Wo sind unsere Nachbarn geblieben?

Sigried Atzmon stellte sich den Fragen der Schüler

Auf einer Glasplatte sind mittels Diamantrisstechnik die Namen von 66 Schriftstellern, Lyrikern, Philosophen, Wissenschaftlern und Romanautoren eingraviert worden, deren Werke damals in den Scheiterhaufen der Nazis verbrannt wurden. Unter der Glasplatte und über ihre Ränder hinaus betont eine langgezogene Aschespur die Mittelachse. So soll die versuchte Zerstörung der geistigen Produkte symbolisiert werden. Doch ebenso wie im durchsichtigen Material Glas die Schrift deutlich sichtbar bleibt, so überdauert auch das Gewichtige, der Inhalt der verbrannten Bücher. Die Gedanken, die Kreativität der Sprache, der Einfallsreichtum der Autoren konnte nicht vernichtet werden.

Geschichtsunterricht mal ganz anders erleben durften vor kurzem die Schüler der Mittelschule Oettingen. Die Lehrer Max Sefranek und Walter Fuchs hatten zusammen mit Sigried Atzmon vom Freundeskreis der Synagoge Hainsfarth eine Projektwoche organisiert. Im Mittelpunkt stand die Frage: „Wo sind meine Nachbarn geblieben?“ Da die Schüler selbst nicht erlebt haben, wie einst Menschen von einem Tag auf den anderen aus ihren Wohnungen geholt und deportiert wurden, erfuhren sie in dem Film „Spielzeugland“ von der Geschichte eines kleinen Jungen, der mit seinem jüdischen Freund in das vermeintliche „Spielzeugland“ mitfahren wollte und mit diesem scheinbar unsinnigen Wunsch den Freund vor dem sicheren Tod gerettet hat.

Am zweiten Tag der Woche wanderten die Schüler nach Hainsfarth zur Synagoge, um ein ehemaliges jüdisches Gotteshaus kennenzulernen. Dort stellte sich Sigried Atzmon den Fragen der Jugendlichen und gab Auskunft über die Hausgeschichte und der jüdischen Religion. Man konnte erfahren, wie die Bücher Moses aus der Thora, der Schriftrolle, gelesen werden. Der ehemalige Schulleiter in Hainsfarth, Manfred Meyer, führte die Schüler über den jüdischen Friedhof und erläuterte ihnen die Aufschriften der etwa 200 Grabmale der ehemaligen jüdischen Gemeinde im Ort.

Am dritten Tag war Pavel Hoffmann als Zeitzeuge zu Gast in der Grund und Mittelschule, zu der auch Schüler des  Albrecht-Ernst Gymnasium Oettingen eingeladen waren, wo er als jüngster noch lebender Zeitzeuge sein Schicksal als Kind im Ghetto Theresienstadt schilderte. Hoffmann verlor dort als Dreijähriger schon nach vier Wochen seine Mutter. Der Vater war bereits 1942 bei einer Racheaktion der SS erschossen worden. Auch seine Großeltern kamen mit 120 000 weiteren Juden in Auschwitz ums Leben. Dass er heute lebe, verdanke er der Tatsache, dass Himmler kurz vor Kriegsende einen Transport von ausgesuchten Juden nach St. Gallen in die Schweiz geschickt hatte, um durch die Befreiung von Juden seine Schuld zu mindern.

Einen Tag später berichtete eine weitere Zeitzeugin von ihren persönlichen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Uta Löhrer, Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Bayern, moderierte ein Podiumsgespräch,das vom Shalom Ensemble München unter der Leitung von Susanne Gargerle mit Musik aus Theresienstadt umrahmt wurde. Die Komponisten aller dargebrachten Werke überlebten die NS-Zeit allesamt nicht. Ihre Musik jedoch, die so viel vom Grauen und der Verlorenheit der Menschen im KZ wiedergibt, soll nicht für immer verloren sein. Im Gespräch schilderte Frau Dr. Dagmar Lieblova aus Prag ihre schrecklichen Erlebnisse im Ghetto und in den KZs Theresienstadt und Auschwitz. Sie überlebte als einzige ihrer Familie das Grauen des Holocausts. In Theresienstadt, dem „Vorzeige-KZ“ der Nazis, war sie über mehrere Monate Mitglied des Kinderchores, der etwa 50-mal die Kinderoper Brundibar aufführte. Das Ensemble spielte dort mit stetig wechselnder Besetzung, da die Mitglieder oft in andere Lager weitertransportiert wurden oder in Theresienstadt verstarben. Zu Beginn der Veranstaltung wurde ein sehr bewegender Film über Dr. Dagmar Lieblova gezeigt, der im Rahmen einer Schulprojektarbeit entstanden war. Darin wird, die „Musik als Zuflucht“ gezeigt, d.h. als die winzige Möglichkeit „ein Stück Normalität im unendlichen Grauen zu erleben“. Erschüttert und aufgerüttelt durch die eigene Mitwirkung bei einer Aufführung von Brundibar hatte der Schüler Moritz Spender Dagmar Lieblova ausfindig gemacht und ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet. Mit dem Film konnte er das Bayerische Kinder- und Jugendfilmfestival gewinnen.

Am letzten Tag des Projekts der Mittelschule Oettingen war nun die Synagoge in Hainsfarth der Ort, der den Rahmen für das bewegende Singspiel „Brundibar“ bilden durfte. Unter der Leitung des Dirigenten Stellario Fagone führte der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper und die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters  die parabelhafte Geschichte der Geschwister Pepicek und Aninka auf, die sich mit Hilfe der Kinder und Tiere gegen den bösen Leierkastenmann „Brundibar“ wehren können. Das Stück ist ein leidenschaftlicher Aufruf zum Zusammenhalten in Bedrängnis. Ein glückliches Ende wie in der Kinderoper aber durften die meisten der damaligen Darsteller und Musiker nach den Aufführungen im Konzentrationslager Theresienstadt nicht erleben, die meisten von ihnen kamen wie der Komponist der Oper, Hans Krása, im KZ um.

Zum Abschluss der Projektwoche „Wo sind meine Nachbarn geblieben?“ bedankte sich Sigried Atzmon im Beisein von Schulamtsdirektor Michael Stocker, als Vertreter des Staatlichen Schulamts im Landkreis Donau-Ries, und MdL Wolfgang Fackler bei allen Beteiligten, besonders bei der Direktorin des Musikalischen Bereichs der Bayerischen Staatsoper, Annette Zühlke für die Organisation des überaus gelungenen Auftritts der Musiker und der etwa 90 Kinder und Jugendlichen des Kinderchores der Bayerischen Staatsoper mit der Kinderoper „Brundibar“. Der jungen Generation die Botschaft von Zusammenhalt  und Toleranz, von Geschichtsbewusstsein und gegenseitiger Achtung zu vermitteln, darin sieht der Freundeskreis Hainsfarth seine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.      W. Mehl

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