Der November 2020 schreibt Geschichte

Dr. Ingo Friedrich zu den Herausforderungen der Zeit

Dr. Ingo Friedrich (CSU) gehörte 30 Jahre dem EU-Parlament an. Foto: Falk

Das geballte Auftreten von vier zentralen Weichenstellungen im November 2020 trägt das Potential in sich, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern:

Erstens: Mit der Abwahl Trumps verlieren die autokratisch-populistischen Anführer dieser Welt – man denke etwa an Bolsonaro, Johnson oder Erdogan – ihr Vorbild und Idol. Plötzlich zeigen sich so deutlich wie nie zuvor die langfristigen Nachteile einer solchen – auf den ersten Blick – so angenehm  einfachen und auf das eigene Land bezogenen Politik: der Austritt aus multilateralen Abkommen, die Androhung von Handelskriegen, das brutale Abkanzeln unbequemer Partner, all das hat in der heute so klein gewordenen Welt zu einem dramatischen Absinken des globalen Ansehens und damit auch des wirtschaftlichen Einflusses der USA geführt. Andere Mächte wie insbesondere China haben sofort die „frei“ gewordenen Räume für sich genutzt. Insgesamt haben damit die “westliche Welt” und die westlichen Werte Schaden genommen. Mit der Wahl Bidens zum US-Präsidenten entsteht – fast möchte sagen – „Gott sei Dank“ eine neue Chance einer seriösen, auf das Wohl aller Menschen ausgerichteten Politik der immer noch stärksten Macht dieser Erde.

Zum Zweiten: Der EURO hat im November 2020 den Dollar als neue Nummer eins und damit als weltweit meist genutzte Währung im internationalen Zahlungsverkehr abgelöst. Andere Währungen spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Über 70 Prozent des gesamten Welthandels werden heute in EURO oder Dollar abgeschlossen. Wenn man überlegt, wie bei Einführung des EURO geunkt wurde (daraus wird nie etwas u.ä.) sowohl seitens berühmter „Experten“ als auch von Parteien wie der AfD, so kann man heute feststellen: die Entscheidung für die gemeinsame europäische Währung war goldrichtig und hat uns Stabilität und Sicherheit in einer unsicheren Welt gebracht. Die globale Rolle Europas wird dadurch immens gestärkt, verlangt aber auch mehr europäische Verantwortungsbereitschaft insbesondere in den Bereichen Sicherheit und Diplomatie.

Als dritte historische Weichenstellung dieses bedeutungsvollen Monats ist die Verkündigung der chinesisch-asiatischen Freihandelszone (RCEP) zu nennen. Mit der Entstehung dieses nun größten Wirtschaftsraums der Welt ändert sich das globale Wirtschaftsgeschehen grundlegend. Eine Teilschuld für diese, die USA und Europa zurücksetzende Entwicklung ist ebenfalls Trump anzulasten, weil er Angebote zur Zusammenarbeit aus dem nicht-chinesischen asiatischen Bereich mit seiner America-First-Politik brüsk zurückwies. Die jetzt noch verbleibende Chance einer neuen und engen Zusammenarbeit mit Indien, das interessanterweise dem RCEP-Abkommen nicht beigetreten ist, muss von Europa und den USA unbedingt genutzt werden.

Schließlich setzt die im November angekündigte Erwartung der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Coronapandemie ein wichtiges positives Signal in eine eingetrübte Welt. Dass einer der beiden Impfstoffe in Deutschland, also in Europa entwickelt wurde, stimmt hoffnungsvoll für die zukünftigen Potentiale unseres „alten“ Kontinents. Und dass die beiden Erfinder Tochter und Sohn von aus der Türkei eingewanderten Migrantenfamilien sind, lässt ebenfalls hoffen, dass aus den Reihen der zugewanderten Flüchtlinge nicht nur Probleme und Kosten entstehen, sondern dass mit Bildung und Integration durch Migranten auch Fortschritt und Dynamik entstehen können.

Wenn Europa seine aktuellen Hausaufgaben macht und mit dem zukünftigen US-Präsidenten Biden eine neue Form enger Partnerschaft findet, kann die westliche Welt wieder ihre eigentliche Aufgabe, nämlich für eine bessere Welt zu arbeiten, erfüllen. Und: der November 2020 hat dafür die Voraussetzungen geliefert.

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