Was war die Muna?

Friedrich Hetzner hat sie dokumentiert

Die Muna heute. In der Bildmitte sind die Munitionslagerhäuser (Bunker) zu sehen. Die Dächer sind begrünt und deshalb gut getarnt. Rechts unten ORM Bergold und der Sorghof. Am oberen Bildrand ist auf einer Lichtung der Regelsberg zu erkennen. Foto: Limes-Luftbildservice Beringer, Weißenburg

Es hört sich reichlich kurios an, soll aber stimmen: Weil die Bomber der US-Army in den letzten Kriegstagen alte Karten hatten, in denen neben Langlau ein großer See eingezeichnet war, ist die Bombardierung des Munitionslagers (Muna) am Ende des Zweiten Weltkriegs unterblieben. Was die Amis damals für einen See hielten, das war ein flächiges Altmühlhochwasser zwischen Ornbau und Treuchtlingen, das zum Zeitpunkt des Bombardements aber verschwunden war. So blieb  aufgrund des irritierten Bomberkommandos Langlau glücklicherweise von einem riesigen Inferno  verschont.

Nun, 75 Jahre später, wird der Ort in Verbindung gebracht mit einem gigantischen Freizeitpark, der an der Stelle entstehen soll, wo in der Nachkriegszeit die US-Army bis 1992 ein Corpsdepot unterhielt und die Bundeswehr bis 2007 ein Munitionsdepot hatte. Das gibt Gelegenheit, die Rolle der Muna näher vorzustellen.

Einer der Langlauer Augenzeugen war Friedrich Hetzner. Der Bauernbub erlebte die letzten Kriegsjahre als Jugendlicher in seinem Heimatdorf. Die Heirat führte ihn später nach Neuherberg, aber nicht in den kleinen Weiler gleichen Namens bei Langlau, sondern in das Dorf im Kreis Uffenheim. Seiner alten Heimat blieb er aber über die Jahrzehnte verbunden. Sein Testament ist das Buch „Das Land am Brombach“, das 2002 im Schrenk-Verlag erschienen ist. Es befasst sich mit dem Leben auf dem Land in den vergangenen Jahrzehnten, den dörflichen Eigenheiten und manchen Kuriositäten. Darauf fußt auch dieser Bericht.

Muna ist  in drei Jahren entstanden

Gebaut worden ist die „Lufthauptmunitionsanstalt“ von 1935 bis 1939 in einer Art von Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, mit der die Menschen in Lohn und Arbeit kamen. Die Bauern, die Flächen für das Projekt abgeben mussten, waren nicht alle begeistert, fügten sich aber, denn es ging ja um „die Sicherung des Friedens“, wie ihnen eingeredet wurde.  20 Reichspfennig bekamen sie für den Quadratmeter Wiesen und Ackerland an Entschädigung, nur sechs Pfennig für den Wald.  Das herrschende System kannte natürlich keine öffentliche Planung wie sie später beim Bau des Brombachsees vom demokratischen Staat selbstverständlich war.  NS-Kreisleiter Johann Appler aus Gunzenhausen versprach dem Vater von Friedrich Hetzner, sein Sohn bekomme in der Ukraine Hunderte von Hektar bestens Schwarzerdebodens. Sogar der „Frankenführer“ Julius Streicher  gab ihm „Brief und Siegel“. Nun, daraus ist nichts geworden. Der Lebensraum im Osten ist von deutschen Bauernsöhnen nicht besiedelt worden. Die Urkunde haben die Hetzners in den bedrängten Zeiten vorsichtshalber vernichtet.

Bis zu 2000 Männer und Frauen, darunter auch Kriegsgefangene und Deportierte, waren dort auf einem 200 Hektar großen Gelände tätig, das militärisch geschützt und von der Öffentlichkeit abgeriegelt war. Produziert wurden nach den Vorgaben der Machthaber Geschosse aller Kaliber (vorzugsweise 8,8 und 10,5 Zentimeter) für bodengestützte Flugabwehrkanonen. Der Waggonumschlag wuchs von 1500 Stück im Jahr auf 8000 Stück im Jahr 1944.

Die Langlauer profitierten

Friedrich Hetzner befasst sich in seinem Buch mit dem Bau der Muna durch ein Heer von Arbeitswilligen. Sie mussten per Hand Gleise vom Bahnhof Langlau bis zur Muna verlegen. Dort entstanden in drei Jahren Bauzeit  60 Bunker mit dicken Betonmauern, Hallen und Straßen und außerhalb des abgesperrten Geländes auch noch Wohnhäuser für die Offiziere. Für die Langlauer war das Projekt ein Supergeschäft, denn sie konnten ihre Zimmer an die Vorarbeiter vermieten – für 50 Reichspfennig pro Übernachtung mit Frühstück.

Hinter Stacheldraht wuchsen drei Baracken für das Offizierskasino, vier Barackern für Kantinen-, Wasch- und Sanitärräume, sowie weitere Gebäude für die Verwaltung, die Schreinerei (hergestellt wurden Munitionskisten) und die Näherei, in der die Frauen Pulverbänder aus Kunstseide fertigten.

Blicke auf die  grazilen Ukrainerinnen

In Langlau kamen viele der Mitarbeiter mit dem Zug an, wo sie am Bahnhof die Slogans „Räder müssen rollen für den Sieg“ und „Kinderwägen für den nächsten Krieg“ begrüßten. Es gab auch Werkstätten, Garagen, Tankstelle und eine vier Hektar große Gärtnerei. In neun Baracken aus Holz lebten Soldaten und Arbeiter, die alle zu Geheimnisträgern vergattert worden waren. Hinter doppeltem Stacheldraht und vier Wachtürmen gab es zudem einen Exerzierplatz, aber auch einen Sportplatz. Die beobachtenden Männer sollen von der „Leibeserziehung“  der jungen Ukrainerinnen geradezu begeistert gewesen sein.

In den Baracken lebten 1200 Mitarbeiter, aufgeteilt in zehn größeren Schlafräumen und vier kleineren Räumen. Zu den „Gefolgschaftsmitarbeitern“ zählten auch 80 ukrainische Frauen. Sie hatten aber eine eigene Baracke. Kreisleiter Appler, der die SS-Wachmannschaften befehligte, leistete sich eine Jagdhütte in der Gegend. Mit den Familien der Offiziere und den Menschen im Dorf gab es durchaus gute Kontakte.

Frauen erinnern sich gern an die Muna

Wie gesagt, Langlau war für die Frauen – die Männer waren je im Kriegseinsatz – ein durchaus interessanter Arbeitsplatz, zumal in einer Region, die fast ausschließlich von den Erzeugnissen der Bauernhöfe lebte. Auch viele Frauen aus Gunzenhausen arbeiteten in der Muna und erinnerten sich später gern an diese Zeit.

Kleinere Luftangriffe der Alliierten in den letzten Kriegstagen richteten nach dem Augenzeugenbericht von Friedrich Hetzner keine nennenswerten Schäden an, Menschen wurden auch nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die US-Besatzer (Flugblattinhalt: „Langlau im Loch, wir finden dich doch!“) kümmerten sich in den Tagen nach dem offiziellen Kriegsende zunächst wenig um die Muna. Natürlich gab es Einheimische, die sich dort „bedienten“, die Not war schließlich riesig und das Angebot verlockend.

Euterpe war Nutzerin

1947 kamen Kriegsgefangene ins Lager, auch Heimatvertriebene aus dem Osten, vornehmlich aus dem Egerland, zogen in den Baracken ein, wo es fortan auch das „Gasthaus zur neuen Heimat“ gab. Die Bevölkerung der Gemeinde Pfofeld wuchs auf 1499 Einwohner an. Ein bauliches Zeugnis aus der Nachkriegszeit ist die hölzerne Filialkirche in Langlau. Um die Munitionsrückstände aufzuarbeiten wurde in den Jahren 1946 bis 1948 die Staatliche Erfassungsstelle (STEG) betrieben. Zeitweise waren in ihr bis zu  460 Mitarbeiter tätig. Ab 1960 richteten die Amerikaner ein Treibstoffdepot für den Ernstfall ein, andere Teile übernahm die Bundeswehr. Zu dieser Zeit gab es in Langlau 34 Munitionslägerhäuser (MLH), die zwischen 34 und 180 Quadratmeter groß waren, ferner 20 Betriebssstoffhallen, in denen je 180000 Liter Treibstoff lagerten. Will man den Angaben von Friedrich Hetzner glaubend, dann lagerten dort in der Zeit des „Kalten Kriegs“ mehr Kampfstoffe mit viel mehr Sprengkraft als zu Kriegszeiten.

Wirtschaftlich sinnvoll genutzt waren Teile des Geländes ab  1953, als sich die Klavierfabrik Euterpe einrichtete, die in ihren besten Jahren an die 300 Mitarbeiter beschäftigte. Sie konnte dem internationalen Konkurrenzdruck aus Südostasien nicht standhalten und gelangte 1990 in die Hände von  Bechstein, dem letzten namhaften deutschen Klavierhersteller. Dieser gab 1993 die Produktion in Langlau auf. 350 Mitarbeiter fertigen heute die einstige Langlauer Marke „W.Hoffmann“ sowie „Bechstein“ und „Zimmermann“  im sächsischen Seifhennersdorf und im tschechischen Hvadec Kralove.

WERNER FALK

Teile diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Post Navigation