buchhandel für 15 Euro erhältlich.