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Kirchenbücher erzählen Geschichte

Alt-Gunzenhausen: Skurriles zu den Bestattungen im Mittelalter

Es sind nicht wenige Leser des Altmühl-Botens, die sich vornehmlich für die letzte Seite interessieren, wo die stark umrahmten Inserate stehen, sprich: die Todesanzeigen. Im 17. Jahrhundert hat es noch keine Zeitung gegeben, nur die Einträge im Bestattungsregister der Pfarrei. Dort sind neben den Taufen und Trauungen auch die Bestattungen aufgezeichnet, und zwar schon ab dem Jahr 1585. „Sie geben einen Einblick in die damaligen sozialen Verhältnisse“, sagt der Historiker Wolfgang Pfahler (Vreden), der hier die Grundschule besuchte und später für das Lehramt studierte. Er gehört zum Autorenstamm von „Alt-Gunzenhausen“, dem Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde. In der aktuellen Ausgabe widmet er sich den Besonderheiten der Bestattungen, wobei mancherlei Skurriles zu lesen ist.

Die Eintragungen von 1618 bis 1717 sind eine wahre Fundgrube für den Historiker und es sind vergnügliche Bemerkungen darunter, die heutzutage im Zeichen der Datenschutzgrundordnung unvorstellbar sind. Wolfgang Pfahler (77) hat von 1947 bis 1955 in Gunzenhausen gelebt (Marktplatz 25/ der Schuhmacher Pfahler war sein Großvater, Dr. Hans Kirsch sein Patenonkel). In Würzburg hat er das Abitur abgelegt, danach war er in Vreden (Westmünsterland) im Lehramt tätig. Er ist  in den Kirchenbüchern auf viele Begebenheiten gestoßen.  Zu lesen ist deshalb in seinem Beitrag von misslungenen Kuren beim Bader, Bigamie, Missbildungen, vom Umgang mit den Katholiken, von Familienstreit und Intrigen, Hurerei und Zwangskopulationen – und dem Tod eines 75-Jährigen kurz nach seiner dritten Hochzeit.

Der Cronheimer Weber Caspar Denner ist beispielsweise 1619 „aus Schwachheit und Blödigkeit“ in ein „unverdecktes Brünnlein“ gefallen und darin ertrunken. In den Fischgruben seines Vaters hat der fünfjährige Johannes Messerer aus Laubenzedel auf die gleiche Weise den Tod gefunden.  Hans Frank, ein Krämer aus Wachstein, ist 1620 „enthauptet und auf das Rad gelegt worden“ nachdem er bei „Wömmersheim“ (Weimersheim) einen Juden erschlagen hatte. 1648 ist die Hausfrau Barbara Deuter „bey schwermüthiger Verzweiflung 43 Jahr alt verrecket“. Sie ist zur Abschreckung für andere mit „ungewöhnlichem Gesang“ neben den armen Sündern begraben worden. „Ein alt Weib zu Oberasbach, so 108 Jahr erreichet und 80 Jahr mit zwei Männern im Ehestand gelebet“ wird im Kirchenbuch von 1652 erwähnt.

Kriminelles Handeln hat es auch damals schon gegeben. Margaretha Kölerin von Kehl „unterhalb der Weltzburg“ (Wülzburg) hat 1668 im Wittibstand  (Witwe) ein Kind gezeugt mit einem Zimmerergesellen, es aber gleich nach der Geburt selbst ermordet und in einer Schachtel unter ihrem Bett versteckt. Als sie dem Scharfrichter die Tat gestanden hatte, wurde sie „mit dem schwerd getodet“. Von einem ähnlichen Fall wird 1696 berichtet:  In Unzucht gezeugtes Söhnlein der Weimersheimer Näherin Magdalene Maria Offengruber ist nach der Geburt umgebracht und in den Brotschrank gestopft worden.  Die Mutter ist „geköpfett“ worden. „An der hitzigen Krankheit darnieder gelegen“ war 1704 des Gunzenhäuser Hutmachers Heinrich Kenzers Weib, das sich „in ihren Haus Brunnen gestürzet“ hat.  Weiter notierte der Pfarrer im Kirchenbuch: „Der Cörper blieb im Brunnen liegen selben Tages, und guthen Teil der Nacht, weil sich niemand zum Heraus ziehen wollte gebrauchen lassen“.

Übermäßiger Alkoholgenuss war natürlich damals schon im Spiel, wenn die Menschen verunglückten. Die 43-jährige Maria Steinwitzen aus Muhr ist 1693 „voll von Brandtenwein am graben hockend erstarret u. tod gefunden“. Johann Lindel, ein „Beker und Brandweinbrenner zu Labezedel“ wurde 1709 in der Früh tot in seinem Bett gefunden. Er hatte „bei seines Nachbarn Kindschenk so viel Branntweyn getrunken, dass man ihn nach Hauß hat müssen führen“. Der Pfarrer erhielt vom hochfürstlichen Hofrat den Auftrag, „die gewöhnl. Leich Ceremonien“ abzukürzen und weniger mit den Glocken zu läutten und wider die Völlerey eine ernstl. Predigt thun“.

Tragisch war der Unfalltod der Unterwurmbacherin Anna Eißen (1711), die beim Grummetholen vom Wagen fiel und sich den Hals brach, „so dass sie kein Anzeig mehr geben können“. Sie war „schwangeren Leibs gewesen“.

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ ist für 25 Euro im  Buchhandel erhältlich. Es enthält 21 Beiträge von 18 Autoren zur Historie von Gunzenhausen und der Umgebung.