Alt-Gunzenhausen neu erschienen

Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen

Vorsitzender Werner Falk (Mitte) und Schriftleiter Werner Mühlhäußer überreichten im Rathaus Bürgermeister Karl-Heinz Fitz das erste Exemplar des neues Jahrbuchs „Alt-Gunzenhausen“. Foto: Ingeborg Herrmann

Elf Beiträge von zwölf Autoren umfasst das neue Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“. Es ist mit 336 Seiten so umfangreich wie keine der 72 vorausgegangenen Publikationen.  Vorsitzender Werner Falk anlässlich der Vorstellung des Buches im Rathaus: „Der Verein für Heimatkunde schätzt sich glücklich, den Stamm seiner Verfasser immer wieder mit neuen Autoren ergänzen zu können.“  Das Buch ist im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Die Bearbeitung und Koordinierung der Beiträge lag in den Händen von Schriftleiter (und 2. Vorsitzenden) Werner Mühlhäußer. Als Stadtarchivar sitzt er quasi an der Quelle und pflegt den Kontakt zu den Autoren.  Der Vereinsvorsitzende dankte bei der Übergabe des ersten Exemplars an Bürgermeister Karl-Heinz  allen Autoren und auch den Sponsoren:  der Stadt Gunzenhausen, der Hirschmann-Stiftung,  der Mittelfrankenstiftung des Bezirks, dem Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen und der Sparkasse Gunzenhausen.

„Andreas Osiander und seine Verwandten in Gunzenhausen und Meinheim“ ist die Arbeit der Doppelautoren Werner Kugler und Werner Mühlhäußer betitelt.  Sie hellen den verwandtschaftlichen Hintergrund des Theologen und Reformators auf, denn bisher gab es kaum nennenswerte Aufzeichnungen seiner Gunzenhäuser Zeit.  Im Reichsteuerregister von 1497 wird ein „Endres Schmidt“ genannt, was auf den Beruf des Vaters (Schmied) hinweist.  Andreas ist  am 16. Dezember 1496 oder  am 19. November 1498 geboren. Ein Vetter, Michael Beck aus Meinheim, durfte sich seiner Fürsprache erfreuen und die Schwester von Osiander führt  die Spur zu weiteren Verwandten.

Günter L. Niekel stellt die „Schlösser von Muhr“ (2. Teil) vor, also Neuenmuhr, Mittelmuhr und das Julienberg. Nur mehr ein Gedenkstein erinnert heute an das Neuenmuhrer Schloss, das 1834 abgebrochen wurde. Von den Herren von Lentersheim bewohnt war das Schloss Mittelmuhr (1448 erbaut und 1570 abgebrannt). Ursprünglich ein Kellerhaus war das Gartenschlösschen Julienberg, das Freiherr von Danckelmann nach seiner Gemahlin benannte.

Gleich drei Autoren befassen sich mit den Ziegeleien in Gunzenhausen und Cronheim: Werner Mühlhäußer, Werner Neumann und Günther Prechter.  Sie erforschen die „Alte Ziegelei“ von 1466 in der Ziegelgasse (ab 1893: Hensoltstraße) und weitere Ziegeleien (Huber, Rothgängen/Reichardt, Lang). Hans Mayer war 1604 der erste Ziegler in Cronheim. Die Familie Sorg trägt heute noch den Hausnamen „Ziegler“. Ein Großfeuer beendete 1960 den Ziegeleibetrieb von Max Bühlmeyer.

„Die Haidstangen von Unterwurmbach“ ist der Beitrag von Dr. Manfred Keßler betitelt, in dem er die alten Holzrechte im Stiftswald Obere und Untere Haid  beschreibt. Der Stiftswald geht auf die Adelige Eleonore von Lentersheim (1612) zurück.

Dr. Daniel Schönwald führt in die Rieter-Gruft in der Kalbensteinberger Kirche, in der 20 Angehörige des Nürnberger Patriziergeschlechts  (seit 1609) bestattet  sind.  Die Grablege unter dem Chorraum, die aus konservatorischen Gründen nicht mehr zugänglich ist, birgt 13 Glassärge.  Der letzte männliche Namensträger des Geschlechts starb 1753, seine Frau wurde 1782 hier beigesetzt.

In den kirchlichen Heiratsbüchern ab 1534 bis zur Einführung der Standesämter in Bayern 1876 hat Werner Mühlhäußer  („Jubelhochzeiten in Gunzenhausen“) gestöbert kann am Beispiel von zwei Paaren, die das 50-jährige Ehejubiläum begehen konnten, interessante sozialgeschichtliche Erkenntnisse liefern.  Für die damalige Zeit waren 50 Jahre sensationell, denn die meisten Menschen erreichten dieses Alter nicht. Georg und Anna Albrecht (1667) und Johann Michael und Anna Hahn (1725) wären verblüfft, wenn sie erführen, dass die Scheidungsrate heute bei 37 Prozent liegt.

Die Reihe der Vorstellung Gunzenhäuser Oberamtmänner in markgräflicher Zeit setzt Siglinde Buchner in ihrer Abhandlung über Wolfgang von Crailsheim und Johann Ulrich von Crailsheim fort. Viele Mitglieder dieser Familie standen im Dienst der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Wolfgang war nur sechs Jahre der oberste Verwalter in der Altmühlstadt (1653-59). Er hatte mit seiner Frau Anna Petronella zehn Kinder.  Der Günstling von Markgraf Albrecht liefert wenig Erkenntnisse von lokalgeschichtlicher Bedeutung.  Auch Johann Ulrich von Crailsheim (amtiert von 1669-84) hat keine nennenswerten Spuren im Gunzenhäuser Land hinterlassen, wohl aber viele Nachkommen (17 Vaterschaften)  in zwei Ehen. Seiner Manneskraft war  offensichtlich der Besuch im Weißenburger Wildbad förderlich.

Eine üppig sprudelnde Quelle für die Gunzenhäuser Sozialgeschichte ist für Wolfgang Pfahler das Haus- und Jahrbuch von Paul Dayb, dem Oberkaplan von Gunzenhausen (1694-1735).  Im zweiten Teil seiner Arbeit (er erste ist im Jahrbuch  72/2017 veröffentlicht) findet der Autor in den 854 Seiten langen Aufzeichnungen eine Vielfalt von Geschichten, die für die Leser von heute amüsant erscheinen. Nicht nur Bierrechnungen liefern den Stoff dafür,  Dayb kommentiert auch die politischen Ereignisse jeder Zeit.

Die Priester der katholischen Pfarrei Gunzenhausen von 1897 bis 2017 listet Günter Dischinger auf, ja er stellt ihre Biografien zum Teil ausführlich vor. 1897 ist Gunzenhausen eine eigenständige Pfarrei geworden, vorher wurde die Gemeinde von Cronheim aus betreut. Erster Pfarrer nach der Reformation war Peter Landwirth, dessen Grabmal am alten Friedhof von seinem sechsten Nachfolger aufgelöst wurde.  Namen, die in bester Erinnerung geblieben sind: Dr. Johann Baptist Götz (1932-36), Heinrich Bauer (1956-68/er hat die Stadtpfarrkirche neu gebaut, dazu die Muhrer Filialkirche), Ewald Fröhlich (1968-87) und Wolfgang Forsten (1987-2001/er hat das Pfarrzentrum errichtet).

Ein Porno-Schriftsteller unter den Gunzenhäusern! Diese Schlagzeile würde heute noch für Aufsehen sorgen, im 19. Jahrhundert war dies natürlich eine Sensation.  Ferdinand Karl Holzinger (alias Ferdinand Rodenstein) ist zwar 1881 als unehelicher Sohn einer Näherin in der alten Eisenbahnerwirtschaft geboren, aber er machte sich schon bald nach der Realschulzeit „vom Acker“ und suchte das freie Leben in der Großstadt. Prof. Dr. Florian Mildenberger schildert diese schemenhafte Figur in seinem Beitrag „Bemerkung: Gemeingefährlich“.  Um es gleich vorweg zu sagen: Holzinger (1881-1938) spielt in der literarisch-historischen Forschung keinerlei Rolle. Er gehörte zu den berüchtigten Produzenten pornografischer Literatur der zwanziger Jahre und war ein kriminell veranlagter junger Mann, der schwülstige Theaterstücke schrieb, die freilich niemals aufgeführt wurden. Unter seinem Pseudonym „Ferdinand Rodenstein“  schrieb er triviale „Groschenromane“. Mit ihm endete es schlimm: Als „entarteter Mensch“  landete er in der Heilanstalt und Zeitgenossen wünschten ihm, er möge „an seiner Unflätigkeit zu Ende gehen“.  Das ist 1938 geschehen (beigesetzt in Leipzig).

Mit der Bäderstadt Gunzenhausen setzt sich Dr. Joachim Schnürle auseinander, jedoch nicht mit der tollen Bäder- und Saunalandschaft von heute, sondern unter dem Titel „…und soll derselbe nach Vermuthung eine Naturheilanstalt errichten“ mit den Anfängen des Klinikums Hensoltshöhe.  Die Gunzenhäuser erfuhren  1903 aus der Zeitung von der geplanten  neuen  Nutzung der Gaststätte mit Badeanstalt, die 1883 der seinerzeitige Bürgermeister Johann Leonhard Hensolt   erbaut hatte. Michael Stöhr war sein unternehmenslustiger Pächter,  die „Hensoltshöhe“ ein Hort gesellschaftlicher Vergnügungen. Der „Neue“ war Ernest Mehl, Direktor einer Augsburger Kammgarnspinnerei. Er galt als sozialer Unternehmer, ja als ein Fürsprecher der Arbeiter. Sein Plan war es 1903, aus der Gaststätte ein christliches Erholungsheim zu machen. Der therapeutische Anspruch war es, „Erquickung für den ganzen Menschen“ zu bieten.  Autor Dr. Schnürle, der heutige medizinische Leiter, darf sich in der direkten Nachfolge Mehls wähnen, denn der Patient der Altmühlseeklinik wird in seiner Ganzheitlichkeit wahrgenommen.

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