Der Aufstieg des IS und die USA

Von der Brutalität und Grausamkeit der IS-Kämpfer

Wir hören seit fünfzehn Jahren Begriffe und Namen aus den islamischen Ländern, die stellvertretend stehen für den politischen Umbruch und die militärischen Auseinandersetzungen in dieser permanenten Krisenregion.  Dass die Vereinigten Staaten tief verwickelt sind in den Terror, das belegt der zweifache Pulitzer-Preisträger Joby Warrick in seinem neuen Buch „Schwarze Flaggen“, das im Theiss-Verlag erschienen ist.   Er wertet ihm zugänglich gewordene Geheimdienstinformationen aus. Der Reporter der „Washington Post“ liefert eine packende Reportage. Wer das Buch liest, versteht die Welt besser.

Osama bin Laden ist weltweit sicher der bekannteste „Freiheitskämpfer“ des Islams. Ihm wird der Angriff auf das Empire Staates Building in New York vom 11. September 2001 zugeschrieben, aber es gibt noch weit brutalere Typen, die den islamischen Feldzug führen. Beispielsweise Abu Mus’ab az-Zarqawi (ein unberechenbarer Schlägertyp), Abu Muhammad al-Magdisi (der Theoretiker) oder Abu Bakr-al-Baghdadi (der Dschihadistenchef).

Die Länder des einstigen britisch-französischen Protektorats der zwanziger Jahre sind bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Die Nahostregion ist ein Pulverfass geblieben. Die von den Briten geschaffene Enklave Transjordanien (heute:  Königreich Jordanien)  hat sich zwar unter der Ägide von König Hussein und seinem Nachfolger und Sohn Abdullah II.  aus dem direkten Kriegsgeschehen weitgehend heraushalten können, aber gebrodelt hat es dort immer. In den zwanziger Jahren waren die Ischwan-Rebellen im Land, in den sechziger Jahren die palästinensischen Guerillas und in den achtziger Jahren formierten sich Gruppen gegen die „Feinde des Islam“.  Es war der jordanische König, der 1999 rund 2500 Gefangene begnadigte, darunter Zarqawi, der als „Scheich der Schlächter“ in die Annalen Eingang fand.

Autor Warrick schildert an seinem Beispiel, wie in der Region immer wieder „Führer“ auftreten, die in ihrer Persönlichkeit sehr unterschiedlich strukturiert sind, aber eines gemein haben: die Brutalität des Kampfes gegen die Feinde des Islam und jene, die sich dafür halten. Zarqawi war im jordanischen Gefängnis Al-Dschafr. „Er ist der geborene Anführer“, diagnostiziert der Gefängnisarzt schon nach kurzer Zeit. Nach seiner Entlassung zog er nach Pakistan und Afghanistan, wo er bereits von 1989 bis 1993 zu den Helfern von Osama bin Laden gehörte. Später ging er als Al-Qaida-Kämpfer in den Irak. Es war zu der Zeit, als die Amerikaner glaubten, Freiheit und Demokratie in den Irak bringen zu müssen und US-Außenminister Povell am 5. Februar 2000 im UN-Sicherheitsrat meinte,  der Welt  den Nachweis von Massenvernichtungswaffen im Irak liefern zu können. Selbst die CIA wusste damals schon, dass das nicht stimmte. Das ignorante Vorgehen der USA gegenüber dem Irak und seiner Kultur ließ die US-Soldaten nicht als Befreier erscheinen. Zarqawi gelang es, im Irak ein Terrornetzwerk aufzubauen und Hass zwischen Sunniten und Schiiten zu schüren. Im Irak ein Chaos anzurichten, das war sein Ziel. Er hat es erreicht. Und auch in Jordanien wollte er den Machabarat (Geheimdienst) vernichten. Immer kannte Zarquawi nur ein ehrgeiziges Ziel: Sein Name sollte neben dem von Osama bin Laden stehen.

2004 gingen die grausamsten Fotos um die Welt, als Zarqawi den 22-jährigen Amerikaner Nick Berg sozusagen vor den Augen der Welt hinrichtete. Die Enthauptung signalisierte die ganze Grausamkeit der Islamkämpfer. Damit allerdings hatte er selbst unter den Islamisten die Grenzen überschritten.  Er verlor an Zustimmung und selbst die eigenen Leute nannten ihn einen „irren Verbrecher“. Als ihm  der CIA nach dreijähriger Jagd auf die Spur kam, da überlebte er einen Bombenangriff am 7. Juni 2006 bei Bagdad nicht. Mit ihm eliminierten die Besatzer einen der gefährlichsten Islamkämpfer, zugleich aber mussten im Irak-Krieg 4200 US-Soldaten ihr Leben lassen und 32000 wurden verwundet.  Und es starben 20-mal mehr irakische Zivilisten.

Natürlich hatte der Irak nach dem Abzug der Amerikaner keinen Frieden. Bis heute wird dort gekämpft. Nur die religiösen Fanatiker heißen nicht mehr Osama bin Laden oder Zarqawi.  Unter den Dschihadisten tun sich immer wieder neue fanatische Glaubenskämpfer hervor. Zum Beispiel Abu Bakr-al-Baghdad. Er formte den „Islamischen Staat“ und droht seinen Gegnern: „Ich zerteile ihre Körper, zerstückele sie vollständig.“  Aber die gemäßigten Kräfte kommen gegen die Hardliner nicht an. Selbst der ägypthische Präsident Abd al-Fattah as-Sisi, in seinem Land gewiss kein Heiliger, distanziert sich  heute von der „Tradition des Abschlachtens“  und hält den IS für „satanisch“.                 WERNER FALK

„Schwarze Flaggen“ – Der Aufstieg des IS und die USA“ von Joby Warrick, 388 Seiten, ISBN 978-3-80623477-0, Theiss-Verlag, 22,95 Euro.

 

 

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