„Toskanahäuser“ schlimmer als Holzzaun

Erklärung von Dieter Popp, Regionalmanagement „Futour“

Aus dem „Altmühlboten“ vom 12. Juli habe ich von dem einstimmigen Beschluss des städtischen Ausschusses für Bauangelegenheiten und Stadtentwicklung erfahren.

Als Gunzenhausener Nachbar und an einer harmonischen Entwicklung der Region interessierter Bürger, möchte ich Ihnen dazu gerne meine Auffassung mitteilen und bitte Sie, diese Mail möglichst den Mitgliedern dieses Ausschusses weiterzuleiten.

Die zumindest im „Altmühlboten“ dargelegte Begründung der Ablehnung erstaunt doch ganz erheblich:

  • Die Ablehnung bezieht sich ausdrücklich auf die Grundstückseinfriedigung durch einen Lattenzaun. Wenn es denn einen Grund für eine Ablehnung des Bauvorhabens auf diesem Grundstück gegeben hat, dann ist es weniger dieser Lattenzaun als dieser wie ein Geschwür sich ausbreitende Trend zu einem Toscana-Baustil, der in keiner Weise zur fränkischen Baukultur – auch nicht in Neubaugebieten – passt. Selbst in europäischen Ländern ohne strenge Bauvorschriften kämen nur wenige Bauwillige auf solch absurde Ideen, den Baustil seines beliebten Urlaubslandes am Heimatort zu kopieren. Das verbietet dort meist das Selbstbewusstsein über die eigene Baukultur. Insofern ist es schon erstaunlich, dass im Ausschuss nicht gegen diesen Bau-Fremdkörper mit jener Energie vorgegangen wurde, wie gegen einen das gleiche Grundstück einfriedenden Zaun aus heimischen Baumaterialien.
  • Wenn tatsächlich im Ausschuss die Beurteilung dieses Zauns am Thema „Geschmack“ gescheitert sein sollte, dann muss man sich schon fragen wie viele Augen man bei einer Mehrzahl anderer Grundstückseinfriedigungen bereits zugedrückt hat! Ein Absurditäten-Kabinett könnte man mit einer Vielzahl der in Gunzenhausen – und natürlich auch anderen Orten – anzutreffenden Zäunen, Mauern und Gewächsen füllen, die zur Grundstückabgrenzung herhalten müssen, ohne damit ein harmonisches und zur Umgebung passendes Bild abzugeben.
  • Wenn völlig unzutreffend sogar von einer „Teufelsmauer“ gesprochen wird, dann kann dies kaum auf das abgelehnte Objekt zutreffen, das – von außen oder von innen – mit rankenden heimischen Gewächsen bepflanzt ohnehin bald kaum mehr zu sehen sein dürfte. Das jetzt evtl. noch als „abweisend empfundene“ helle Holz wird in absehbarer Zeit einem natürlichen Farbveränderungsprozess weichen und sich dann in die umgebende Situation einfügen. Dagegen wirken die offenbar in diesem Ausschuss nie hinterfragten Thuja-Wände – die es an unzähligen Stellen auch in unmittelbarer Nachbarschaft des betreffenden Grundstücks gibt – in der Tat als optisch abweisende „Mauern“, die keine Veränderung im Jahreszeitenwechsel zeigen und zudem ökologisch höchst befremdlich sind! Ein solch – auch noch künstlerisch gestalteter – Holzzaun dürfte den meisten Nachbarn z.B. angenehmer sein, als die bei uns ebenfalls nachbarrechtlich zu duldende blinkende Lichterketten-Beleuchtung in der Advents- und Weihnachtszeit, die alljährlich – auch in Gunzenhausen – die Vorgärten, Zäune oder Häuser „ziert“! Gegen diesen Unsinn vorzugehen, wäre ein lohnenswerteres Ziel für den Ausschuss – natürlich nicht nur in Gunzenhausen. Denn dies stellt eine massive Beeinträchtigung der Nachbargrundstücke dar.
  • Angesichts der Bemühungen der „Arbeitsgruppe Bauen mit Holz“ in Altmühlfranken verbaut dieser Ablehnung gegen den Baustoff Holz leider die öffentliche Wahrnehmung für die Vorzüge dieses Werkstoffs, gerade auch bei der Zaungestaltung. Es muss nicht zwingend der in kaum eine deutsche Mittelgebirgs- oder Flachland-Landschaft passende Jägerzaun sein, aber die hier in Franken übliche Grundstückseinfriedung im innerörtlichen Bereich bestand nun einmal aus Holzlatten. Und wer sich der Mühe unterzieht, dazu die gebauten und gelebten Beispiele im Fränkischen Freilandmuseum anzusehen, wird dabei überzeugende Lösungen finden. Zum Glück gibt es diese Beispiele auch in Gunzenhausen, auch in Neubaugebieten. Daran sollte die Messlatte angelegt werden. Das Holzzaunbeispiel aus dem Gladiolenweg zählt sicher nicht zu den klassischen historischen Vorbildern, es stellt aber eine kreative Variante der Zaunentwicklung mit natürlichen Materialien in Franken dar. Und es eignet sich als nachahmenswertes Beispiel wesentlich besser, als die vielen unbeanstandet akzeptierten Fälle mit undifferenziert ausgewählten Zäunen aus den beliebigen sowie global austauschbaren Paletten der Baumärkte!

Es würde mich freuen, wenn Sie meine Zeilen zumindest zum Nachdenken anregen können. Es ist noch nicht zu spät, um etwas mehr Qualität und Baukultur in unsere Neubaugebiete einziehen zu lassen. Dieter Popp, Haundorf, Regionalmanagement

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5 Thoughts on “„Toskanahäuser“ schlimmer als Holzzaun

  1. Daniel Ammon, Merkendorf on 13. Juli 2014 at 20:13 said:

    Lieber Herr Falk, lieber Herr Popp, Baukultur, die bewahrt werden soll in allen Ehren. Die Zaunbauweise im Gladiolenweg halte ich für originiell und nicht verwerflich. Zudem sollten individuelle Zauntypen erlaubt sein. Klar bin ich gegen die angesprochenen „Berliner Mauern“, jedoch dürfen die individuellen Zäune auch nicht ZU extravagant sein. Einheitsbrei vor jedem Vorgarten darf aber auch nicht das Ziel sein. Freilich sollten in unseren Breiten nicht fremde Baustile aus Urlaubsländern kopiert werden. Fränkisch oder deutsche Baustile müssen weiterhin unsere Wohngebiete, egal ob Haus oder Zaun, zieren. Viele Grüße Daniel Ammon

    • Werner Falk on 15. Juli 2014 at 16:47 said:

      Lieber Herr Ammon, zunächst vielen Dank für das Foto. Im AB wird der Beitrag noch erscheinen. Zum Gartenzaun: Rein verfahrensrechtlich muss sich der Eigentümer natürlich an die geltenden Bestimmungen halten, wonach der Zaun nur 1,20 Meter hoch sein darf. Dabei spielt die Ausgestaltung zunächst einmal gar keine Rolle. Von der Ästhetik her finde ich den Fall nicht so schlimm. Der Zaun wird bald ergrauen, eventuell wird auch bald das Grundstück davor bebaut. Es geht halt um das Grundsätzliche. Gruß Werner Falk

  2. Liebe Vorredner oder besser gesagt Vorschreiber, ich finde den Zaun schön und stimme ihren Ausführungen vollkommen zu. Er zeigt Kreativität, ist kein Einheitsbrei und noch dazu ökologisch. Bezüglich der Höhe sollte man auch, wenn sich kein Nachbar aufregt, die Sache verhältnismäßig sehen und kein Politikum oder Bürokratikum daraus machen.
    Bezüglich der unterschiedlichen Baustile habe ich als „Fast“-Laie folgende Meinung:
    Die Baukultur der letzten Jahrzehnte wurde sehr stark von der Bautechnik beeinflusst. Das lässt auch beim fränkischen Baustil sehr viel als „aufgesetzt“ wirken. Wirklich authentische fränkische Neubauten erfordern viel Idealismus, welchen die meisten Bauherren oft nicht bis zum Schluß mitbringen können oder auch wollen. Neue Siedlungen, bei welchen der Bebauungsplan sehr viel vorschreibt und ein schönes harmonisches Gesamtbild erreicht werden soll wirken gerade deswegen kasernenmäßig und monoton.
    Unsere frühere fränkische Baukultur hat sich auch aus vielen Einflüssen entwickelt wenn man an die vielen italienischen Baumeister denkt, welche z.B. großartige Kirchen gebaut haben und wiederum deren Fundament sich unter anderem auf die Griechen stützt. Ich will damit sagen, daß sich Baustile weiterentwickelt haben und wenn man versucht ihn „einzufrieren“ oder vorzuschreiben dieser zum Imitat wird und an Authentizität verliert.
    Die Lebensweise der Leute ist im Wandel. Die Lebensweise ist sozial, kulturell und gesellschaftlich beeinflusst. Die Leute wollen und müssen teilweise heute anders leben als noch vor 100 Jahren. Mit „wollen“ meine ich z.B. daß die Lebensweise im Gegensatz zu früher eine offenere und lichtdurchflutetere ist als früher.
    Mit „müssen“ meine ich die Anforderungen welche der Klimaschutz an uns stellt. Neue Häuser im Toskanastil oder ein Haus mit Pultdach welches zur Sonne hin ausgerichtet ist und sich dorthin öffnet verbraucht wesentlich weniger Energie als ein Haus in fränkischer Bauweise mit Erkern und kleinen Fenstern. Der Baukörper ist geschlossener und das Verhältnis der Außenhülle zur Wohnfläche ist kleiner.
    Abschließend möchte ich sagen, daß in Dorf- oder Stadtzentren die fränkische Baukultur geschützt und öffentlich gefördert werden soll. Wenn wir das nicht machen verlieren wir einen Teil unserer Lebenskultur. Mein Respekt gilt jeden, der ein altes Haus stilgerecht renoviert und herrichtet. Im Gegensatz sollten in den Siedlungen und Randbereichen den Bauleuten nicht zuviele Vorschriften gemacht werden. Es ist deren Geld und Sie müssen in Ihren Häusern leben. Reglementierungen führen zu Identitätsverlust und hemmen Entwicklungen welche für die Zukunft wichtig sind.
    – Nix fia unguat.

    • Werner Falk on 1. August 2014 at 21:12 said:

      Lieber Herr Lutz, ich sehe es eigentlich genauso. Der Zaun an sich ist Geschmackssache, aber darüber kann der Bauausschuss nicht urteilen. Einzig relevant ist die Höhe. Und die ist nun einmal vorgegeben mit 1,20 Meter. Dem Bauherrn ist meines Wissens die Stadt schon in zwei vorherigen Fällen entgegengekommen. Dass er nun (ich nehme einmal an: absichtlich) wieder die Geduld des Bauausschusses strapaziert, finde ich zuviel. Er hat offensichtlich den Bogen überspannt. Einen Ausweg sehe ich nur darin, dass er den Zaun von unten her kürzt, um die zulässige Höhe zu erreichen.
      Was Sie über die „Toskanahäuser“ schreiben, kann ich weitgehend bestätigen. Aus der Erkenntnis einiger Urlaube in diesem italienischen Landstrich muss ich aber auch sagen, dass die Italiener längst nicht so „sonnenhungrig“ sind wie wir in Franken (und Deutschland). Die machen nämlich tagsüber ihre Läden zu und lassen keine Sonne rein, um ihre Räume einigermaßen kühl zu halten. Das ist halt der klimatische Unterschied. In Neubaugebieten können m.E. durchaus „Toskanahäuser“ realisiert werden. Es gibt inzwischen aber auch fränkische Bauformen, die lichtdurchflutet sind. Sie haben sicherlich die Diskussion um das kleine Baugebiet in Stetten verfolgt. Dazu sage ich: Stetten ist schönes charakteristisches fränkisches Bauerndorf. Es sollte nicht mit einem riesigen Baugebiet versehen werden. Negative Beispiele gibt es genügend. Oftmals sind die Siedlungen halb so groß wie die Altdörfer. Da stimmen die Relationen nicht mehr. In Stetten aber ist eine kleine Bebauung möglich, die raumordnerisch verträglich ausfällt. Die Bauherren müssen den nahen landwirtschaftlichen Betrieb (und seine bereits genehmigte Erweiterung) ertragen. Sie akzeptieren mögliche Geruchsbelästigungen durch ihre Unterschrift im Kaufvertrag. So hat eigentlich der Landwirt die rechtliche Sicherheit, dass er später nicht mit Klagen wegen der Geruchsbelästigung belangt werden kann. Für den kleinen Ortsteil ist es wichtig, dass die Menschen friedlich miteinander verkehren und nicht über Jahre hinaus das Dorfleben durch den Streit beeinträchtigt wird.

  3. Michael Walulis on 28. August 2014 at 22:41 said:

    Lieber Herren, ich stimme Ihnen vollkommen zu. Insbesondere in den Dörfern sollte ein lokaltypischer Baustil erkennbar bleiben, Beispiele für wirklich gelungene Bauten gibt es genug. Als Negativbeispiel möchte ich aktuell Graben bei Treuchtlingen anführen, die dortigen Neubauten zerstören den Charakter des Dorfes komplett. Es ist mir unverständlich wie man dieses Dorf sogar noch prämieren konnte, wenngleich die Ausgestaltung des Ortskernes zwischen Kirche, renoviertem Dorfgemeinschaftshaus und Karlsgraben mehr als vorbildlich, gelungen und wunderschön ist.

    Ich finde es übrigens sehr komisch, dass in Gunzenhausen „Bausünden“ regelmäßig so heiß gehandelt und vor allem auch medial verbreitet werden. Ich kann mich noch lebhaft an die Diskussionen ob des Holzlagerplatzes am südlichen Ortseingang erinnern („der Eigentümer lebt ja nicht mal hier, da brauchen wir ihm auch nicht entgegen kommen – wir wollen endlich die Hecke der diesen Schandfleck verdeckt“), das gelbe Haus oder nun den Gartenzaun. Man fragt sich warum man solche Diskussionen aus anderen Gemeinden so überhaupt nicht hört. Muss das sein? Gunzenhausen versaut sich meine ich so langhaltig seinen Ruf.

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