„Bedenkliche Auswüchse“

Kriegsgefangene auf fränkischen Bauernhöfen im Ersten Weltkrieg

Noch bis vor dreißig Jahren waren auch im Altmühl-Boten immer wieder Berichte zu lesen, in denen es um freundschaftliche Kontakte ehemaliger, meist französischer Kriegsgefangener aus dem Ersten Weltkrieg geht. Vor allem denen, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren, ist es meist nicht schlecht ergangen. Die Bauern haben sie oft mit ins Dorfwirtshaus genommen und die Frauen haben ihnen Speckwurst und Kaffee aufs  Feld gebracht. Die Lagerleitungen notierten:  „Die Gefangenen sind besser ernährt als die deutschen Familien“.

Prof. Franz Saran war in der Leitung des Erlanger Kriegsgefangenenlagers tätig.

Mit dem Kriegsgefangenenlager Erlangen und seinen auswärtigen Arbeitskommandos im Ersten Weltkrieg  (so auch der Titel) befasst sich die neue Ausgabe der Publikation des Erlanger Heimat- und Geschichtsvereins, das 1915 für 3600 Gefangene in der damals 25000-Einwohner-Stadt eingerichtet wurde  und das bei Kriegsende 1918 an die 12000 Gefangene zählte. 89 Prozent davon waren allerdings in der Landwirtschaft eingesetzt, um dort dem Arbeitskräftemangel zu begegnen.

Vom Erlanger Lager schreibt 2014 der Erlanger Stadtarchivar Andreas Jakob ausführlich in seinem 1000-Seiten-Buch „Der Sprung ins Dunkle – Die Region Nürnberg 1914-1918“. Die jetzt im Verlag „zba.BUCH“ (Berlin) erschienene Schrift ist wertvoll, weil erstmals bisher ungenutzte Quellen der „Kriegssammlung“ der Uni Erlangen genutzt werden. Einer ihrer Professoren war Franz Saran, der zeitweilig als stellvertretender Lagerkommandant fungierte. Er hatte der Hochschule eine Menge von Unterlagen zur dauernden Aufbewahrung übergeben. Die Schrift befasst sich beiläufig auch mit den 240 Erlanger Soldaten, die Kriegsgefangenen im  Ersten Weltkrieg waren.

Bisherige Veröffentlichungen gehen davon aus, dass es im Ersten Weltkrieg zwischen 6,6 und 8 Millionen Kriegsgefangene  gegeben hat, neuerdings spricht man von 8 bis 9 Millionen (davon 1 Million Deutsche, 200000 Engländer, 600000 Franzosen, 2,8 Millionen aus der Habsburger Monarchie und 3,4 Millionen aus dem Zarenreich Russland.

Neben der Geschichte des Lagers skizziert Autor Heinrich Hirschfelder das Leben im Lager mit all seinen Spannungen, die Lagerkultur, die Verwaltung und die Betreuung. Wie erwähnt, waren die wenigsten Gefangenen im Lager selbst, die meisten arbeiteten auf fränkischen Bauernhöfen und ersetzten dort die Bauern und Knechte, die im Kriegseinsatz waren.  Ein Gefangener erhielt damals am Tag 30 Pfennige „Lohn“  für seine Arbeit, die freiwillig tätigen Unteroffiziere sogar 60 Pfennig. Der Fleisch- und Wurstkonsum war in der Woche auf 250 Gramm beschränkt. Zum Vergleich: der Liter Milch kostete damals 28 Pfennige, ein Liter Bier 34 Pfennige. Immerhin: ein halber Liter Bier durfte die Bäuerin dem kriegsgefangenen Helfer täglich geben, Schnaps aber war verboten. Wer eine Strafe abbüßen musste, den konnte es anfangs schwer erwischen, und zwar durfte er täglich zwei Stunden an einem Pfahl angebunden werden. Erst später ist diese Form der Folter verboten worden.

Zu viel Zuneigung und Verständnis durften die Bäuerinnen und Mägde den Fremdarbeitern nicht entgegenbringen, sonst gerieten sie mit der Obrigkeit in Konflikt. Überliefert ist in den Akten des Landgerichts Ansbach (zu ihm gehörte seinerzeit auch der Landkreis Gunzenhausen), dass es „naturgemäß“ auch sexuelle Kontakte gab.  Aus 1915 sind beispielsweise 25 Verurteilungen von Frauen bekannt. In den Folgejahren waren es in etwa gleich viele „Vergehen“.  Die Strafe bewegte sich offiziell zwischen drei und sechs Monaten Haft, vielfach endete die auch schon nach zwei Wochen. Drei Wochen Gefängnis musste eine Frau absitzen, weil sie französischen Gefangenen zugelächelt und zugewunken hatte.

Ein minderschwerer Fall ist auch aus dem Altlandkreis Gunzenhausen bekannt. Lagerhauptmann Saran führte im Januar 1917 bei der Staatsanwaltschaft Ansbach Klage gegen eine Bäuerin „wegen unerlaubtem Briefwechsel mit Gefangenen und Verdacht auf geschlechtlichen Verkehr“. Bei dem Franzosen Auguste M. aus dem Außenkommando Sausenhofen hatte man bei einer ärztlichen Untersuchung im Zentrallager Erlangen einen Brief vom Mai 1916 gefunden, der von Therese M. stammte. Sie war eine „Arbeitgeberin“  aus der Umgebung.  Nachzuweisen war konkret nichts, aber es blieb „der Verdacht auf eine erhebliche nähere Beziehung“.  In den Unterlagen jener Jahren finden sich immer wieder Beschwerden der Lagerleitung über „bedenkliche Auswüchse“ von deutschen Frauen zu französischen Gefangenen und „ungehörigem Verkehr“.

Obgleich überwiegend Russen im Lager waren, fehlte für die orthodoxen Gläubigen die Seelsorge. Einer, der sich darum bemühte, war der Gunzenhäuser Dekan Karl Haußleiter. Warum ausgerechnet er sich aus dem fernen Gunzenhausen für die Lagerinsassen in Erlangen engagierte, geht aus dem Bericht nicht hervor. Bekannt ist, dass er sich 1916 für einen Gottesdienst an Groß-Neujahr (20. Januar) eingesetzt hat. Er muss sich nicht nur einmal dort aufgehalten haben, denn es ist bekannt, dass er das Vaterunser auf Russisch vortrug und sich Noten für die orthodoxe Lithurgie erbat. Auffällig ist, dass man seinerzeit in Erlangen bei der Bestattung keinerlei Unterschiede zwischen deutschen Soldaten und ausländischen Gefangenen machte. Alle wurden auf dem Zentralfriedhof würdig beigesetzt.

Der Heimatpoet Ludwig Ganghofer beschrieb die Szenerie in seinem Gedicht „Der Rote-Hosenzauber“ (1914): „Welch ein Rennen? Welch ein Rasen? „Die Gefangenen kommen an!“ Anämie und Modebasen drängen balgend sich heran. Wunder wirkt die rote Hose. Ist es Mitleid? Ist es Gemüt? Oder Sexualhypnose? Kurz und gut, die Hose zieht!“

WERNER FALK

„Das Kriegsgefangenenlager  Erlangen und seine auswärtigen Arbeitskommandos im Ersten Weltkrieg“, 158 Seiten, Verlag zba.BUCH Berlin, ISBN 978-3-945130-07-0.

 

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