Kein Gifteinsatz im Burgstallwald

Entscheidung der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft

Von links nach rechts: Dr. Ralf Straußberger, Bürgermeister Karl-Heinz Fitz, Jürgen Stemmer vom Forstamt Gunzenhausen, Claudia Regner von der Interessengemeinschaft, Bernhard Wallraff von den Forstbetrieben Allersberg und Forstbesitzer Edwin Habermeyer. Foto: FR Presse

Auf diesen erlösenden Satz hatten die meisten der rund 200 Besucher der Bürgerversammlung im Lutherhaus gewartet: „Im Burgstallwald wird es keinen Gifteinsatz gegen den Schwammspinner geben.“ Spontaner Beifall quittierte diese Entscheidung, die Bernhard Wallraff vom Forstbetrieb Allersberg im Namen der Bayerischen Staatsforsten bekannt gab. Bereits im letzten Jahr hatten die Staatsforsten auf eine Bekämpfung des Schwammspinners aus der Luft verzichtet. Auch heuer kommt sie unter Abwägung aller Schutzgüter nicht in Frage. Zugleich sollen der Burgstallwald und die benachbarten Wälder im Raum Pfofeld-Dornhausen-Theilenhofen von der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft wissenschaftlich begleitet werden, denn bisher gibt es keinerlei Erfahrungen beim Befall in dieser Größenordnung.

Wallraff realistisch: „Wir müssen damit rechnen, dass sich der Wald stark verändert, in Teilen sogar abstirbt. Bei der Abwägung hat die Gesundheit der Menschen Vorrang, denn über das chemische Bekämpfungsmittel Mimic ist zu wenig bekannt.“

Diese Ansage nahm quasi den folgenden Statements von Dr. Ralf Straußberger vom Bund Naturschutz und von Claudia Regner von der Interessengemeinschaft „Kein Gifteinsatz im Burgstallwald“ die Luft aus den Segeln. Fast hörbar erleichtert: „Es ist die beste Nachricht. Das ist der Hammer.“

Bürgermeister Karl-Heinz Fitz  („Es ist das Ergebnis, das von vielen erwartet wurde“) hatte an diesem Abend wieder einmal die Rolle des Moderators übernommen.  Zuerst äußerten sich die  fünf Fachleute und Exponenten, dann gab es noch eine Diskussion, die aber sehr diszipliniert verlief und nicht auswucherte, was bei diesem Thema mit so vielen Facetten durchaus vorstellbar gewesen wäre. Und schließlich gibt es neben ausgewiesenen Fachleuten auch die so selbst ernannten Experten, die eine Diskussion ins Uferlose treiben können. Das alles hat es nicht gegeben.

Jürgen Stemmer vom Amt für Landwirtschaft Weißenburg, zuständig für den forstlichen Bereich, skizzierte in konsequenter Sachlichkeit die Vorgeschichte des Schwammspinner-Befalls im Burgstallwald, der im letzten Jahr erstmals massiv zu erleben war.  Dennoch waren die Schäden am Wald nicht gravierend, denn der zweite Austrieb (Johannistrieb) sorgte dafür, das sich die Bäume wieder belaubten. Etwa zehn Prozent des Erstaustriebs waren abgestorben. Aber die Eichen wurden für die Folgejahre natürlich geschwächt, weil sie ihre Reserven für den Zweitaustrieb genötigten. Das teilweise Absterben war aber auch bedingt durch die extreme Trockenheit in 2017. Starke Risse im Boden hatten das Wurzelwerk beschädigt. Stemmers Prognose: „Der mehrjährige Fraß kann zum Absterben ganzer Bestände führen.“ Der Forstmann ging auch auf alternative Bekämpfungsmaßnahmen ein, erteilte ihnen aber eine Absage. Beispielsweise ist es nicht wirksam und effektiv, die Stämme der Bäume von unten her abzuflammen, denn der Befall verteilt sich über den ganzen Baum. Seiner Ansicht nach kann auch nicht auf die Selbstheilungskräfte gesetzt werden, denn die Bäume sind gerade auch wegen der Trockenheit geschädigt. Die angenommene Massenvermehrung brecht nicht automatisch nach zwei Jahren biologisch zusammen. Mimic habe zwar keine schädigende Wirkung auf Käfer oder Wespen, dafür sei es giftig für Fische. Deshalb würden bei Bekämpfungsmaßnahmen auch die kleinen Oberflächengewässer ausgespart, natürlich auch die FFH-Flächen im Burgstallwald und die Bereiche, die an die Häuser heranreichten.

Insgesamt misst der Burgstall 113 Hektar, von denen 70 Hektar im Bereich der Staatsforsten liegen, 20 Hektar der Stadt gehören und weitere 20 Hektar von privaten Waldbesitzern bewirtschaftet werden. Bernhard Wallraff von den Forstbetrieben Allersberg, die gebietsmäßig für Gunzenhausen zuständig sind, nannte den Burgstall ein Schutzgut und verwies ferner auf das Wasserschutzgebiet sowie die Kureinrichtungen der Hensoltshöhe und des „Lindenhofs“.  Für den aufmerksamen Zuhörer deutete sich schon die Entscheidung der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Regensburg an: Verzicht auf chemische Bekämpfung in diesem Jahr und Einbeziehung des Burgstalls und der benachbarten Bereiche  in eine wissenschaftliche Untersuchung.  „Wir leben in dynamischen Systemen“, so Wallraff, „da gibt es Veränderungen.“

Dr. Ralf Straußberger, der Vertreter des Bundes Naturschutz und selbst Inhaber eines 20-Hektar-Waldes im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, äußerte sich zu den bisher von offizieller Seite verteidigten Begiftungen extrem kritisch. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich kahl gefressene Eichen wieder erholt haben. Die Eiche sterbe also nicht automatisch bei jedem Befall.  Wenn eine 10-20-prozentige Schädigung vorliege, dann könne noch nicht von einer Existenzbedrohung des Waldbauern gesprochen werden.  Dr. Straußberger appellierte an die Behörden, die biologischen Folgen einer flächigen Besprühung mit dem Flugzeug oder Helikopter zu untersuchen. Das sei bisher nämlich überhaupt noch nicht erfolgt.  Betroffen sind seiner Einschätzung nach neben 400 Schmetterlingsarten auch Fledermäuse und andere seltene Arten. “ In befallenen Gebiete gebe es zudem ein Verzehrverbot für Beerenfrüchte und Pilze. Seine klare Haltung: „Mimic ist nicht harmlos, deshalb ist es falsch zu sagen: Wir müssen vergiften!“ Eine meterscharfe Abgrenzung der Besprühung gegenüber Flächen, die gesetzlich ausgenommen werden müßten, und gegenüber  Privatflächen, die nicht für die Bekämpfung aus der Luft freigegeben würden, sei praktisch nicht möglich.

Auf die Schadwirkung von Mimic verwies Claudia Regner von der Interessengemeinschaft . Nicht nur Schmetterlinge, auch Spinnen, Krebse, Tausendfüßler und Fadenwürmer, Ameisen, Vögel, Rehe, Fledermäuse und  allerlei Amphibien seien nebst dem Menschen betroffen. Ihre klare Aussage: „Mimic schwächt den Eigenschutz des Ökosystems.“ Im Falle einer großflächigen Bekämpfung aus der Luft werde die Intention des erfolgreichen Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ ad absurdum geführt.

Die Liebe zu seinem Wald war Edwin Habermeyer, dem Oberasbacher Ortssprecher und Privatwaldbesitzer, ins Gesicht geschrieben, als er darlegte, welche Funktion die jahrhundertealten Eichen für das Ökosystem und das Umgebungsklima haben. Es werde auch Saatgut aus den Eichen erzeugt.  Nachdem im letzten Jahr rund 90 Prozent des Fichten- und Kiefernbestands abgestorben seien, müsse nun mit weiteren Schäden an Eichen gerechnet werden.  Habermeyer, dessen Erklärung („Wir Privatwaldbesitzer akzeptieren die Entscheidung“)  von allen Versammlungsbesuchern mit verständnisvolle Beifall quittiert wurde, verwies auch auf manch widersprüchliches Verhalten in der Gesellschaft hin. Beispielsweise seien  Mimic  und Dippel ES im Bio-Obstbau und Weinbau zugelassen. „Das muss jeder wissen, der Kirschen isst oder gern seinen Schoppen Wein trinkt“, so der Forstwirt. Für ihn stellt sich die Frage: „Will ich den Schwammspinner retten oder die Eichen? Ich sage: Rettet die Eichen!“

Wie Bernhard Wallraff erklärte, werden jetzt alle Waldbesitzer in den Problemregionen angeschrieben.  Sie können eine Pflanzenschutzbehandlung beantragen, hätten aber keinen Rechtsanspruch auf Bekämpfung. Geklärt seien aber noch nicht die Pufferflächen. Die Behörden befänden sich diesbezüglich noch in einem Abstimmungsprozess. Zwei bis drei Wochen könnten bis zu einer Klärung noch vergehen.

Wie unterschiedlich die Ansichten zu den Auswirkungen und Schädigungen des Schwammspinners sind, wurde durch zwei Wortbeiträge deutlich: Gerhard Postler, der am Rande des Burgstallwaldes ein großes Grundstück besitzt, klagt darüber, dass im letzten Jahr der Schwammspinner alle Ziergehölze abgefressen hat. Günther Jäger, ein Gunzenhäuser Waidmann, gibt den Schädlingsbekämpfungsmitteln die Schuld, dass in seinem Revier im letzten Jahr zwei Rehe verendet sind.

Der Wunsch von Uwe Maier, dessen leidenschaftlichen Appell kontra chemische Schädlingsbekämpfung der  Altmühl-Bote am gleichen Tag veröffentlichte, wird sich wohl nicht erfüllen. Er plädierte in der Diskussion dafür, den Wald generell umzubauen, also von Eichen und Buchen abzugehen und dafür andere Arten zu pflanzen, die für den Schwammspinner keine Nahrungsgrundlage sind.

WERNER FALK

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