Tag Archives: Heimatkunde

Verdienstmedaille für G. Herrmann

Landrat zeichnete den vielfach engagierten Walder aus

Landrat Westphal mit dem Ehepaar Renate und Gerhard Herrmann sowie Dieter Gottschall und Bürgermeister KH Fitz.

Landrat Manuel Westhal hat im Landratsamt in Weißenburg die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen, und zwar an den Lehrer a.D. Gerhard Herrmann aus Gunzenhausen-Wald. Dabei würdigte er in Anwesenheit von Bürgermeister Karl-Heinz Fitz und Rektor a.D. Dieter Gottschall (Gunzenhausen), der die Ehrung vorgeschlagen hatte, die Persönlichkeit des Mannes, der sich in vielfältiger Form seit vielen Jahren auf den Sektoren Kultur, Kirche und Historie engagiert.

Wir zitieren aus der Rede des Landrats:

Helmut Kohl hat einmal gesagt: „Ohne die vielen Frauen und Männer, die in Deutschland ein Ehrenamt ausüben … wäre unser Land um vieles ärmer und unser Gemeinwesen so nicht denkbar.“ Und einer dieser Männer, der sich dazu noch in ganz besonderer Art und Weise für das Gemeinwesen eingesetzt haben, sind Sie Herr Herrmann. Herr Herrmann ist seit nahezu sechs Jahrzehnten aktiver Sänger im Männergesangverein Wald-Streudorf und engagiert sich seit mehr als viereinhalb Jahrzehnten ehrenamtlich in seiner Heimatgemeinde. Ich selbst bin gerade einmal 47 Jahre alt, Bürgermeister Karl-Heinz Fitz konnte dieses Jahr seinen 60. Geburtstag feiern, damit hat man Vergleichsgrößen. Ihr vielseitiges jahrzehntelanges Engagement für die Chöre und Vereine und der damit verbundene zeitliche Aufwand verdienen höchste Anerkennung.

1962 wurde Herr Hermann Mitglied im Männergesangverein Wald-Streudorf und ist seit dieser Zeit aktiver Sänger. Doch damit nicht genug, Sie übernahmen dann 1984 im Verein die Aufgaben des Schriftführers und sind seit 1998 Chorleiter. 1979 waren Sie dann Gründungsmitglied und Leiter der Walder Gmabüschsänger, die sich der Bewahrung des fränkischen Liedguts verschrieben haben. Nicht zuletzt haben Sie das Fischerfest mit ihrer Gesangsgruppe bereichert. Seit 1995 singen Sie zusätzlich im Shantychor Altmühlsee und dort fungieren Sie seit 2018 als Vorsänger des Chores. Auch im kirchlichen Bereich sind sie engagiert: Seit 1974 leiten Sie den Kirchenchor der Kirchengemeinde Wald, wo Sie auch von 1994 bis 2006 als Vertrauensmann im Kirchenvorstand tätig waren, seit 1983 sind Sie Lektor. Nicht zuletzt helfen Sie aber auch bei Engpässen als Organist aus. Eine besondere Leidenschaft ist aber auch das fränkische Brauchtum und dessen Erhalt. Das war wohl auch der Grund, warum Sie 1974 Gründungsmitglied des Heimatvereins Wald-Streudorf waren und seitdem (47 Jahre) das Amt des Schriftführers ausüben. Dabei zeigen Sie auch einen unermüdlichen Einsatz bei der Ausrichtung der traditionellen Veranstaltungen in Wald. Die Liste der Beispiele wäre hier lang, beispielhaft nenne ich daher die Lichtmessfeier, das Gmabüschfest, Goldene Hochzeiten und Kabarett- Veranstaltungen im Herrmannsstadel. Schließlich wirken Sie seit 2005 auch als Beiratsmitglied im Verein für Heimatkunde Gunzenhausen e. V. mit.

Ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten im musikalischen, kulturellen und kirchlichen Bereich haben nicht nur eine entscheidende Rolle für die positive Entwicklung von Wald entfaltet, sondern tragen dazu bei, dass Brauchtum und Vereinsleben einen hohen Stellenwert bei der Bevölkerung haben und für die nachfolgende Generation lebendig bleiben. Sehr geehrter Herr Hermann, ich freue mich daher sehr, Ihnen heute die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verleihen darf. Persönlich darf ich anmerken, dass man – sieht man sich die umfangreichen Tätigkeiten über Jahrzehnte hinweg an -, keine geeignetere Persönlichkeit vorstellen kann. Gerade in der heutigen Zeit ist es ganz besonders wichtig, dass wir Menschen wie Sie haben, die sich selbstlos für die Gesellschaft und Gemeinschaft einsetzen, die Tradition und Brauchtum erhalten, denen es aber auchgelingt, dieses lebendig zu halten und vor allem die Begeisterung auchweiter zu tragen. Personen wie Sie, das sind oftmals die „Helden im Verborgenen“ und deswegen ist es wichtig DANKE zu sagen und dies auch öffentlich zu tun, was ich heute gerne übernehme.

Neuer Vereinskassier

Rüdiger Schmidt übernahm Amt von Hans Minnameyer

Rüdiger Schmidt, langjähriger Mitarbeiter der Hypo-Vereinsbank in Gunzenhausen und Schiffsführer auf der MS Gunzenhausen, hat jetzt die Kassenführung des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen übernommen. Er war bisher mit Thomas Fischer  als Revisor tätig. Mit Dank verabschiedet wurde in der Jahreshauptversammlung im Gasthof „Adlerbräu“ der bisherige Kassier Hans Minnameyer, der zehn Jahre umsichtig und mit größter Korrektheit die Finanzen des 310 Mitglieder zählenden Geschichtsvereins geführt hat.

In der Jahresversammlung im Gasthof „Adlerbräu“ ließ Vorsitzender Werner Falk das Jahr 2020 Revue passieren. Infolge der Corona-Bestimmungen war die Tätigkeit des Vereins erheblich beeinträchtigt. Im Februar war die Jahresversammlung für 2019 und im Herbst eine Vorstandssitzung. Im Dezember ist das 75. Jahrbuch Alt-Gunzenhausen erschienen. Der Dank des Vorsitzenden galt seinem Stellvertreter Werner Mühlhäußer, der als Schriftleiter fungiert.

Gedacht wurde der verstorbenen Mitglieder Walter Lüther, Wolfgang Schneider (München), Günther Prechter (Cronheim), Klaus Zucker (Gunzenhausen) sowie Kurt Eichner (Gunzenhausen). In das Totengedenken eingeschlossen wurde auch Dieter Wenk, der vor wenigen Tagen verstorben ist.

Für die nächsten drei Jahre wiedergewählt wurden Vorsitzender Werner Falk, Stellvertreter Werner Mühlhäußer und Schriftführer Armin Kitzsteiner.  Neu in den Beirat wurden Georg Pfahler (Würzburg), Ernst Renner und Hannfried Reinhardt (Gunzenhausen). Sie treten an die Stelle von Dieter Gottschall und Franz Müller, die aus Altersgründen ausgeschieden sind.  Weiterhin sind dort Siglinde Buchner (Weißenburg), Heidi Dücker (Gunzenhausen), Gerhard Herrmann (Wald), Günter L. Niekel (Muhr am See) und  Thomas Müller (Kalbensteinberg). Als Kassenprüfer fungieren Thomas Fischer und Hans Minnameyer.

„Begegnung mit alten Gunzenhäusern“ nannte sich der Diavortrag von Werner Falk und Ernst Renner, der zu einem lebhaften Austausch von Erinnerungen und Episoden führte.

Mit Akribie geforscht

Hans Himsolt hat „Zinngießer von Gunzenhausen“ dokumentiert

Von dem Zinngießer Georg Leonhard Voelckel (1855) stammt diese Kaffeekanne aus Dittenheim.

Zinnfiguren, Bierkrüge, Biergläser mit Zinndeckel, Zinnteller, -Tassen und –Vasen schmückten noch in den letzten Jahrzehnten die Glasvitrinen, Regalbretter und Schrankaufsätze  in fast jedem Haushalt. Inzwischen sind sie aus der Mode gekommen. Die jungen Hausfrauen haben sie längst auf den Dachboden verfrachtet oder gleich entsorgt. Das war vor zwei Jahrhunderten natürlich noch ganz anders. Damals waren Zinnkrüge noch Ausdruck von bürgerlicher Wohlfahrt und die Zinngießer standen als Künstler unter den Handwerkern in höchstem Ansehen. Statistisch ließen sich noch vor hundert Jahren in Deutschland an die 250 Zinngießer nachweisen, heute gibt es in Bayern noch nur an die 20 aktive Betriebe. Der letzte Zinngießer von Gunzenhausen war Gottfried Himsolt. Sein Sohn, der Privatier Hans Himsolt, hat nach rund vierzig Jahren jetzt seine Forschungen zum Zinngießerhandwerk in der Stadt abgeschlossen und in Gemeinschaft mit dem Historischen Verein für Mittelfranken das Buch „Gunzenhäuser Zinngießer“ herausgebracht.

Die Gunzenhäuser kennen Hans Himsolt als einen mitunter recht eigenwilligen Zeitgenossen, der von seiner Forschungsarbeit überzeugt ist. Das haben Archäologen genauso erfahren wie Archivare. Er hat eigene Grabungen vorgenommen, um Zeugnisse römischer Besiedelung ans  Licht zu bringen und er gilt als Experte in Sachen bemalter Möbel in Südfranken. Im Gunzenhäuser Stadtmuseum und im Freilandmuseum Bad Windsheim sind die Exponate zu sehen.

Als junger Bursche hat sich Hans Himsolt im väterlichen Zinngießer- und Glasergeschäft (der Großvater Karl hatte es 1886 in der Oettinger Straße begründet) in der Werkstatt seines Vaters allerhand abgeschaut. Damals, vor fast vierzig Jahren, ist in ihm die Sammlerleidenschaft entbrannt, die ihn nicht mehr losgelassen hat. 1979 veröffentlichte er das erste Mal seine Forschungsergebnisse (in der vom Verein für Heimatkunde herausgegebenen Jahrespublikation „Alt-Gunzenhausen“).  Ergänzend dazu sind 1997 die „Kirchenschätze“ von Dagmar Thormann und Werner Mühlhäußer sowie 2014 der Band „Weißenburger Zinngießer“ von Gernot Römhild erschienen.

Der Historische Verein für Mittelfranken hat jetzt einen Beiband zu den „Mittelfränkischen Studien“ herausgebracht, der sich ausschließlich mit den Zinngießern befasst. Dr. Wolfgang F. Reddig, der Leiter des Ansbacher Markgrafenmuseums und Stadtarchivar, spannt in einem längeren Beitrag den großen geschichtlichen Rahmen auf. Er lobt das Druckwerk als erste übergreifende kulturhistorische Betrachtung dieses metallverarbeitenden Handwerks in Franken vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart.

Nürnberg als einer der wichtigsten Städte im Mittelalter hatte schon 1285 eine Zinngießerzunft – vor Lübeck, Prag und Hamburg. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es ein Nürnberger war, nämlich Michael Apelt, der 1654 im Bürgerbuch von Gunzenhausen als „Kannengießer“ erscheint. Ähnlich wie bei den  Gold- und Silberschmieden  waren seinerzeit nur die Zinngießermeister berechtigt, eine Marke (eingeschlagenes Zeichen)  als Hinweis auf Herkunft und Qualität zu führen. Zwar kamen schon 1793 erste Bedenken auf, ob das Essen von Zinntellern nicht gesundheitsschädlich sei, aber es dauerte dann noch mehr als hundert Jahre bis 1887 die Verwendung von bleihaltigem Geschirr in der Gastronomie gesetzlich verboten wurde. Damals schon waren es die „schwarzen Schafe“, die den anständigen Handwerkern das Leben schwer machten, indem sie zuviel Blei und zu wenig Zinn verwendeten, um so billiger sein zu können.

Peter Pals (1515), Jakob Herkhauser (1605), Hannß Müller (1618), Michael Apelt (1654), Johann Friedrich Vogtherr (1678) und Johann Philipp Messier (1731) waren – so der Gunzenhäuser Sammler – die ersten Zinngießer in der Stadt.  Es waren insgesamt 25.  Viele der von Hans Himsolt erforschten 140 Zinngegenstände, die er unter bestimmten Auflagen der Stadt vermachen will,  befinden sich in seinem Eigentum, andere sind in Privatbesitz.

WERNER FALK

Hans Himsolt: „Gunzenhäuser Zinngießer“ mit einem Vorwort von Dr. Wolfgang F. Reddig, 248 Seiten, erschienen im Selbstverlag des Historischen Vereins für Mittelfranken, ISBN 978-96049-075-3, 68 Euro.

Neues vom alten Gunzenhausen

„Alt-Gunzenhausen“ erscheint im Dezember

Die „Sharks“ aus dem Jahr 1963: Bernd Wecera, Dieter Grünsteudel, Rainer („Hasi“) Oertel, Harry Canbulat, Gerd Vorbrugg

Mit 13 heimatkundlichen Beiträgen aus der Feder von elf Autoren setzt der Verein für Heimatkunde Gunzenhausen seine  Schriftenreihe „Alt-Gunzenhausen“ fort. Es ist die 76. Ausgabe seit 1923. Wie Vorsitzender Werner Falk mitteilt, wird das umfangreiche Jahrbuch im Dezember erscheinen.

Von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart reichen in der zeitlichen Abfolge die Beiträge der lokalen Autoren. „Wir sind stolz darauf, dass wir einen festen und verlässlichen Stamm an Autoren haben, die sich der lokalen Historie widmen“, erklärte der Vorsitzende in der Vorstands- und Beiratssitzung im Gasthaus „Altes Rathaus“. Als eine glückliche Symbiose nannte er die Kooperation des Geschichtsvereins mit dem Stadtarchiv Gunzenhausen in der Person seines Leiters Werner Mühlhäußer, der zugleich als stellvertretender Vorsitzende des Vereins fungiert.

„Die neolithische Siedlung zwischen Sammenheim und Sausenhofen“ nennt sich der Beitrag von Werner Somplatzki, dem Kreisheimatpfleger für Archäologie. Siglinde Buchner hat sich gleich zwei Themen ausgesucht: die ehemaligen Turmburgen von Dornhausen, Pfofeld und Aha. Sie geht dabei auf die Beziehungen zu den Grafen von Abenberg ein und stellt Agnes Gräfin von Dollnstein vor, eine Patronatsherrin von Aha (1222). Die Johanniskirche von Altenmuhr porträtiert Günter L. Niekel  in reicher Illustration. Über die „Taufen Auswärtiger in den Kirchenbüchern von Heidenheim bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs“ hat Werner Kugler geforscht. Das Studium in den Gunzenhäuser Kirchenbüchern von 1534 bis 1875 war für Werner Mühlhäußer sehr ergiebig, denn er hat eine Reihe von „Jubelhochzeiten“ und somit interessante Hinweise auf die gesellschaftliche Stellung der Frauen in jener Zeit gefunden.

Ebenfalls um eine Hochzeit geht es im Beitrag von Walter Salfner. „Die Hochzeitsgeschäfte des Fünfbronner Pfarrers Seefried“ nennt er sich. Er schildert, wie die lentersheimische Pfarrei  Fünfbronn erst preußisch, dann bayerisch wurde. Dass es im 19. Jahrhundert auch in Gunzenhausen einen lebhaften Hopfenanbau und Hopfenhandel  gab, das schildert Werner Neumann.  „Das Bäckerbild von 1896“ ist der Beitrag von Werner Mühlhäußer betitelt, in dem er das Handwerk im 20. Jahrhundert vorstellt.  Bilder der Reformatoren Martin Luther und Phillip Melanchthon hängen in vielen Kirchen Altmühlfrankens, aber Dr. Joachim Schnürle widmet sich vorzugsweise denen, die in der Unterasbacher Michaelskirche zu sehen sind.  Auf die Entstehung des katholischen Kindergartens in Gunzenhausen geht Günther Dischinger ein (1921 sind die Franziskanerinnen aufgezogen) und setzt damit seine Dokumentationsreihe zu katholischen Einrichtungen fort.  Nicht von dem einstigen Mesner Emil Witthopf, sondern von dessen Sohn, dem bislang unbekannten Künstler Bernhard Witthopf, handelt der Beitrag von Günter Fürst.  Die  Heiligenbilder Witthopfs waren in der alten Stadtpfarrkirche zu sehen.

Wie doch die Zeit vergeht! Inzwischen gehören auch schon „The Sharks“ zur lokalen Historie, obgleich sie bei ausgewählten Anlässen noch auftreten.  „Erfolgsgeschichte der Gunzenhäuser Kultband“ nennt sich der Beitrag von Defne Su Islim. Mit der Veröffentlichung will der Verein für Heimatkunde deutlich machen, dass die Geschichte eben mehr als ist als die Forschung in einem jahrhundertealtem Umfeld.

Hommage an Ludwig Fels

„Weißenburger Blätter“ porträtieren den Literaten

Die „Weißenburger Blätter“ für Geschichte, Heimatkunde und Kultur widmen sich in ihrer jüngsten Ausgabe dem Schriftsteller Ludwig Fels.

Er wird von Kritikern als „einer der sprachmächtigsten  deutschen Schriftsteller“ eingeordnet, aber nicht von allen. In der Publikation „villa nostra“, die von der Stadt Weißenburg vierteljährlich herausgegeben wird, widmet sich der Journalist Uwe Ritzer dem Schriftsteller, der in Treuchtlingen aufgewachsen und im Januar 2021 74-jährig in seiner Wahlheimat Wien verstorben ist.

Ludwig Fels haderte mit seinem Schicksal, ein Franke zu sein. Das räumte er anlässlich der Kulturpreisverleihung 1995 in Weißenburg ein. Seine Frau sagt zur Veröffentlichung: „Er hat ganze 47 Jahre als Schriftsteller sein Leben bestritten und wurde meist auf seine ersten nicht selbst gewählten, sondern den Lebensumständen geschuldeten Arbeitsjahre als Jugendlicher reduziert. Meiner Meinung nach geht es jedoch allein um den Weg, den er als Autodidakt trotz lebenslanger Widerstände gegangen ist. Seine Arbeit über all die Jahre sollte im Zentrum stehen“. Tatsächlich wuchs er in Treuchtlingen in ärmlichen Verhältnissen auf.  Es folgten die Jahre, in denen er sich als „zorniger, jugendlicher Provokateur“ (Ritzer) in Erscheinung trat bevor er nach einem erfahrungsreichen Leben zum „bedeutendsten Schriftsteller wurde, den die Region hervorgebracht hat“.

Er hat 1995 den Döderlein-Kulturpreis der Stadt Weißenburg bekommen, 2009  den Literaturpreis der Wilhelm-und-Christine-Hirschmann-Stiftung“ sowie 2011 den „Wolfram-von-Eschenbach-Preis“ des Bezirks Mittelfranken bekommen. Aus seiner Feder stammen lyrische Gedichte, etliche Bücher („Die Sünden der Armut“/„Ein Unding der Liebe“) und auch Theaterstücke, die an namhaften Bühnen aufgeführt wurden und ihm Anerkennung einbrachten.

Stolz auf Alt-Gunzenhausen

Verein für Heimatkunde stellte Jahrbuch dem Bürgermeister vor

Vorsitzender Werner Falk (links) und sein Stellvertreter Werner Mühlhäußer (rechts) stellten im neuen und repräsentativen Eingang Bürgermeister Karl-Heinz Fitz die 75. Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ vor. Foto: Gudrun Weiß

Es ist inzwischen eine gute Tradition, dass der Verein für Heimatkunde Gunzenhausen sein neues Jahrbuch offiziell dem Bürgermeister im Rathaus vorstellt. Vorsitzender Werner Falk und Stellvertreter Werner Mühlhäußer, der zugleich als Stadtarchivar fungiert, taten dies auch heuer. Sie dankten Rathauschef Karl-Heinz Fitz und dem Stadtrat für die seit vielen Jahren gewährte Unterstützung – auch in finanzieller Hinsicht.

Die neue Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ ist rund 280 Seiten stark und enthält zehn Beiträge zur lokalen Historie von neun Autoren. Wie Vorsitzender Werner Falk betonte, kann sich der Verein auf einen soliden Stamm von Mitarbeitern stützen, denen alle der Gotteslohn genügt. Die enge Kooperation mit der Stadt, die sich in der Person von Stadtarchivar Werner Mühlhäußer darstellt, empfindet er als einen riesigen Vorteil, denn gerade der Stadtarchivar ist es, der beste Kontakte zu den Autoren hat und dem es immer wieder gelingt, neue Autoren zu gewinnen.

Es ist das 75. Jahrbuch, also eine Jubiläumsausgabe. Das erste ist 1923 herausgegeben worden, also kann in zwei Jahren schon wieder ein Jubiläum begangen werden. Das soll dann in einem  würdigen Rahmen geschehen, denn auch die Stadt feiert 2023 ein großes Jubiläum (1200 Jahre). Bürgermeister Fitz plant nach Ende der restriktiven Coronazeit die Bildung eines Arbeitskreises, in dem alle ihre Vorstellungen zum Stadtjubiläum einbringen können.

Die Beiträge in „Alt-Gunzenhausen“ sind: „Alte Friedhöfe an der Altmühl“ (Werner Somplatzki), „Kurzgefasste Ortsgeschichte von Schlungenhof“ (Siglinde Buchner), „Grabplattenfunde aus der Marienkirche in Großlellenfeld“ (Hermann Thoma), „Die Mühlen von Muhr“ (Günter L. Niekel), „Von Bettelvögten und Polizeidienern“ (Werner Mühlhäußer und Werner Neumann), „Christian Friedrich Möbius – Stadttürmer und Stadtmusikus in Gunzenhausen“ (Laura Meyer), „Bausteine zur Ortsgeschichte von Laubenzedel“ (Werner Mühlhäußer), „Die Gründungszeit des Sängerbundes 1861 Gunzenhausen“ (Annalena Brand), „Kriegstagebuch aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71“ (Daniel Burmann) und „Nationalsozialismus und Antisemitismus in Gunzenhausen 1919 bis 1924“ (Werner Mühlhäußer).

Aufgrund der Corona-Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen (Schließung der Buchhandlungen) sind heuer vier neue Verkaufsstellen gewählt worden: Marktapotheke in Markt Berolzheim, Verwaltungsgemeinschaft Altmühltal in Meinheim, Raiffeisenbank in Laubenzedel, Getränke-Seifert in Schlungenhof. Die Gunzenhäuser  Schreibwarenhandlung Pfahler bietet „Alt-Gunzenhausen“ zu ihren reduzierten Öffnungszeiten an, die Buchhandlungen Renner, Fischer, Francke, Stöhr und Glaser haben einen telefonischen Bestell- und Lieferservice eingerichtet. Das Jahrbuch kostet 15 Euro.

Kommune als Bauherr

Rückblick im aktuellen „villa nostra“-Heft

Am Kreuzweg und am Habermühlweg standen die Holzbaracken, die in den sechsziger Jahren abgebrochen wurden. Foto: Sammlung H. Walther

Ist der „soziale“ Wohnungsbau eine Aufgabe der Städte? Der Weißenburger Stadtentwickler Ulrich Heiß bejaht diese Frage. Er möchte nicht allein auf die privaten Investoren setzen, sondern erschwinglichen Wohnraum für Menschen schaffen, die es nicht so „dicke“ haben. Heiß stellt fest, dass das augenblickliche Angebot hochpreisig ist und deshalb von schlechter situierten Haushalte nicht angenommen werden kann.

Der Architekt aus dem Weißenburger Stadtbauamt wünscht sich, dass die Stadt die Förderkonditionen ausschöpft und sich als Bauherrin engagiert – so wie sie es beispielsweise bei der Neuanlage am Birkenweg getan hat. Dort sind im Frühjahr letzten Jahres 15 barrierefreie Wohneinheiten im Zuge des verdichteten Bauens bezogen worden. Er spricht in der neuen Ausgabe von „villa nostra“, den Weißenburger Blättern für Geschichte, Heimatkunde und Kultur sogar von einem „expliziten Mehrwert“.

In der Publikation, die jährlich dreimal erscheint und in den städtischen Dienststellen kostenlos abgegeben wird, gibt Stadtarchivar Reiner Kammerl unter dem Titel „Von der Brandstütze zum Reihenhaus“ einen Überblick des städtischen Wohnungsbaus seit der Zeit, in der  Weißenburg noch Reichsstadt war.

Den „sozialen“ Wohnungsbau hat es in der Wildbadstraße und Auf der Wied schon im 18. Jahrhundert gegeben.  Als der industrielle Boom Ende des 19. Jahrhunderts auch Weißenburg erfasste, schufen private Bauunternehmer Häuser mit kleinen Gärten (Westliche Ringstraße, Nördliche Ringstraße, Eichstätter Straße und Römerbrunnenweg). Es waren eingeschossige Häuser mit Zwerchhaus. Sie stehen zum Teil heute noch.  Die Wohnungsnot bleibt bis 1912 eine gemeinnützige Baugenossenschaft gegründet wird, „um den Kleinwohnungsbau zu unterstützen“. Sie geht einige Jahre später in der Siedlungsgenossenschaft „Eigenheim“ auf.  Die Stadt ließ im letzten Kriegsjahr 1918 „zur vorübergehenden Nutzung“ Notwohnungen für Arbeiterfamilien errichten. Beachtlich ist, dass bereits 1912 die „Stadterweiterungskommission“ zur Feststellung kam, das „strahlenförmige und unschöne“ Bauen an der Peripherie verhindert werden soll, schon allein wegen der hohen Erschließungskosten. Das führte zu  einer verdichteten Bebauung, sprich einem Reihenhausprojekt in der Niederhofener Straße. Es kommen Baracken und Behelfsheime dazu (beispielsweise zweistöckige Holzbaracken in der Steinleinsfurt), die erst in den sechziger Jahren abgerissen werden,  bevor sich jemand Gedanken machen konnte, ob sie aus denkmalpflegerischer Sicht nicht erhaltenswürdig gewesen wären. Anfangs der dreißiger Jahre entsteht die „Galgenbergsiedlung“ mit zwölf Doppelhäusern. Weitere 60 „Siedlerstellen“ entstehen bis 1936.  Einfache Behelfsheime baut das Deutsche Wohnungshilfswerk während des Zweiten Weltkriegs. Sie haben keinen Wasser- und Abwasseranschluss, nur zwei Räume und einen Ofen. Die von der Stadt erbauten Holzbaracken werden bis 1970 abgerissen.

Mit der konsequenten Räumung des „Barackenwohnungselends“ beginnt die Stadt 1964. Es verschwinden die „Holzbarackenstadt“ am Habermühlweg mit 29 Behelfsheimen, die vier Großbaracken (mit 17 Wohnungen) am Kreuzweg, die Wohnbaracken in der Steinleinsfurt und am Römerlager sowie das einstige Ostarbeiterlager.

WERNER FALK

1870/71 war er dabei

Aus dem Kriegstagebuch von Christian Preu (1870/71)

Großvater Christian Preu in einer Aufnahme aus dem Jahr 1927 mit der Auernhammer-Familie der Tochter Ernestine mit deren Kindern Friedrich und Karl sowie der Vater Michael Auernhammer. Christian Preu verstarb in Markt Berolzheim am 31. Juli 1929 im Alter von 80 Jahren und sieben Monaten. Foto: privat

Ungeschönt und unzensiert ist das Kriegstagebuch des Markt Berolzheimer Bauern Christian Preu, der 3. März 1871 zu den deutschen Soldaten gehörte, die in Paris einmarschierten.  Von der heroischen Begeisterung war er voll erfasst: „Die Franzosen machten schiefe Gesichter auf uns. Der Hass und Groll der Pariser war arg, aber sie mussten sich geduldig dreingeben, denn es war eine große Schmach für sie, von den Deutschen besiegt zu werden“ notierte er in sein Tagebuch, das nach 150 Jahren von einem Berolzheimer zufällig entdeckt wurde. Daniel Burmann, der ehrenamtliche Gemeindearchivpfleger, spricht von einem absoluten Glücksfall und misst den Wert der Aufzeichnungen am Blickwinkel eines rangniederen Soldaten und eben nicht aus der Feder eines Politikers oder Militärs. Veröffentlicht ist das Kriegstagebuch in der aktuellen Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“, dem Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist heute weithin vergessen. Wie Autor Daniel Burmann feststellt, liegt das wohl auch daran, dass die globalen Auswirkungen der folgenden Weltkriege ihn sozusagen in den Schatten stellen. Deutschland, das den Krieg gewann und sich das Elsaß und Lothringen einverleibte, ging gestärkt aus der Schlacht hervor und erlebe danach seine Reichsgründung.

Das ist die erste Seite des Kriegstagebuchs von Christian Preu. Der Text ist in der deutschen Kurrentschrift gehalten. Reprofoto: Daniel Burmann

Christian Preu war ein Bauernsohn, der 1879 Walburga Wiesinger aus Lengenfeld heiratete und mit ihr drei Töchter hatte. Es ist ungewöhnlich, dass ein einfacher Soldat die militärischen Geschehnisse so exakt festgehalten hat. Immerhin haben seine handschriftlichen Aufzeichnungen einen Umfang von 34 Seiten in einem alten Rechenbuch von 1764. Der Autor hat den Schreibstil Preus weitgehend beibehalten, die leichten Korrekturen nur vorgenommen, um den Text verständlich zu machen.

Der Soldat gehörte zur 4. Kompanie des 15. Infanterieregiments in Neuburg, das am 17. Juli 1870 zur Mobilmachung rief.  Schon zehn Tage später ging es fußläufig in Richtung Harburg (mit Ziel Speyer) los.  Über die Pfalz rückte die Truppe ins Elsaß ein, wo sie den Kanonendonner der „Schlacht bei Weißenburg“ hörten. Schrecklicher Regen begleitete das Biwak. Preu erlebte die Einnahme von Nancy. „Furchtbare Märsche, Hungersnot, Hitze und Elend stieg aufs Äußerste“, notierte der Berolzheimer. Zudem brach die Ruhr aus, so dass nicht mehr alle marschfähig waren. Die deutschen Kämpfer fanden in Frankreich sozusagen verbrannte Erde vor: „Die Franzosen marschierten vor uns ins Innere Frankreichs, plünderten und verzehrten fast alles, was da war“.  Die „Schlacht bei Sedan“ am 1. und 2. September war für die Deutschen kriegsentscheidend. Noch Jahre danach feierten die Sieger den „Sedanstag“.

Auf dem Marsch auf Paris machte der fränkische Biertrinker erste Bekanntschaft mit französischem Wein („…mehr als zehn Eimer“). Mit seinem Kameraden Rottenberger aus Pfofeld schleppte er noch ausreichend Rebensaft ins Quartier. Die französischen Kriegsgegner hatten alles liegen und stehen lassen bevor sie die Flucht ergriffen. Preu wähnte sich auf der  Berolzheimer „Buchleiten“ , denn ähnlich war sein Blick in den Pariser Vorort: „…nichts als Stadt und nirgends kein Ende“. Er geriet in ein schreckliches Geschützfeuer, wo neben ihm „zwei Mann gleich plötzlich tot waren“. Den 2. Weihnachtsfeiertag feierte er mit  seinen Landsleuten Georg Bieber, Georg Schmidt, Michael Guthmann und Georg Frank  in einer Weinrestauration.

Bei Matsch und Dreck mussten die Soldaten „schrecklich viel aushalten“. Christian beklagt in seinen Aufzeichnungen, dass er sich vom 8. September 1870 bis zum 13. März 1871 nicht ein einziges Mal des nachts vollständig ausziehen konnte. Nach der siegreichen Schlacht von Paris in den ersten Januartagen 1871 gönnte er sich mit Kameraden einen „Spaziergang nach Versailles“: „Wir konnten uns nicht genug sehen und kann auch die Pracht und Schönheit nicht beschreiben“. Preu war dabei, als der deutsche Kaiser am 1. März in Paris einmarschierte. Drei Tage gab es für die Sieger „Froh“ (Franc)-Zulage, die von den Parisern zu zahlen war, wie Preu notierte.

Auf dem Rückzug verbrachte der Deutsche das Osterfest bei einer französischen Familie („…des Abends mußte ich mich mit ihnen zum Feuer setzen“) und nach den 80 Tagen im Standquartier ging es Richtung Heimat. „Herzergreifend“ empfand er den Empfang in der Pfalz, wo er und seine siegreichen Kameraden von Neuburger Reitern und Mädchen mit Kränzen und Sträußen unter großem Jubel empfangen wurden.  Und natürlich erklang die „Wacht am Rhein“, als die Truppe über den Rhein marschierte. „Ich rühme die Güte Gottes, der mir Gesundheit geschenkt hat, so dass mir keine Stunde was fehlte“, dankt er  abschließend in seinen Notizen.

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ ist um Gunzenhäuser Buchhandel (telefonischer Bestell- und Lieferservice) für 15 Euro erhältlich.

Historische Facetten

Aus der Geschichte von Laubenzedel

Die Warnung des Gunzenhäuser Stadtmagistrats von 1798: „Hier in diesem Hause herrschen die Blattern und wird Jedermann vor dem Zutritt desselben ernstlich gewarnt“. Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen

2020 wird als das „Jahr der Corona-Pandemie“ in die Annalen eingehen. Dabei wird aber leicht übersehen, dass schon früher die Menschen von grässlichen Epidemien betroffen waren. Die „Blattern“ waren  gefürchtet und kosteten vielen das Leben, aber auch die Rote Ruhr und Scharlach waren Krankheiten, die sich seuchenartig verbreiteten. Davon berichtet Stadtarchivar Werner Mühlhäußer in seinem Beitrag zur Ortsgeschichte von Laubenzedel in der neuen Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“, der Jahrespublikation des Vereins für Heimatkunde.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren die hygienischen Missstände allenthalben verbreitet, es gab Mangelernährung und auch die harte Arbeit war nicht dazu angetan, den Menschen ein angenehmes Leben zu schenken. In Laubenzedel brachen die Blattern beispielsweise 17 Mal aus. Mehr als zwanzig Männer und Frauen starben. Heute überschlagen sich die Warnungen via Fernsehen und Internet, damals gab es  den öffentlichen Aushang: „Hier in diesem Hause herrschen die Blattern und wird Jedermann vor dem Zutritt desselben ernstlich gewarnt“.

Conrad Babo, Heinrich Vogelein und Hermann de Lieboltessedele werden in der ersten schriftlichen Erwähnung Laubenzedels als Bürger genannt. In alten und glaubwürdigen Schriften fand Stadtarchivar Werner Mühlhäußer auch noch andere Namen: Lauboltsedel, Lubenzedle oder Labezedel. In der Topographie von Gottfried Stieber wird eine eigene Pfarrei erstmals 1565 genannt. Breiten Raum widmet der Autor der 1415 erbauten St. Sixtuskirche und den wiederholten  Sanierungen. Vom markgräflichen Hofbildhauer Giuseppe Volpini stammen die Kanzel  und der Altar. Die Kosten trugen die Laubenzedeler, die 1709 allerdings schockiert vernehmen mussten, dass der markgräfliche Kastner (Red: Finanzreferent) 368 Gulden aus ihrem „Heiligen“ (Geld der örtlichen Kirchenverwaltung) veruntreute bevor sich seine Spur in der Schweiz verlor. Immerhin meinte es Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, der sich oft in der Wildmeisterei Lindenbühl bei Haundorf aufhielt, einigermaßen gut mit den Laubenzedelern und erstattete ihnen 200 Gulden. Und seine Gefährtin Elisabeth Wünsch, die mit den vier gemeinsamen Kindern im Schlößchen Georgental und im Walder Schloss lebte, schenkte ihnen wiederholt „gemödelte weiße Kerzen“.

Eine Feuersbrunst, wie sie zuletzt im Dreißigjährigen Krieg zu erleben war, brach 1755 auf den Ort herein. Beim Webermeister Jerg Leonhard Hörauf nahm sie ihren Anfang und griff auf neun Gebäude über. Der Markgraf, der sich in seiner Gunzenhäuser Residenz aufhielt, schickte seine Leibkompanie zur Hilfe. Verursacherin war übrigens die Ehefrau Höraufs, die gegen Mitternacht einem unruhigen Ochsen Futter bringen wollte, wobei das offene Licht Streu und Heu entzündete.  Den Meister selbst schleppten die Helfer durch eine Fensteröffnung ins Freie. Zwei Jahre später brannte das Wirtshaus von Johann Michael Huber. Auch in diesem Fall kam markgräfliche Hilfe schnell.  Erbprinz Alexander, der seinen in Gunzenhausen dahinsiechenden und drei Tage später sterbenden Vater beistand, ritt höchstselbst nach Laubenzedel, wobei der 21-Jährige aber unglücklich vom Pferd stürzte.

Wie Werner Mühlhäußer feststellt, ließen sich die Truppen des französischen Kaisers Napoleon auf ihren Eroberungsfeldzügen wiederholt von den Laubenzedelern verköstigen.  Pfarrer Frobenius vermerkte in seinem Kirchenbuch einen Vorfall der besonderen Art: „Grab bestohlen“. Das Grab des eineinhalbjährigen Bauernsöhnchens Pfeifer wurde aufgebrochen und aus dem Sarg  das Leichentuch gestohlen.  Hinter der Tat vermutete man einen französischen Soldaten, der wohl dem Aberglauben anhing, sich auf diese Weise gegen Verwundungen „durch Hieb und Schuß“  schützen zu können.

Unter den Wirten des Dorfes befand sich auch Simon Vogel vom „unteren Wirtshaus“, der 1725 starb „nachdeme  er ganz engbrüstig worden, vom Fleisch gefallen und daran gestorben“.  Besser erging es der Schuhmacherstochter Barbara Tröster, die nach ihrer Heirat mit Lorenz Winckler, einem im Dorf angesehenen Soldaten und Reiter, sechs Kinder gebar. Sie war 1716 in Gunzenhausen als Hebamme tätig und später am markgräflichen Hof in Ansbach. Die Geburtsheferin durfte mit nach England reisen, um der Ehefrau des englischen Thronfolgers bei der Geburt ihres Sohnes fürsorglich beizustehen. Weniger umsorgt entband 1784 die ledige Bauerstochter Katharina Barbara Meier auf dem Fußweg nach Schlungenhof mit Hilfe einer zufällig vorbeikommenden Frau ihre Tochter. In ein Schnupftuch gewickelt erblickte das Kind das Licht der Welt, die Kindsmutter gelangte auf einem Schubkarren nach Hause.

Eine „schöne Leicht“ gab es längst nicht für alle. Weil der Schluss seines Lebens „nicht zum besten, sondern böß und ärgerlich“ war, wurde beispielsweise nach fürstlichem Hofratsbefehl die Beisetzung des Bäckers und Branntweinbrenners Johann Leidel am 5. November 1709 um „gewisse Ceremonien“ gekürzt, d.h. es läutete nur eine Glocke und Sterbelieder durften auch nicht gesungen werden.

Einen Tadel des Gunzenhäuser Dekans handelte sich 1772 der verwitwete Schneidermeister Johann Christoph Engelhard ein, der seine verstorbene Frau nicht länger betrauern wollte und schon zehn Wochen und einen Tag nach deren Hinscheiden ein zweites Mal heiratete. Eine Bußpredigt des Ortspfarrers musste  sich Leonhard Ruep anhören, als er Apollonia Gerhäußer aus Büchelberg ehelichte. „Wegen der gros schwangeren Braut“ gab es keinen Brautkranz, keinen Tanz und auch kein Saitenspiel.

Weitere Beiträge in „Alt-Gunzenhausen“ sind: „Alte Friedhöfe an der Altmühl“ (Werner Somplatzki), „Kurzgefasste Ortsgeschichte von Schlungenhof“ (Siglinde Buchner), „Grabplattenfunde aus der Marienkirche in Großlellenfeld“ (Hermann Thoma), „Die Mühlen von Muhr“ (Günter L. Niekel), „Von Bettelvögten und Polizeidienern“ (Werner Mühlhäußer und Werner Neumann), „Christian Friedrich Möbius – Stadttürmer und Stadtmusikus in Gunzenhausen“ (Laura Meyer), „Die Grundungszeit des Sängerbundes 1861 Gunzenhausen“ (Annalena Brand), „Kriegstagebuch aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71“ (Daniel Burmann) und „Nationalsozialismus und Antisemitismus in Gunzenhasuen 1919 bis 1924“ (Werner Mühlhäußer).

WERNER FALK

Das Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ ist im Buchhandel (telefonischer Bestell- und Lieferservice) sowie bei Getränke-Seifert in Schlungenhof und in der Raiffeisenbank Laubenzedel für 15 Euro erhältlich.

Schlungenhöfer „Gänsrupfer“

„Alt-Gunzenhausen“ mit Beitrag über Ortsgeschichte

„Die Gänsrupfer“ werden heuten noch die Schlungenhöfer im Volksmund genannt. In einem Reisehandbuch stand bereits 1789 zu lesen, dass in Schlungenhof „Herden schönster Gänse“ gehalten werden. Im Ort ist man sich der Tradition bewusst, wie unser Foto zeigt. Foto: Ella Reichardt

Markus Schober, der junge Ortssprecher von Schlungenhof, wandelt auf den Spuren gleichnamiger Gemeindevorsteher aus dem 19. Jahrhundert: Johann Leonhard Schober leitet die selbständige Gemeinde von 1846-1855 und Johann Georg Schober war von 1869-1875 der Gemeindechef. Diese Erkenntnis hat Siglinde Buchner, die ehrenamtliche Kreisarchivpflegerin, gewonnen. Sie skizziert im jetzt erschienenen Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ wesentliche Facetten der Schlungenhöfer Ortsgeschichte.

Landwirtschaftlicher Grundbesitz in Schlungenhof wurde erstmals 1364 nachweisbar verliehen. Historikerin Siglinde Buchner geht aber davon aus, dass es den Ort schon zuvor gegeben hat.  Bis zum 15. Jahrhundert nannte sich die Siedlung Slummenhof, Slummenhofen oder Schlumpenhoff.  Die Namensgebung  könnte auf den Familiennamen Slump (1497) oder auf die Bodenbeschaffenheit („schlammiger Hof“) zurück gehen. In der ersten urkundlichen Erwähnung wird Hainrich Schauchman zu Guntzenhusen“ erwähnt,  der bei „Slumenhof“ einen Acker von der Ellwanger Reichsabtei zur Bewirtschaftung bekam. Sie besaß schon 1364 drei Anwesen im Ort, die an die Herren von Lentersheim verliehen waren.  Zu den Flurstücken gehörten die Rorachwiese, die Mertinswiese (heute: Märtelwiese), die Bühl- oder Brügelwiese, der Brücklins- oder Bürglinsacker, der Strigelacker, der Tanacker und die Sinderlache.

Die Autorin widmet sich in ihrer Darstellung umfassend den Grundherren von Schlungenhof, also der Reichsabtei Ellwangen, den Herren von Lentersheim (sie hatten in Neuenmuhr ihren Sitz).  Bis ins 16. Jahrhundert hinein veränderte sich an den Besitzverhältnissen wenig.  Es gab 27 Anwesen und ein Hirtenhaus. Allerdings wütete der Dreißigjährige Krieg schwer, mehr als die Hälfte der Häuser wurden zerstört. Die Glaubensflüchtlinge aus Österreich kamen und bauten neu auf.  Einige ihrer Namen waren:  Schmidtöhl, Baumgartner, Oberhäuser, Binder, Jungmair, Kern, Schauer, Thalmann und Waldschlager. Etliche Nachkommen gibt es heute noch.

1431 ging der Ort in den Besitz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach über. Schlungenhof lag strategisch günstig zwischen der Gunzenhäuser und der Lindenbühler Wildfuhr. Die Herrscher schätzten die wasserreiche Gegend, zumal sie dort Reiher und Kraniche jagen konnten.

Nach der Abdankung des letzten Markgrafen (1792) gelangte Schlungenhof in preußischen Besitz, 1806 wurde der Ort bayerisch und fünf Jahre später mit Laubenzedel zu einer Ruralgemeinde (Red: Landgemeinde aus verschiedenen Siedungsteilen) zusammengelegt. Als die Adeligen 1848 alle gutherrlichen Gewalten einbüßten, weil sie an den Staat übergingen,  wurden die Schlungenhöfer Bauern aus ihrer mehr als 900-jährigen Knechtschaft entlassen.

Die Lehenbücher der Reichsabteil Ellwangen und das älteste Gunzenhäuser Stadtbuch sind für die Wissenschaftler von heute bedeutsame Grundlagen, die Fischereiordnung von 1447 regelte beispielsweise die Nutzung der Fischwasser zwischen Aha und Muhr. Von Walburgi bis Jakobi war den Fischern „mit tauppeln und hammen“ (Kerschern) freie Hand gegeben, nur Reusen durften sie nicht „darein legen“.  Immerhin gab es damals noch reichlich Hechte, Karpfen, Elten, Barben, Arauschen, Persinge, Ruppen, Weißfische und Krebse.

Bei ihren Forschungen ist Siglinde Buchner, die zum festen Stamm der Autoren des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen zählt, auf einen besonderen Zeitgenossen gestoßen: Matthes Bauer, der vom ärmlichen Gänsehirtenjungen aus der Laubenzedeler Nachbarschaft zum reichen Kaufmann in Nürnberg mutierte. Der „mit Steinen belegte Fußsteig von Schlungenhof nach Laubenzedel wurde 1770 als „sehr nützlich gegen Unfälle“ gewürdigt.

Dass die Schlungenhöfer im 17. Jahrhundert auch Tabak angepflanzt haben, das geht aus einem markgräflichen Dokument von 1693 hervor. Die Schlungenhöfer lehnten aber den verlangten Zehnt ab. Nach dem herrschaftlichen Ansbacher Reskript war den privaten Tabakbauern der Anbau unter Auflagen erlaubt, verkaufen durften sie den Tabak nur außerhalb des Landes. Aber reich wurden die Schlungenhöfer mit dieser Sonderkultur nicht, denn ihre Böden waren zu nährstoffreich. Die Blätter blieben schwarz-grün und hatten einen zu hohen Salpetergehalt, mithin war der Tabak zum Rauchen zu stark.

Große weiße Vögel, die man in „dasiger Gegend“ sah, und die größer als eine Gans waren, nannte der Volksmund „Nimmersatt“. Sie gehörten zur Familie der Störche. Von ihnen wusste man, dass sie mit ihrem eine halbe Elle langen Schnabel sogar einen dreipfündigen Karpfen verschlucken würden. Der Markgraf ließ sich zwei dieser seltenen Vögel aus dem Entenpfuhl „gefangen und lebindig“ in die Sommerresidenz nach Triesdorf bringen.

In der „Oberdeutschen allgemeinen Litteraturzeitung“ schwärmte der Rezensent eines Reisehandbuchs von 1788: „In dem Weiler Schlungenhof findet man Herden schönster Gänse – von Schwanengröße und Schwanenweiße“.  Und die „Neuen wöchentlichen Nachrichten“ aus Göttingen waren begeistert von „Heerden von tausend, anderthalb tausend Stücken der schönsten Gänse“. Seither ist es für die Schlungenhöfer eine Ehre, als „die Gänsrupfer“ geneckt zu werden.

WERNER FALK

„Alt-Gunzenhausen“ gibt es im Buchhandel (Bestell- und Lieferservice), aber auch bei Getränke-Seifert in Schlungenhof und in der Raiffeisenbank Laubenzedel (15 Euro).