Der neue Iran

Buch von Charlotte Wiedemann im dtv-Verlag erschienen

Intime Einblicke in ein faszinierendes Land gibt die Journalistin Charlotte Wiedemann in ihrem Buch „Der neue Iran“. Sie hat Persien in dreizehn Jahren oftmals bereist und in renommierten Blättern publiziert. Den Leser erwartet eine realistische Zustandsbeschreibung der iranischen Gesellschaft.

In Gesprächen mit der Autorin haben sich Iraner immer wieder beleidigt gezeigt über das Bild, das die westlichen Medien über ihr Land verbreiten (Motto: „Alles Schlechte wird aufgebauscht, das Gute nicht erwähnt“).   Ob es nun religiöse Islamisten sind oder Menschen aus dem eher weltlichen Milieu, sie verlangen: „Achtet uns!“ Wiedemanns Buch verrät, wie sich die Iraner selbst geben und wie sie aus dem westlichen Blickwinkel betrachtet werden. Ihr ausgeprägter Nationalstolz gründet nicht etwa auf der „Islamischen Revolution“ von Ajatolla Khomeini, sondern auf dem persischen Reich der Antike und der gestaltenden Kraft der alten Reiche in der östlichen Welt.

Das traditionell gute Verhältnis zu Deutschland ist auf das 20. Jahrhundert zurückzuführen, als sich die „völkischen Ideen“ beider Länder stark ähnelten. Die „Spezialbeziehung“ gilt nach den Erkenntnissen von Charlotte Wiedemann bis heute. Vor dem westlichen Embargo waren deutsche Unternehmen bestens im Geschäft, die Wirtschaftsbeziehungen sind nach Aufhebung der Handelsbeschränkungen wieder hoffungsvoll.

Charlotte Wiedemann, die in den sechziger Jahren auf deutschen Straßen gegen das persische Schah-Regime demonstrierte, hat in Gesprächen mit Iranern den drängenden Wunsch herausgehört, die Isolation zu überwinden. Der neue Iran entsteht demnach weniger als Folge des Embargo-Endes, sondern wegen der „stillen Macht der täglichen Ansprüche“ seiner Menschen. Eine bedeutsame Rolle nehmen dabei erstaunlicherweise die Frauen im Iran ein.

„Die historische Prägung des Irans ist nicht aggressiv“, schreibt die Autorin und bemerkt, dass es „ein westlich orchestrierter Staatsstreich“ war, der 1953 nach dem Sturz des populären Ministerpräsidenten Mossadegh den Schah als Vasallen der USA an die Macht gebracht hat.  1978 musste die Herrscherfamilie, die sich vom Volk abgehoben hatte, mit Schimpf und Schande das Land verlassen, 1979 folgte die Khomeini-Revolution.

Die Autorin warnt davor, den Iran auf Teheran zu reduzieren. Das Land hat eine viel zu komplexe Geschichte. Auch die übliche Floskel vom „Gottesstaat“ sollten sich die westlichen Publizisten und Politiker abschminken, denn der Iran ist nach ihrer Einschätzung ein modernes, technikbegeistertes und dynamisches Land.

So merkwürdig es klingen mag: Der Regelbruch ist im Iran ein Massenphänomen. Es wird ausdauernd gegen Verbote gehandelt. Die Autorin glaubt, dass darin sogar das Geheimnis der relativen Stabilität liegt. Die Herrschenden und Beherrschten liefern sich einen informellen Wettstreit. Die Regierenden lassen – wie in vielen totalitären Regimen – den Menschen im Land ein gewisses Quantum an Freiheit, um sie sozusagen bei Stimmung zu halten und offenen Streit  zu vermeiden.

Zu den Widersprüchen, die den Besucher im Land begegnen,  gehört die Tatsache, dass seit zwanzig Jahren Satellitenschüsseln verboten sind, tatsächlich aber nutzen heute nach soliden Schätzungen zwei Drittel der Großstadtmenschen Teherans die Auslandssender. Obgleich der Alkoholgenuss mit einer Strafe von 80 Peitschenhieben bewehrt ist, baut der Staat neue Entzugskliniken. Auf den Handel mit Alkohol gibt es hohe Strafen, jedoch ist es kein Problem, innerhalb von einer halben Stunde eine Flasche Whisky ins Haus geliefert zu bekommen.

Charlotte Wiedemann: „Der neue Iran“. Erschienen ist das 288 Seiten starke Buch im dtv-Verlag, ISBN 978-3-423-28124-9, 22 Euro.

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