Vom Kellner zum Kunstsammler

Johann Georg Pfister war Kurator am Britischen Museum in London und Ehrenbürger von Ansbach

Wie weit kann es ein Arbeiterkind mit Elementarschulbildung und Kellnerlehre in der Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts bringen? Der Ansbacher Johann Georg Pfister gibt eine Antwort darauf: Sehr weit, und zwar bis in die hohen Chargen der humanistischen Bildungsbürger, den aristokratischen Familien und weltweit anerkannten Wissenschaftlern. Diese Lebensleistung ist bemerkenswert und natürlich eine krasse Ausnahme. Sie war es damals und sie wäre es auch heute noch, denn bis in die siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war Arbeiterkinder der Zugang zu höherer Bildung nicht so einfach möglich, geschweige denn, dass ihnen eine internationale Karriere zugänglich gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund ist das Leben von Johann Georg Pfister zu sehen.  Eugen Ringhand, ein gebürtiger Würzburger und Nürnberger Buchhändler mit einem Faible für antike Kunst, der heute in Ansbach lebt, hat es auf 260 Seiten in dem 28. Band der „Mittelfränkischen Studien“ des Historischen Vereins für Mittelfranken skizziert.

Der Sohn eines Schneiders (geboren am 29. April 1799), der aus Heidenheim an der Brenz nach Ansbach gekommen war, wuchs in der Residenzstadt mit seinen Schwestern Johanna Margaretha und Katharina auf.  Seine Mutter starb 37-jährig an „Flussfieber“ („bösartig faulendes Fieber“), der Vater war Pächter der „Goldenen Sonne“ und noch einiger Ansbacher Wirtshäuser. Johann Georg besuchte die „Trivialschule“ (heute: Volksschule) in einer Klasse zusammen mit 74 Gleichaltrigen. Später, als er schon Eingang in die bessere Gesellschaft gefunden hatte, sprach er gern von seiner „45-Kreuzer-Bildung“. Das war nämlich der Betrag, den die Eltern im Vierteljahr an den Lehrer zu zahlen hatten. Im Gasthof „Zum Stern“ begann er mit einer Kellnerlehre und eignete sich autodidaktisch Kenntnisse in der englischen und französischen Sprache an. Wie es das bayerische Gewerbegesetz verlangte, ging er drei Jahre auf die Wanderschaft. Erste Station war Berlin. Der Junge war immer lernbereit und nahm Wissen und Umgangsformen rasch auf.  1820 verließ er Ansbach illegal in Richtung England, denn eigentlich wäre er zum Militärdienst verpflichtet gewesen und hätte deshalb niemals auswandern dürfen. Er war also ein Deserteur.

Von London war er begeistert.  Wie es sich für einen Ansbacher gehört, besuchte er das „Brandenburg House“, das der letzte Markgraf Alexander bewohnt hatte, er  war am Straßenrand Zeuge der Königsfeier von Georg IV. und erwarb die Königsmedaille, die er nach seinem dreijährigen Aufenthalt an der Themse dem Historischen Verein Ansbach schenkte.  Das war zugleich der Beginn einer langjährigen Verbindung und einer langen Reihe von Schenkungen an seine Heimatstadt.  Aber womit finanzierte der junge Mann seinen Lebensunterhalt in der Großstadt? Die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit ließen es zu, dass er sich völlig frei und nach eigenem Willen als Dolmetscher und Reiseleiter betätigen konnte. Er benötigte dafür keinen Bildungsnachweis, aber viel Mut.  Den hatte der junge Pfister. Und der Zufall mischte auch mit, als er eine englische Familie kennen lernte, die ihn mit nach Italien (Triest), Frankreich, die Schweiz und Österreich nahm. Es kam – so der Autor Eugen Ringhand – zur entscheidenden Wendung im Leben des 25-Jährigen. Seine sprachliche Genialität, durchaus vorhandene Musikalität, vor allem aber seine Reiselust und Kontaktfreude verhalfen ihm zu einem anderen Leben, als das eigentlich seine bildungsferne Herkunft vorgegeben hatte. Er liebte die Konversation in den Kaffeehäusern, nahm sie sich zum Vorbild und erwarb sich Kenntnisse, die ihn über seinen Stand hinaus hoben. Der Autor spricht von „Fähigkeiten zum Genuss“, die ihn Anteil nehmen ließen an der Geschmacksbildung jener Zeit.  Pfister fand Interesse an antiker und mittelalterlicher Kunst und ließ sich auf seiner ersten Italienreise auch nicht von dem Romantiker  Heinrich Heine negativ beeinflussen, der 1826 über die „Touristen“ schrieb:  „Die Engländer durchziehen dieses Land in ganzen Schwärmen, lagern in allen Wirtshäusern, man kann sich keinen italienischen Zitronenbaum mehr denken, ohne eine Engländerin, die daran riecht“.  Und Lord Byron beschwerte sich über die „englische Pest“ in Rom, „einem Haufen von glotzenden Trotteln, die gleichzeitig billig und großartig leben wollen“.  Kulturtouristen von heute mögen Vergleiche ziehen zu den Verhältnissen im 21. Jahrhundert, wo die Billigflieger Millionen von Sonnenhungrigen im Süden abladen. Für Pfister war es jedenfalls ein tolles Erlebnis, mit der englischen Familie Blessington, ihren drei Kutschen und sechs Dienern einige Jahre zusammen die Welt erleben zu können. Er sprach scherzhafterweise vom „Blessington Circus“.

„London für immer“, war 1829 seine Entscheidung. Der Ansbacher hielt nichts vom elitären Clubleben, er zog interessante private Kontakte („Hasenbraten bei Fremden“) vor. Als Unverheirateter verstieß er eigentlich gegen das bürgerliche Lebensmodell, aber ihm gefiel die Unabhängigkeit und das selbstbestimmte Leben. Der Münzsammler gehörte zu den 121 Gründern der „Numismatic Society“ in der britischen Metropole. Das war seine Eintrittskarte in die bessere Gesellschaft. So fand er ganz unkompliziert und ohne jede Eignungsprüfung  Zugang zur Welt der Gelehrten und den gebildeten Ständen. Als „Esquire“ schrieb der selbst ernannte Etymologe in einer englischen Fachzeitschrift. Somit stand er in bestem Ansehen.

Sein erster fester Arbeitsplatz mit einem gesicherten monatlichen Einkommen wurde 1850 das Britische Museum in London. Er hatte zwar die Einstellungskriterien nicht erfüllen können, doch der Leiter der antiken Abteilung (Edward Hawkins) gab ihm dennoch den Vorzug vor etlichen gescheiten Wissenschaftlern. Obgleich Pfister immer wieder erleben musste, dass seine soziale Herkunft der Anerkennung seiner Leistung im Wege stand („Ich würde lieber einen Klafter Holz spalten, als eine Epistel erstellen“) gelangte er 1857 in den Rang eines Beamten. Nicht immer war ihm London lieb. Er klagte über die „Erbsensuppe“ und meinte den Smog in der Industriestadt. Aber die Bindung zum Britischen Museum war stärker. Als die internationalen Besucher (jährlich kamen 8800) überhand nahmen, wollten die Stifter („Trustes“) das Haus nur noch für das Fachpublikum öffnen. Den Impuls dafür hatte ein 20-jähriger Ire geliefert, der völlig betrunken eine äußerst wertvolle Portlandvase in 200 Trümmer schlug, was natürlich zu einem Aufschrei in der Weltpresse führte. Aber das Museum entschied sich für einen anderen Weg: es beschriftete die Ausstellungsstücke, so dass sie allen verständlich wurden, und verfasste Inventarlisten.  Gottlob zog der „gesetzlose und wütende Mob“ der 1848er Revolution am Museum vorbei. London kam dennoch nicht zur Ruhe, denn die Cholera brachte in einer Woche den Tod von 1200 Menschen. Fünfmal so viele erkrankten.

Johann Georg Pfister wagte sich an seine erste (und einzige) schriftstellerische Arbeit heran, skizzierte auf 136 Seiten seine persönlichen Reiseeindrücke und schrieb das nieder, was er unter Keltenforschung verstand. Damit allerdings konnte er nicht glänzen, die Kritiker meldeten sich mit wenig schmeichelhaften Zensuren („Er hat viele interessante Dinge zusammengetragen, aber mit einigen absurden vermischt“). Der spätere Kurator der Münzabteilung des Britischen Museums kritisierte „eine mäandernde Zurschaustellung von ziemlich sinnloser Gelehrsamkeit“.  Das war natürlich niederschmetternd und ein dicker Hammer für den Hobby-Gelehrten.

Es ist überliefert, dass Pfister ab 1850 wiederholt Geschenke an den Historischen Verein in Ansbach schickte, der sie in seinen Inventarlisten veröffentlichte.  Münzen, Bilder, Bücher, Bronzefiguren und andere „merkwürdige Gegenstände“ mehr verschenkte er „zum Nutzen und zur Belehrung der Jugend“. Alle Originallisten befinden sich heute noch im Stadtarchiv Ansbach. Es sind fadengeheftete und mit Stahlfeder beschriftete Blätter m Format 34 mal 21,5 Zentimeter.  Nach 35 Jahren besuchte er 1852 erstmals seine Familie in Ansbach. In seinem Koffer lagen auch viele Briefe von namhaften Zeitgenossen, die den Ansbacher Provinzlern wohl zeigen sollten, zu welchen bedeutsamen Persönlichkeiten er Zugang hatte. Sie sind übrigens von Autor Eugen Ringhand erstmals ausgewertet worden. Als er 1860 wieder einmal in seiner Heimatstadt auftauchte erwarb er ein Doppelhaus im Postgässchen für seinen Halbbruder Simon, dessen zwei Kinder und Mutter sowie für seine Schwester.

Der Münchner Professor Georg Martin Thomas machte sich beim Ansbacher Stadtrat für eine öffentliche Anerkennung Pfisters stark und auch ein Beitrag in der „Fränkischen Zeitung“ nahm dessen Gedanken auf, indem sie den Ansbachern den Spiegel vorhielt: „Ist denn bei uns alle Regsamkeit verknöchert und schaut man immer nur mit faulem Erstaunen dem zu, was anderswo geschieht?“ Ganz ohne Resonanz blieb die Kritik nicht, denn der Stadtrat sprach Pfister am 24. April 1866 das Ehrenbürgerrecht zu. Weil der Geehrte aber in diesem Jahr nicht nach Ansbach kommen wollte oder konnte – er war „sauer“, weil die Ansbacher es abgelehnt hatten, einen Beitrag von ihm im Jahrbuch des Historischen Vereins zu veröffentlichen – musste ihm das kunstvoll gearbeitete Diplom nachgeschickt werden.   Auch die ihm vom Verein angetragene Ehrenmitgliedschaft lehnte er zunächst wohl aus dem gleichen Grund ab. Gleichwohl führt ihn dieser bis heute als  Ehrenmitglied. Offensichtlich beruhigte er sich wieder, denn 1872 half er mit eigenen Händen mit, seine Sammlung in den Nordflügel des Schlosses zu bringen, wo sie auf 420 Quadratmetern präsentiert werden konnte. Seit es 1984 das Markgrafenmuseum gibt, hat dort die Sammlung ihren Platz.

Als 73-Jähriger kam Pfister 1878 das letzte Mal in die Residenzstadt. 1880 vermachte er seine Londoner Besitztümer an zwei Freunde,  bereits sieben Jahre zuvor hatte er den Ansbacher Besitz seiner Familie testamentarisch zugesprochen. Nach einem Schlaganfall 1881 verstarb er am 2. Juni 1883 in London. Wie der Autor in seinem Nachwort  befindet, war Johann Georg Pfister „ins Zentrum europäischen Wissens gelangt und hatte die Entdeckung der Menschheitsgeschichte von begünstigter Position aus mitverfolgen können“.

WERNER FALK

Eugen Ringhand: „Johann Georg Pfister – Kurator im Britischen Museum und Ehrenbürger in Ansbach“, herausgegeben vom Historischen Verein für Mittelfranken (Staatliche Bibliothek Ansbach, Reitbahn 5), Band 28 der „Mittelfränkischen Studien“, ISBN 9783960491019, 260 Seiten, 35 Euro.

Lust auf den Naturpark

Für E-Biker ist das Altmühltal interessantes Ziel

Der Naturpark Altmühltal präsentiert sich bei den „E Bike Days“ am Stand des Tourismusverbands Landkreis Kelheim, wo Naturpark-Mitarbeiter Benjamin Hübel am Freitag zahlreiche Messegäste beriet. (Foto: Florian Best)

E-Bikes sind Trend. Das hat der Naturpark Altmühltal schon vor Jahren erkannt, hat zusammen mit den Nachbarregionen im Rahmen des Projekts „Stromtreter“ das Servicenetz ausgebaut und zuletzt auch Rundtouren für die Elektroradler konzipiert. Auf dieses Angebot gilt es aufmerksam zu machen – und dafür nutzt die Urlaubsregion noch bis Sonntag die „E Bike Days“ in München.

Bei sonnigem Frühlingswetter und kostenlosem Eintritt zog es gleich zum Auftakt am Freitag, 22. April 2022, Scharen von Besuchern auf das Messegelände im Olympiapark. Das laut Veranstaltern „größte reine E-Bike-Test-Event für Interessierte und Fans der Branche“ bietet die Möglichkeit, direkt vor Ort E-Bikes sowie Zubehör auszuprobieren und zu kaufen. Da liegt es nahe, sich auch über Ausflugsziele zu informieren – und genau das taten viele Gäste beim Naturpark Altmühltal, der sich am Stand des Tourismusverbands Landkreis Kelheim in zentraler Lage präsentiert.

Großes Interesse an Rundtouren

Schnell zeichnete sich ab, dass besonders die Rundtouren auf großes Interesse stoßen, sodass die neue Radwegekarte des Naturpark Altmühltal gern mitgenommen wurde. Obwohl viele der Messebesucher am Freitag aus München und dem Umland kamen, informierten sie sich außerdem nicht nur über Tagesausflüge, sondern oft auch über Mehrtagestouren. Nach dem äußerst gelungenen Start hofft das Naturpark-Team nun auf zwei weitere erfolgreiche Messetage in München – und in der Folge auf den Besuch vieler begeisterter E-Biker in der Region.

50 Jahre Landkreis Ansbach

Wanderausstellung wird präsentiert

Zum Thema „50 Jahre Landkreis Ansbach“ wurde eine Wanderausstellung kreiert, die seit dem 1. April 2022 in Neuendettelsau, Rothenburg ob der Tauber und Weidenbach zu sehen ist und bis in den Herbst hinein monatlich in anderen Gemeinden und Städten des Landkreises Ansbach ausgestellt wird. Zudem ist sie auch direkt im Landratsamt Ansbach zu sehen.  

Die aktuellen Besichtigungsmöglichkeiten lauten: Landratsamt Ansbach, Crailsheimstr. 1 in Ansbach, Eingangsbereich, gesamtes Jahr 2022, außen rund um die Uhr, innen: Montag bis Donnerstag: 8 Uhr bis 16 Uhr, Freitag 8 Uhr bis 12 Uhr 

Rathaus Rothenburg ob der Tauber, 2. Obergeschoss, Foyer, bis Ende April 2022, Öffnungszeiten: Mo-Do 7 – 16 Uhr, Fr 7-12 Uhr 

Rathaus Neuendettelsau, 1. Obergeschoss, Foyer (bitte läuten), bis Ende April 2022, Öffnungszeiten: Montag 8 Uhr bis 12 Uhr, 14 Uhr bis 16 Uhr, Dienstag 8 Uhr bis 12 Uhr, Mittwoch 8 Uhr bis 12 Uhr, 14 Uhr bis 16 Uhr, Donnerstag 8 Uhr bis 12 Uhr, Freitag 8 Uhr bis 12 Uhr, 14 Uhr bis 16 Uhr. 

Gemeinde Weidenbach, Foyer Bürgerhaus, geöffnet bei Veranstaltungen bis Ende April 2022

 Die aktuellen Standorte sind auch unter www.landkreis-ansbach.de zu finden, zudem werden die folgenden Standorte jeweils veröffentlicht.

Bibliothek ist für alle da

Verein für Heimatkunde und Stadtbücherei arbeiten Hand in Hand

Vereinsvorsitzender Werner Falk und Jürgen Huber von der Stadtbücherei können alle bisher erschienenen 76 Bände von „Alt-Gunzenhausen“ präsentieren – und noch viel mehr an heimatkundlicher Literatur. Foto: Babett Guthmann


Gute Nachricht für alle Freunde der Heimatforschung: Die Bibliothek des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen e.V. sowie alle Ausgaben der Hefte von „Alt-Gunzenhausen“ stehen nun den Leserinnen und Lesern der Stadt- und Schulbücherei Gunzenhausen zur Verfügung. Alle derzeit 1725 Zeitschriften und Bücher bleiben im Besitz des rührigen Vereins, sind aber nun in der Bücherei untergebracht. Die ausführlichen Katalogeinträge erleichtern die Suche nach zeitgeschichtlich bedeutsamen Personen und nach heimatkundlichen Daten und Fakten. Im Online-Medienkatalog der Stadt- und Schulbücherei können Interessierte ihre Recherchen auch von zuhause aus starten.
Die Weichen für das Projekt „Magazin Heimatkunde“ stellten die damalige Büchereileiterin Monika Wopperer und der Vereinsvorsitzende Werner Falk bereits im Jahr 2013. Schritt für Schritt fand dann der Umzug der Medien und die Einarbeitung in den online verfügbaren Medienkatalog statt. Für die bibliothekarische Erschließung sorgten Jürgen Huber und Ulrike Engelhardt vom Büchereiteam. „Sowohl der Verein für Heimatkunde als auch die Bücherei mit ihrer großen Sammlung zur Geschichte der Stadt und der Region haben von der Zusammenarbeit profitiert!“, betonte Büchereileiterin Babett Guthmann und dankte WernerFalk und seinen Vorstandskollegen: „Die Bücher und Zeitschriften des Vereins sind bei uns gut untergebracht und stehen nun einer breiten Leserschaft zur Verfügung.“
Der Verein für Heimatkunde mit seinen 310 Mitgliedern hat es sich zur Aufgabe gemacht, das geschichtliche Interesse an der Region auf wissenschaftlicher Grundlage voranzubringen. In dieser Arbeit spielt die regelmäßige Veröffentlichung der Reihe „Alt-Gunzenhausen“ eine wichtige Rolle. Dies wissen auch die 60 Archive und Bibliotheken zu schätzen, die die Hefte regelmäßig erhalten. Anfragen zu wissenschaftlichen Arbeiten kommen regelmäßig auf denVerein zu und durch ihre Veröffentlichungen in „Alt-Gunzenhausen“ haben viele mitwirkendeAutorinnen und Autoren sich einen Namen in Sachen Heimatforschung gemacht. Das erste Heft erschien im Jahr 1923 als „wissenschaftlich-historische Gabe“ zum 1100-jährigen Stadtjubiläum, 2021 erschien das jüngste Heft Nummer 76. Im Büchereiangebot sind nun dank der Unterstützung des Heimatvereins alle Hefte mehrfach vorhanden.
Das Themenspektrum von Alt-Gunzenhausen ist so vielfältig wie die Forschungsgebiete der Autorinnen und Autoren: Das beliebteste und längst ausverkaufte Heft trägt die Nummer 65 und war wohl wegen des Beitrags „Heilen oder herrschen“ von Georg Fischer für viele von Interesse, denn hier wird das Wirken des Naturheilkundigen und Goldmachers Johann Reichardt seinem Zeitgenossen, dem NS-Funktionär und Gunzenhäuser Bürgermeister Johann Appler gegenübergestellt. Aus Sicht der Bücherei – so betont Jürgen Huber vom Büchereiteam – ist das Heft Nummer 35 mit „Gunzenhäuser Sagen“ aus der Feder von Hans Schlund das beliebteste und viel entliehene Heft.
Stolz ist der Vereinsvorsitzende Werner Falk auch auf die Zusammenarbeit mit dem Simon-Marius-Gymnasium, denn schon seit der Zeit von Heiner Krauß wird hier heimatgeschichtlich gearbeitet und herausragende Schülerarbeiten werden in „Alt-Gunzenhausen“ veröffentlicht. Hier sind die neueren Beiträge zur Musikgeschichte in Gunzenhausen ebenso zu erwähnen wie die vielen kleinen Mosaiksteine, die sich durch die Durchforstung von Quellen und Zeitungsberichten aus der Zeit desNationalsozialismus ergeben haben.
Im für den Dezember 2022 geplanten Jahrbuch Nummer 77 soll ein Beitrag von Stadtarchivar Werner Mühlhäußer erscheinen, in dem er auf „100 Jahre Alt-Gunzenhausen“ zurückblickt, Erfolge aufzeigt und deutlich macht, wie einzelne Persönlichkeiten die in den Heften repräsentierte Themenauswahl geprägt haben.

Suchabfragen zu allen Heften und Inhalten von Alt-Gunzenhausen sowie den Medien im Bereich Heimatkunde können im Medienkatalog der Stadt- und Schulbücherei abgerufen werden: https://opac.winbiap.net/gunzenhausen. Einen Überblick über alle Hefte und Inhaltsverzeichnisse findet man auch auf der Homepage des Vereins für Heimatkunde
Gunzenhausen: https://heimatkunde-gunzenhausen.de/

Tag des Bieres im FFM

Vom Rübenbunker-Köpfroder und vom Brotbier

Der Bunkerköpfroder erleichterte die mühsame Rübenernte erheblich. Foto: Markus Rodenberg

Am kommenden Sonntag, 24. April, stehen im Fränkischen Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim Handwerkstechniken allgemein und das Bierbrauen im Besonderen im Mittelpunkt der Aktivitäten.
Hier gibt es Spannendes zu erleben: erstmalig wird ein Brotbier gebraut.

Im vergangenen Jahrhundert wurden nahezu alle Bereiche der bäuerlichen Arbeit technisiert. Das Fränkische Freilandmuseum besitzt eine umfangreiche Sammlung von Geräten dieser ersten Technisierungswelle und präsentiert sie im Rahmen des Handwerker- und Techniktags von 10 bis 17 Uhr. Geräte und Maschinen zur Feldbearbeitung von den 1920er bis in die 1960er Jahre – vom seriengefertigten Pflug über Heuwender, Flügelmäher und Düngerstreuer bis hin zum Kartoffelvollernter, Rübenbunkerköpfroder und selbstfahrenden Mähdrescher werden gezeigt und erklärt. Auch der vorindustrielle Kalkofen, die Feldbahn, der Derrick-Kran und dieZiegelei sind an diesem Tag in Betrieb und bieten die einmalige Gelegenheit, die unterschiedlichen Handwerke zur Herstellung von Baumaterialien in Aktion zu erleben. Die historischen Berufe der weiteren Verarbeitung dieser Baumaterialien werden vorgeführt. Steinmetze zeigen die Bearbeitung der im Steinbruch gewonnenen und mit dem Derrick-Kran verladenen Steine, Zimmerer sägen massige Holzstämme auf der hohen Bocksäge von Hand, nachdem sie mit Beilen entrindet wurden. Schreiner verarbeiten die
Bretter und andere Hölzer weiter und Schmiede führen vor, wie Eisenbe- schläge, Hufeisen oder Nägel entstehen. Und nachdem körperliche Arbeit durstig macht, sind am gleichen Tag auch beide historischen Brauhäuser gleich nebenan in Betrieb.

Maischen, Läutern, Würze kochen

Wann ist ein Bier ein Bier? Diese Frage können sich Musemsbesucher ebenfalls am Sonntag, 24. April, vom Museumsbrauer und seinen Helfern beantworten lassen, wenn in den beiden Museumsbrauereien das süffige Gold entsteht. Zwei Brauereien stehen im Museum in der Baugruppe „Mainfranken-Frankenhöhe“, das Kommunbrauhaus von 1844 aus Schlüsselfeld im Landkreis Bamberg und das deutlich ältere kleine Hofbrauhaus aus Kraisdorf im Landkreis Haßberge. Es stammt aus dem Jahr 1699 und zählt damit zu den ältesten noch funktionstüchtigen Brauhäusern Mitteleuropas.
Einmal im Jahr zum Tag des Bieres ist en in Betrieb. Hier ist immer noch alles reine Handarbeit – und die ist durchaus anstrengend. Schon um 6 Uhr, wenn das Museum noch geschlossen ist, beginnt der Brauvorgang. Rund ein Dutzend „Pumpaufs“ gehen jungen Brauern des Bundesverband Kreativbrauer e.V. zur Hand, die erstmalig im Museum ein Brotbier brauen wollen.
Im Kommunbrauhaus wird dagegen ganzjährig gebraut. Unter den erfahrenen Händen von Braumeister Sigi Brückler und Willi Döbler entstehen das „Freilandmuseum Dunkel“ und das „Freilandmuseum Zwickl“. Die bereits eingeweichte, angekeimte und geschrotete Gerste kommt in den Maischebottich, wird mit Wasser versetzt, erhitzt und anschließend geläutert – so der Fachbegriff für gefiltert. Die verbliebene Flüssigkeit, die Würze, wird mit Hopfen versetzt und gekocht, bis sie schließlich geklärt und abgekühlt wird. Nach einer Woche Gärzeit und anschließender Reife ist das Bier nach vier bis sechs Wochen fertig und kann genossen werden. Der Brauvorgang ist zum Teil schon technisiert, doch die Hopfengabe erfolgt von Hand. Sie spielt eine besondere Rolle, denn sie erst verleiht dem Bier das besondere Aroma.
Im Wirtshaus am Kommunbrauhaus werden beide Biere ausgeschenkt.


Es fallen die Hüllen

Museumsschafe werden geschoren

Tierwirtin Nicole Hammel umringt von Coburger Füchsen. Diese werden am Sonn-
tag, 1. Mai von 10-14 Uhr an der Schäferei aus Hambühl von ihr geschoren.
Foto: Lisa Baluschek


Am Sonntag, 1. Mai, lohnt sich ein Ausflug ins Fränkische Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim besonders, denn da werden von 10-14.00 Uhr in der Schäferei aus Hambühl die Schafe von ihrer
dichten Winterwolle befreit.
Seit Jahrtausenden dienen Schafe den Menschen als Rohstofflieferanten für Wolle, aus denen wärmende Kleidung gefertigt wird. Die Schafe sind darauf sogar angewiesen, denn schert man sie nicht, verfilzt sich das Fell, die Tiere bleiben leichter im Gestrüpp hängen und können sogar schwere Verletzungen davontragen. Die kleine Herde im Fränkischen Freilandmuseum, zu der im Frühjahr 17 Lämmchen dazu kamen, besteht mittlerweile aus 39 Tieren
verschiedener Rassen, darunter auch Coburger Füchse.

Das Fränkische Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim wurde am 10. Juli 1977 gegründet und am 4. Juli 1982 eröffnet und kann somit in diesem Jahr sein 40. Jubiläum feiern. Das Museum präsentiert die gesamte fränki-
sche Region: Ober-, Unter- und Mittelfranken. Auf dem 45 ha großen Gelände (entspricht einer Größe von 56 Fußballfeldern) stehen 125 historische Gebäude, deren Anzahl stetig erweitert wird. Derzeit werden das spät-
mittelalterliche Badhaus aus Wendelstein (LKR. Roth) und die Synagoge von 1740 aus Allersheim (LKR Würzburg) wiederaufgebaut. Das Badhaus wird am 25. Juni eröffnet, die Synagoge im Jahr 2023.
Die Sammlung des Museums umfasst 150.000 Objekte aus der Alltags-, Bau-, Religions-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des ländlichen, dörflichen und kleinstädtischen Lebens. 1975 wurde der Förderverein Fränkisches Freilandmuseum e. V. gegründet, der seitdem das Museum sowohl ideell als auch materiell unterstützt. Derzeit zählt er 4.000 Mitglieder. Rund 190.000 Besucher zählt das Museum seit vielen Jahren im Schnitt. 2020 sind Besucherzahlen
wegen der Corona-Pandemie zurück gegangen, ziehen derzeit aber wieder an.

Der römische Monat

LIMESTIVAL lädt im Juni zu spannender Zeitreise ein

Im Burgstall ist das Römerkastell abgebildet. Foto: Andreas Hub

Jupiter stehe uns bei, wir feiern in diesem Jahr einen großartigen LIMEStival-Monat Juni! Dann lädt die Stadt Gunzenhausen zu einer spannenden Zeitreise in die römische Vergangenheit ein. Die Altmühlstadt liegt bekanntlich als einzige bayerische Stadt direkt auf dem raetischen Limes. Für uns ein Grund um zu feiern und Gunzenhausen im Juni 2022 kurzerhand in eine römische Enklave zu verwandeln. Besucherinnen und Besucher werden in eine längst vergessene Zeit zurück versetzt. Insbesondere am Altmühlseeufer in Schlungenhof treffen sich gleich mehrmals einfache Grenzsoldaten, schwer bewaffnete Legionäre und gierige Händler. Und auf dem Wasser drehen Schiffe ihre Runden, beladen mit Kriegsgerät und anderen Utensilien. Bei all dem Schauspiel wird auch der Wissenschaft gebührender Platz eingeräumt, denn die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wird gemeinsam mit der Stadt Gunzenhausen, dem Bezirk Mittelfranken und dem Erlebnis Geschichte und experimentelle Archäologie e.V. römische Nachmittage mit Workshops und Lagerleben veranstalten.
„Unser LIMEStival-Monat ist eines der großen Veranstaltungshighlights in diesem Jahr“, so Wolfgang Eckerlein von der Tourist Information der Stadt Gunzenhausen. „Die Besucherinnen und Besucher finden sich in der römischen Antike wieder. Dieser wichtige Teil der Gunzenhäuser Geschichte soll im Juni 2022 erleb- und begreifbar werden. Dafür haben wir uns einiges einfallen lassen. Event-Klassiker wie Römerführungen wird es ebenso geben, wierömische Darbietungen, Festlichkeiten und Programme für Kinder. Ich freue mich zudem sehr, dass nach vielen Jahren die historische Römergruppe Cohorte XXXVI wieder in Gunzenhausen zu sehen sein wird.“
Weiterführende Informationen zum LIMEStival-Monat Juni erhalten Sie auf der Internetseite der
Tourist Information der Stadt Gunzenhausen unter www.gunzenhausen.info. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen Ihnen unter Tel. 09831/508 300 oder via E-Mail an touristik@gunzenhausen.de gerne zur Verfügung.

Claires Farbenrausch

Von Samstag, 30. April,  bis Dienstag, 31. Mai 2022 ist die Kunstausstellung Claires Farbenrausch mit dem Titel „Der zarten Seele bunte Bilder“  von Claire Limpert im Bürgersaal und der Galerie des Deutschordensschlosses in Wolframs-Eschenbach zu sehen. Die Vernissage ist am  Freitag, 29. April, um 19 Uhr im Bürgersaal.

Die genauen Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 12, Dienstag bis Samstag 14-17 Uhr und Sonntag 10.30 bis 12 Uhr.

Jusos schwenken um

Ukraine soll Waffen aus Deutschland bekommen

Er war als Juso-Vertreter aus dem Kreis auf dem Kongress des Parteinachwuchses: Stadtrat Paul Pfeifer.

Bezirksdeligiertenkonferenz – ein sperriger Begriff und der Inbegriff von einer politischen Veranstaltung. Für den Zuschauer vermutlich sehr langatmig und im ersten Moment auch langweilig. Wer aber genauer hinsieht wird feststellen, dass genau auf solchen Veranstaltungen die parteiinterne Politik betrieben wird. Die Mitglieder diskutieren miteinander und finden die Linie der eigenen Partei. Dabei kann es mitunter auch mal kontrovers werden. Für den Gunzenhäuser JUSO Paul Pfeifer, der als einziges Mitglied aus dem Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen am vergangenen Wochenende in Nürnberg mit dabei war, war es genau das: interessant und kontrovers.

Vor allem ein Thema stach bei der Debatte über einen Antrag der JUSOS Erlangen heraus: Die Ukraine-Krise und deren politischen Folgen. Es wurden in mehreren Redebeiträgen sehr detailreich und sachlich Argumente ausgetauscht. Dabei wurde im Laufe der Podiumsdiskussion deutlich, dass ein alter Grundsatz der jungen Politiker in Frage gestellt wird: Keine Waffenlieferungen in ein Krisengebiet. Und genau dies forderte der vorliegende Antrag, der Landesvorstand solle sich positiv gegenüber den Waffenlieferungen positionieren. Bis zum Start des Krieges am 24. Februar in der Ukraine war dieser Grundsatz wie in Stein gemeißelt. Jetzt zeigt die Realität, dass auch solche alten Grundsätze wackeln können. Der Antrag wurde von den rund 25 Delegierten mehrheitlich abgelehnt, Paul Pfeifer enthielt sich der Abstimmung. Dies begründete er später damit, dass der Grundgedanke des Antrages sehr gut und richtig war, aber die Ausformulierung zu ungenau. Er konnte weder zustimmen noch ablehnen. Ob das Thema wirklich vom Tisch ist, darf aber bezweifelt werden.

Die drei weiteren Anträge wurden hingegen nur kurz behandelt und dann mit großen Mehrheiten angenommen. Es ging dabei um die Enteignung von Stromkonzernen, um Bodycams bei der bayerischen Polizei und um eine Mitgliedschaft der SPD bei den Sozialistischen Internationalen. Damit werden die Themen an die Landeskonferenz weitergegeben und im Mai dort diskutiert.

Einen weiteren großen Teil der Veranstaltung nahmen Gruppendiskussionen zu unterschiedlichen Themen ein. Pfeifer schloss sich hierbei der Gruppe Mobilität an. Dabei ging es um die Fragestellung, wie die Mobilität in Bayern verändert werden muss. Besprochen wurde zum Beispiel das Thema und die Forderung nach einem kostenlosen Landestickets für alle Auszubildenden, Schüler*innen, Studierenden sowie Teilnehmende an den Freiwilligendiensten „Bufdi, FSJ, FSJ Kultur, FÖJ, FSJ für Geflüchtete“ im Freistaat Bayern. Die Kosten hierfür soll der Freistaat Bayern übernehmen.

Ginge es nach den JUSOS in Mittelfranken, so sollte das mittelfristige Ziel ein ticket- und kostenfreier ÖPNV für alle sein. Vor allem diesen Ideen konnte sich Paul Pfeifer leicht anschließen, auch seine Mitstreiter konnten den Forderungen so zustimmen. Der Genosse aus der Altmühlstadt zeigte sich bei anderen Ideen allerdings skeptisch. Leider würden autofreie Innenstädte, Tempolimits innerorts und auf Autobahnen oder andere Maßnahmen häufig an der Akzeptanz scheitern – auch wenn sie noch so sinnvoll sind. Trotzdem müssen die JUSOS vorangehen und die Themen in die tägliche Debatte einbringen. Die besprochenen Themen aus den unterschiedlichen Gruppendiskussionen werden bei der Bayerischen Landesdelegiertenkonferenz im Mai wieder auf die Tagesordnung kommen.

Die Delegierten für diese doch sehr große Konferenz mit ca. 200 Teilnehmern aus den Kreisen der JUSOS mussten in Mittelfranken noch gewählt werden. Insgesamt gehen 14 junge SPD’ler auf das Großevent, welches auch in Nürnberg stattfinden wird. Paul Pfeifer aus Gunzenhausen wurde dabei mit einer soliden Mehrheit als Delegierter gewählt. Er wird somit der Versammlung der JUSOS in Nürnberg beiwohnen und mitgestalten können. Vermutlich wieder bei interessanten und kontroversen Debatten und aufschlussreichen Abstimmungen.

Hinterher sind alle klüger

Erklärung zum Ukrainekrieg von Werner Falk

Findet die aktuelle Ukraine-Politik der deutschen Regierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz richtig: Werner Falk

Ich beziehe mich auf den Beitrag  von Klaus Geiger „Die größte und gefährlichste Fehlkalkulation in der Geschichte der Bundesrepublik“, veröffentlicht in der Tageszeitung „Die Welt“ und in der Online-Ausgabe.

Ich halte die Appeasmentpolitik der Bundesregierung seit 1990 für richtig. Der Grundsatz „Gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit sichert den Frieden“ hat uns in Europa eine lange friedliche Entwicklung beschert. Uns Deutschen hat sie die lange ersehnte und von vielen schon abgeschriebene Wiedervereinigung gebracht. Diese wäre ohne den beiderseitigen erklärten Willen zur Entspannung nicht möglich gewesen.

Die Okkupation der Krim durch Russland war m. E. für den Westen deshalb nicht von besonderer Brisanz, zumal die historische Entwicklung der Ukraine so einfach nicht ist. Das Land war schließlich über 70 Jahre ein Teil des sowjetischen Staatsgebildes. Die russischstämmige Bevölkerung hat dort heute noch einen bedeutenden Anteil. Gleichwohl durfte es keinen militärischen Überfall von russischer Seite geben. Hier sind bestehende Verträge einseitig interpretiert worden.

Ich finde es abwegig, wenn der Autor meint, diese Appeasmentpolitik sei ein schwerer Fehler gewesen. Ganz abgesehen von der Erkenntnis, dass man hinterher immer klüger ist, wissen wir, dass die Menschenrechte in Russland seit der Zarenzeit anders bewertet werden als im hochzivilisierten Westeuropa. Dennoch war es richtig, dass die deutsche Politik den Weg der Verständigung mit Russland gegangen ist, wenngleich sich natürlich heute die starke Abhängigkeit vom russischen Gas als eklatant erweist.  Aber es konnte ja niemand wissen, dass die russische Politik in einen menschenverachtenden Krieg führt. Glückwunsch jedenfalls all denen, die alles schon vorhergesehen haben! Dass sie sich heute als die großen Deuter der Weltpolitik preisen, das verrät eine unerträgliche Arroganz. Den Hinweis, dass trotz der unerwarteten Entwicklung im Verhältnis von Russland zu Deutschland und Europa bis heute verantwortliche Politiker der SPD noch immer hohe Ämter begleiten, halte ich für verfehlt und äußert populistisch. Er könnte von der AfD kommen, aber niemals von einer seriösen Tageszeitung. Diese Politiker sind letztlich durch den Willen des Volks, also des Souveräns, damals wie heute in ihre Ämter gekommen.

Deutschland muss das Vertrauen der Staatenwelt nicht wiedergewinnen und es muss sich auch nicht verstecken mit seinen Hilfsleistungen für die bedrängte Ukraine. Sie sind tatsächlich höher als die von vielen anderen Ländern. Das sollte auch der WELT-Autor wissen. Wichtig ist schließlich nicht, wie oft eine Hilfe öffentlichkeitswirksam angekündigt wird, sondern vielmehr die helfende Tat. Ich denke, dass die über 330000 Ukrainer, die in Deutschland eine schnelle Aufnahme gefunden haben, anders denken als die WELT in ihrem Beitrag. 

Als Deutsche stehen wir auf der Seite der Ukrainer, aber bei aller Zuneigung müssen wir auch zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur in Russland, sondern auch in der Ukraine keine Demokratie-Standards gelten. Und in Polen, Ungarn, Bulgarien oder Rumänen sind die Presse- und Meinungsfreiheit, die unabhängige Justiz und jegliche Rechtstaatlichkeit nach den EU-Vertragsunterschriften schnell zur Marginalie verkommen. Oligarchen, die das Vermögen des Volkes an sich gerissen haben, kennen wir nicht nur in Russland, sondern auch in diesen Ländern. Das ist keine staatliche Ordnung, die wir als freiheitliche Wertegemeinschaft in Westeuropa darstellen und die wir auch von anderen erwarten, die von der EU aufgenommen werden möchten. Also wird es gut sein, ordentlich zu prüfen und nicht unter dem Druck des Tages zu handeln.

Das Agieren unseres Bundeskanzlers begleite ich respektvoll. Er lässt sich nicht beirren in seinem Handeln, vor allem lässt er sich hoffentlich nicht vorführen von dem Botschafter eines Landes, das von Deutschland tatkräftige und wirksame Hilfe bekommt. Wer den deutschen Bundespräsidenten beleidigt, der hat als Diplomat keinen Platz in diesem Land. Keinen Sinn macht es, in einem Schnellschuss technisch komplizierte Waffen zu liefern, die von den ukrainischen Soldaten erst nach einer langen Einweisungszeit zu bedienen sind. Da wären Waffen der einstigen DDR-Volksarmee wohl geeigneter. Es wird auch der Eindruck von ukrainischer Seite vermittelt, es gäbe nur schwere Waffen, die Deutschland liefern könne. Interessant wäre es, zu wissen, welchen konkreten Beitrag die anderen Nato-Länder bisher geleistet haben. Das gilt für die militärische Hilfe, aber auch für die humanitären Leistungen. Dieses Argument sollte stärker gewichtet werden, auch wenn es nicht dem Mainstream entspricht, wonach der Westen viel mehr an militärischer Unterstützung bis hin zu einem Luftwaffeneinsatz geben müsste. Wer solche Gedanken schriftlich hinterlegt, der schreibt möglicherweise einen Dritten Weltkrieg herbei. Aber was interessiert das einen Menschen, der ohnehin alles besser weiß!

WERNER FALK