Was sagt uns Malyj Trostenez?

Wissenschaftler aus Belarus und Deutschland wirken zusammen

Minsk

Ein internationales Jugendprojekt: Bei Minsk ist der Wald als Gedenkstätte gestaltet.

Buchenwald, Majdanek, Treblinka, Auschwitz – das sind die bekannten Namen, die für tausendfachen Mord an Menschen stehen, die im Namen Deutschlands während der nationalsozialistischen  Gewaltherrschaft begangen wurden. Aber wer kennt Malyj Trostenez und die dazu gehörigen verbrecherischen Stätten Schaschkowka und Blagowtschschina? Das Konzentrationslager in Belarus (Weißrussland) gehört zu den „vergessenen“ Orten. Erst seit dem Zerfall des Sowjetimperiums und der „Wende“ in den Ost-West-Beziehungen gibt es eine Erinnerungskultur in Weißrussland, das am schlimmsten unter den deutschen Besatzern gelitten hat.  Der „Reichsraum“ – so der Jargon der Nazis – sollte um das Gebiet erweitert werden. Die NS-Strategen beabsichtigten, 75 Prozent der Bevölkerung zu vertreiben oder zu vernichten, 25 Prozent waren für die Germanisierung vorgesehen.

Die Wissenschaft nimmt sich heute der Massaker in Weißrussland an. Es ist das Verdienst des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund (IBB), der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstäte „Johannes Rau“ (IBB Minsk) und der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, dass die Öffentlichkeit vom Vernichtungsort Malyj Trostenez Kenntnis nimmt. 1991 ist dort ein erstes Denkmal für die aus Deutschland deportierten Juden entstanden.  Eine neue Gedenkanlage ist im Aufbau, der erste Abschnitt wurde 2015 realisiert. Historiker auf beiden Seiten haben eine Formel gefunden: Erinnern für  eine gemeinsame Zukunft! Der menschliche und wissenschaftliche Austausch ist ihnen wichtig, denn er ist ein Element für die Versöhnung. Die Bereitschaft zum Dialog wird von beiden Seiten gezeigt. Dr. Felix Klein, der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Holocaust-Erinnerung, unterstützt die Arbeit vor Ort genauso wie Igor Karpenko, der stellvertretende Vorsitzende des Exekutivkomitees der Stadt Minsk und Walentin Rybakow, der stellvertretende Außenminister der Republik Belarus. Sie kommen in einer Dokumentation zu Wort, die jetzt erschienen ist.

Malyj Trostenez ist die größte Massenvernichtungsstätte auf dem Gebiet der von deutschen Truppen besetzten ehemaligen Sowjetunion. Hier wurden von 1941 bis 1944 an die 200000 Menschen ermordet – Kriegsgefangene ebenso wie Partisanen, Juden, Frauen und Kinder.  Schon Mitte 1941 waren Tausende von Juden aus dem Reich nach Belarus gebracht worden. Und wenige Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee wurden 6500 Häftlinge erschossen und verbrannt. Dass trotzdem einige überlebt haben, das dokumentiert ein Buch mit dem Titel „Vernichtungsort Malyj Trostenez – Geschichte und Erinnerung“.

Das Konzentrationslager ist im Juli 1944 von sowjetischen Truppen befreit worden. Eine sowjetische Sonderkommission ist schon damals eingerichtet worden, um die Gräueltaten zu untersuchen, die in dem Vorort von Minsk begangen wurden. Das Ergebnis ihrer Arbeit waren 27 Berichte. Sie dienten als Grundlage für die sowjetische Anklage beim  Nürnberger  Kriegsverbrecherprozess 1945/1946. Deutsche und weißrussische, tschechische und österreichische Historiker kamen gemeinsam eine Wanderausstellung konzipiert, die in Deutschland und Belarus gezeigt wird. Sie soll aufklären und Wissensdefizite beheben.

Werner Falk

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