Zukunftsstrategie für den Kreis

Regionalberater Dieter Popp: Altmühlfranken ist der richtige Ansatz

In diesem Jahr begeht der Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen den vor 50 Jahren erfolgten Zusammenschluss von drei bis dahin unabhängigen Verwaltungseinheiten, der kreisfreien Stadt Weißenburg, dem Landkreis Weißenburg und dem Landkreis Gunzenhausen mit einer Reihe öffentlicher Würdigungen.
Vielen älteren Bewohnerinnen und Bewohnern dürfte dieses Ereignis noch mehr oder minder lebhaft in Erinnerung sein. Für die Mehrzahl der Jugend spielen diese ehemaligen „Zugehörigkeiten“ kaum noch eine dominierende Rolle.
Aber bei der kürzlich wieder ermöglichten Wahl der alten Kfz-Kennzeichen – hier war ja nur das „GUN“ in unserem Landkreis wieder wählbar – offenbarte sich aber ganz offenbar auch bei der jüngeren Generation eine identitätsbildende Sehnsucht nach einem sinnbildlichen Lokalbezug.
Dennoch war das kein Eingeständnis für das Scheitern eines Zusammengehörigkeitsgefühls des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen, wie dies dieser Tage ein Wirtschaftsjournalist im Magazin „Wirtschaftskompass“ skizziert hat.

Regionalberater Dieter Popp.

Der Wunsch nach einer Identität stiftenden Klammer zwischen den drei früheren Verwaltungseinheiten kam durch einen Bottom-up-Ansatz im Rahmen der Erstellung des Regionalen Handlungskonzeptes von 2009, stark unterstützt von der Wirtschaft, vom Handwerk, der Landwirtschaft und den Kommunen zustande. Und es war – auch daran sollte schon noch einmal erinnert werden – ja gerade die Jugend dieses Landkreises, welche als Konsequenz daraus in einer beeindruckenden Deutlichkeit für den neuen Identitätsbegriff „Altmühlfranken“ plädiert hatte.
Immerhin sind mittlerweile mehr als zwei Dutzend Einrichtungen, Initiativen und Unternehmen mit dem Begriff „Altmühlfranken“ kreisübergreifend unterwegs. Tendenz weiter steigend. Dazu zählt letztlich ja auch der „Wirtschaftskompass Altmühlfranken“, der den „Landkreis neu zu denken“ angeregt hatte.

Unabhängig von ökonomischen Zwängen bei Sparkassen oder Volksbanken bzw. gar den emotionalen Hintergründen einer geplanten Volkshochschulkooperation,  finden sich sehr wohl viele Bemühungen, interkommunale, historische, naturraumbezogene oder auf anderen Grundlagen beruhende Zusammenschlüsse neu zu definieren oder aufzustellen. Unsere Demokratie lebt ja genau von dieser kreativen Fähigkeit, sich mit immer jenen neu zu verbünden, die den Weg zu mehr Fortschritt und Zukunftsfähigkeit oder auch Sicherheit und räumliche Geborgenheit bieten.
Dieses Phänomen sehen wir auch andernorts, wo sich Bindestrich-Landkreise parallel mit anderen Begriffen wie Wittelsbacher Land, Werdenfelser Land, Pfaffenwinkel oder Stiftland profiliert haben. Das selbst wahrgenommene und Identität stiftende Profil und die das Land abdeckenden Verwaltungseinheiten müssen nicht zwangsläufig identisch sein. Es liegt aber im politischen Gespür, für diese sensiblen Feinheiten ausgewogene Kommunikationsplattformen aufzubauen oder – wenn schon vorhanden – zu nutzen. Dies gilt übrigens neben den Landkreises in vergleichbarer Weise für die Bezirke. Die Oberpfalz löst bei der dortigen Bevölkerung z.B. völlig andere Emotionen aus, wie etwa Mittelfranken dies vermag.

Es wurde schon beim Handlungskonzept 2009 auf notwendige Vernetzungen zu den prosperierenden Wirtschaftsräumen Ingolstadt/Eichstätt und Donauwörth hingewiesen. Schon heute nutzen viele Arbeitskräfte der Region die dort angebotenen hochwertigen Beschäftigungsmöglichkeiten. Aber Unternehmenskooperationen lassen sich nicht immer einfach entlang bestehender Verkehrsachsen aufbauen. Dazu braucht es Unternehmen mit produktionsbezogener Fühlungsnähe bzw. sich ergänzende Wertschöpfungsketten. Und die sind eben vielfach erst in anderen Regionen verfügbar. Dass es engere Unternehmens-Netzwerke dennoch in der Region gibt, belegen die Stein- und Kunststoffindustrie, zu Teilen auch die Holzbranche. Aber künstlich ein „Kraftzentrum von Pleinfeld bis Langenaltheim“ aufzubauen, wird ebenso wenig funktionieren, wie Gunzenhausen auf einen „touristischen Weg“ einzuengen. Die Unternehmen in Altmühlfranken wissen sehr wohl, mit wem und an welchen Standorten ihnen Kooperationen wirklich einen Mehrwert bieten. Auch das wurde im Prozess „Altmühlfranken 2030“ bereits deutlich erkennbar.

Dieses in den letzten Jahren durch eine höchst innovativ aufgestellte Regional- und Ländliche Entwicklung neu gewonnene Bewusstsein der Stärken ländlicher Räume gegenüber den Metropolen eröffnen nun zunehmend bisher unerschlossene Spielräume. Der notwendige verwaltungstechnische Zusammenschluss von Kommunen oder Landkreisen wird aus Effizienzgründen auch weiterhin als durchaus notwendig angesehen. Aber parallel bieten sich auch andere Formen einer gesellschaftspolitischen Kooperation an. Lebendige Demokratien – gerade im ländlichen Raum – werden von dieser Vielfalt an Netzwerken inspiriert und geprägt. Und ohne sie würde der ländliche Raum auch längst von den urbanen Agglomerationen abgehängt werden.

Dass dies nicht der Fall ist, hat mit großem Nachdruck und eindrucksvollen Argumenten im erwähnten „Wirtschaftskompass Altmühlfranken“ Werner Bätzing dokumentiert, der über seine Forschungen zum ländlichen Raum bekannte und zwischenzeitlich emeritierte Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. Für ihn ist u.a. die Identität der Schlüsselfaktor für eine verantwortungsbewusste Regionalpolitik im ländlichen Raum. Er hat sich eindeutig dafür ausgesprochen, dass vorrangig die endogenen Potenziale gestärkt werden müssen. Wie wichtig dies ist, kann man z.B. an einigen erfolgreichen ländlichen Regionen Europas in Flandern, im Vorarlberg, im schwedischen Värmland, in Süddänemark, in Friaul-Venetien oder Südtirol in Italien nachvollziehen. Und Bätzing hat auch konkret aufgezeigt, dass und wo dieses Altmühlfranken seine eigenen ausbaufähigen Stärken besitzt. Diese kleinzureden, zeugt eher von einem Misstrauen in die durchaus vorhandene unternehmerische Aufbruchstimmung im Hinblick auf die Nutzung endogener Entwicklungspotenziale der Region. Der vom Landkreis beschrittene Weg mit „Altmühlfranken 2030“ zielt auf die endogenen Potenziale Stein und Holz, auf neue Innovationen im Kunststoffbereich, auf weitere Veredelung landwirtschaftlicher Rohstoffe in der Region, auf Bereitstellung nachhaltiger und aus dieser Region kommender Energie sowie auf die bewährten Schlüsselpotenziale Automobilzulieferer, Sozialwirtschaft und Tourismus.
Mit der Sozialwirtschaft und dem Tourismus verfügt die Region in diesen beiden Zukunftsbranchen über ein – immer wieder verkanntes – hohes Arbeitsplatzpotenzial, das schließlich nicht in andere Regionen verlagert werden kann! Aber in beiden Bereichen liegt das Problem in der Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte, ein Problem das mit den meisten anderen Regionen geteilt wird.  Die Kunststoffindustrie in Altmühlfranken hat auf ein Negativ-Image des Werkstoffs in der Öffentlichkeit bereits eigenständig reagiert und die Branche ist zumindest national bereits auf dem Wege, die entstandenen – und in der Tat immensen globalen – Probleme konstruktiv anzugehen und über zukunftsfähige Lösungen zeitnah umzusetzen. Die Automobilzulieferer der Region wissen sehr wohl, dass und wieviel weniger Teile z.B. in einem E-Auto künftig nur noch zu verbauen sind. Sie wissen aber auch, dass die Mobilität der Zukunft eine völlig andere sein wird. Und die gesamte weltpolitische Lage führt derzeit auch noch dazu, dass bislang globale Lieferketten jetzt wohl deutlich stärker neu aufgestellt werden. In Verbindung mit einer überfälligen Digitalisierung aller Geschäftsmodelle – z.B. in der Kunststoff- und Automobilzuliefererbranche – werden daher auch neue Perspektiven für die Zukunft Altmühlfrankens sichtbar. Denn gerade Innovation und technologischer Wandel können ländlichen Regionen helfen, Hindernnisse wie die Marktentfernung, die hohen Transportkosten und die fehlende kritische Masse zu überwinden, ihre Krisenfestigkeit zu stärken und den Übergang zu einer CO2-armen Kreislaufwirtschaft und damit zukunftssicher zu beschleunigen.

Genau das sind auch wesentliche Erkenntnisse aus dem Prozess „Altmühlfranken 2030“ und es wäre sicher von Vorteil, wenn dieser konstruktiv weiter so begleitet wird, dass wir alle die gemeinsam definierten Ziele immer klar vor Augen haben. Insofern wird es gut sein, Partner an der Seite zu wissen, die mit der notwendigen kritischen Sensibilität immer auch auf Kursabweichungen hinweisen bzw. Korrekturen anmahnen. Es macht aber wenig Sinn, diesen Zukunftsprozess bereits an seinem Start krampfhaft auf das symbolisch gemeinte Etikettieren von Apfelsaftflaschen zu reduzieren. Wer diesen gemeinsamen Kraftakt einiger hundert hochengagierter Akteure aus der Region nur an einem einzigen Punkt aus dem Aktionsplan der Kreisverwaltung festmacht und die ausgelöste Aufbruchstimmung in den ebenfalls beteiligten Unternehmen daneben geflissentlich nicht wahrnimmt, kann den Kern dieses Zukunftsprozesses offenkundig nicht verstanden haben.
Es darf in diesem Zusammenhang auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass es nach dem Regionalen Handlungskonzept von 2009 flächendeckend drei parallele Integrierte Ländliche Entwicklungskonzepte 2013 gegeben hat, ehe dann die Zukunftsstrategie „Altmühlfranken 2030“ aufgestellt wurde. Jeder dieser drei Prozesse fand unter breiter Beteiligung einer Vielzahl von Akteuren der Region statt. Und jeder dieser Schritte hatte es vermocht, die Region ein deutliches Stück voranzubringen, aber auch nach innen eindeutig zu stärken.

DIETER POPP, Unabhängiger Regionalberater, Haundorf

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One Thought on “Zukunftsstrategie für den Kreis

  1. Falk Meinershagen on 19. April 2022 at 19:25 said:

    Was? Die Jugend hat in beeindruckender Deutlichkeit für den Begriff Altmühlfranken plädiert? Das ist mir neu. Es gab damals einen Namens-Wettbewerb, in dem sich gerade einmal 1 Promille (!) der Landkreisbewohner beteiligt hatte. Nachzulesen auf der Homepage des Landkreises. Kinder wurden in den Schulen gedrängt, bei diesem Wettbewerb mitzumachen. Eine “beeindruckende Deutlichkeit” kann ich hier nicht erkennen.

    Dass der Begriff Altmühlfranken von vielen Landkreisbewohnern geradezu angewidert abgelehnt wird, scheint in vielen Köpfen immer noch nicht angekommen zu sein. Viele Landkreisbewohner lehnen auch die Umbenennung etablierter Einrichtungen an und empfinden es als pure Geldvernichtung. Dass Herr Popp dafür ist braucht einen nicht wundern, als Regionalberater verdient er ja mit div. Aufträgen direkt mit.

    Ich würde vorschlagen, endlich mal eine Bürgerabstimmung durchzuführen damit man diesen Quatsch endlich ad acta legen kann! Unsere spärlichen finanziellen Ressourcen sind in anderen Projekten besser aufgehoben.

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