„Eine Kindheit“ von Robert Schopflocher

Neuerscheinung im ars-vivendi-Verlag

Robert Schopflocher bewegte sich zeit seines Schriftstellerlebens zwischen mindestens zwei Welten: der Welt seiner Kindheit, dem multikulturellen, alteuropäischen Fürth mit seiner reichen jüdischen Kulturlandschaft, und der Welt Südamerikas, die ihn aufnahm, nachdem er mit seiner Familie Deutschland in den Dreißigerjahren verlassen musste. Unter dem Titel Eine Kindheit sind die »Herzstücke« der Erzählbände dieses bedeutenden deutschen Exilautors versammelt sowie eine bisher in Deutschland unveröffentlichte Geschichte.
Schopflocher schreibt zum einen vom Fürth seiner Kindertage, das in seiner Erinnerung wie eine Fliege im Bernstein unveränderlich bleibt: Von dessen reichem kulturellen Leben bis zum Anbrechen des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte – und von der Heimat, die einem die Sprache sein kann. Sein anderes Zuhause, Argentinen, hat er aber ebenso im Blick. Gemein ist allen Erzählungen eines seiner zentralen Themen: die »Verfolgung des Menschen durch den Menschen«, wie er es selbst einmal benannt hat. So lässt er »die verschollene Welt jüdisch-argentinischer Shtetl-Kultur wieder auferstehen«, heißt es im Nachwort, und gibt auch dem Erlittenen während der argentinischen Militärdiktatur Raum. In seiner Muttersprache begann Schopflocher denkbar spät zu schreiben: Seine ersten belletristischen Werke verfasste er in den Achtzigerjahren in spanischer Sprache, erst in den späten Neunzigerjahren veröffentlichte er Erzählungen auf Deutsch. Dabei handelte es sich zunächst um freie Nacherzählungen der spanischen Texte. Nach dem großen Zuspruch, den er von deutschen Lesern und Kritikern erfuhr, schrieb er bis zu seinem Tod nur noch in seiner Muttersprache. Dieses Buch ist eine literarische Entdeckungsreise zwischen Deutschland und Argentinien, zwischen Gestern und Heute.

Robert Schopflocher wurde 1923 als Kind jüdischer Eltern in Fürth geboren. 1937 floh er mit seiner Familie aus Deutschland nach Argentinien. Nach seinem Agronomiestudium arbeitete er zunächst als Verwalter diverser Baron-Hirsch-Siedlungen und ging 1951 nach Buenos Aires, wo er in die väterliche Firma eintrat, bis er sich schließlich ganz dem Schreiben, zuerst auf Spanisch, später auf Deutsch widmete. Zuletzt veröffentlichte er Das Komplott zu Lima (2015). 2008 wurde ihm der Jakob Wassermann- Literaturpreis der Stadt Fürth verliehen. Robert Schopflocher starb im Januar
2016 in Buenos Aires.
Robert Schopflocher: „Eine Kindheit“ (Erzählungen), Hardcover mit Farbschnitt, 288 Seiten, ISBN 978-3-86913-742-1, 22 Euro, Verlag  ars vivendi, Cadolzburg

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