Archivare im Nationalsozialismus

 Darstellung über einen wenig erforschten Bereich

Wie haben sich die Archivare des Staats und der Kommunen im Nationalsozialismus verhalten? Eine umfassende Antwort darauf geben 25 Autoren in dem jetzt erschienenen Band „Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus“. Herausgegeben haben ihn zwei bekannte fränkische Historiker: Prof. Peter Fleischmann und Prof. Georg Seiderer. Ihr Werk ist zugleich die zehnte Ausgabe der „Franconia“, einem Beiheft des Jahrbuchs für fränkische Landesforschung.

Das „Gedächtnis des Staats“ werden die Archive genannt. Die 25 Autoren suchen am Beispiel von vier staatlichen und vielen kommunalen und kirchlichen Archiven Antworten auf die Frage, welche Rolle die Archivare in der NS-Zeit gespielt haben. Unter dem Strich bilanzieren sie: „Die Identifikation reichte von Resilienz bis fanatischer Parteinahme.“ Für die meisten Archivare war das Ende des Dritten Reiches kein wesentlicher Einschnitt in ihrer Biographie. Danach ging es für einfach weiter.

Horst Möller skizziert das politische und gesellschaftliche Umfeld jener Zeit. Ende des Ersten Weltkriegs 1918 waren die Umstände nicht rosig, wirtschaftlich ging es nicht aufwärts. Zu hart und einschneidend waren die Reparationsforderungen der Siegerstaaten. In der Weltwirtschaftskrise waren in Deutschland 40 Prozent der Bevölkerung von Arbeitslosigkeit direkt oder indirekt betroffen, anders ausgedrückt: sechs Millionen Menschen, das waren 30 Prozent der Erwerbstätigen, waren beschäftigungslos.  Die Unzufriedenheit und der Frust äußerten sich explosionsartig: 1933 votierten 60 Prozent der bisherigen Nichtwähler für die NSDAP, die jungen Kriegsheimkehrer waren anfällig für nationalistische und revanchistische Gedanken.  Die Niederlage wurde als schmachvoll empfunden. Die neue Republik war zugleich eine junge, denn 1925 waren nur 5,8 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre, 75 Prozent sogar unter 45 Jahre alt. Die nicht funktionierende Demokratie erwies sich als unattraktiv, die „Weimarer Republik“ genoss keine Wertschätzung. Schuld war sie freilich nicht an den Folgen des Kriegs, aber der Kaiser und sein Reich waren  ja nicht mehr da.

Die studentische Jugend war stramm nationalistisch ausgerichtet. An der Uni Halle war die NSDAP bereits 1931 mit 31 Prozent die stärkste Gruppe, in Hamburg waren es mit 42,2 Prozent und in Erlangen mit 75,1 Prozent noch mehr.  Die Wissenschaft unterwarf sich frühzeitig dem neuen System: „Die Wiedergeburt des Deutschen Volkes ist die Erfüllung unserer Sehnsucht“.  Die gehobenen Bildungsschichten waren nicht anfälliger, aber auch nicht resistenter als andere Schichten des Volkes.

Der Beschlagnahmung jüdischen Schrifttums in Mittelfranken widmet sich der aus Weißenburg stammende Dr. Daniel Burger. Er geht auf eine Aktion von Gestapo und SD in Feuchtwangen ein, wo 1938 die Synagoge und andere jüdische Einrichtungen durchsucht wurden. Das Archivmaterial bekam aber nicht die Gemeinde zurück, sondern es landete beim Altmaterialienhändler in Ansbach, der sie in den Papierstampf gab.  Alle Unterlagen, die seinerzeit  beschlagnahmt wurden, gingen an die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin.  Im Staatsarchiv Nürnberg verblieben nur 97 jüdische Personenstandsregister, die später dem „Central Archives for the History oft the Jewish People“ einverleibt wurden. Das vom Reichssippenamt gesammelte Material wurde nach Schloss Rathsfeld in Thüringen ausgelagert, um es vor Bombenangriffen zu schützen. Dort wurden die Archivalien aber auf niemals geklärte Weise vernichtet. Übrig blieben allerdings unentwickelte Mikro-Filme, die später an die Staatsanwaltschaft gingen.

Der aus Gunzenhausen stammende Prof. Georg Seiderer vom Lehrstuhl für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (FAU) geht auf die Verordnung zum Schutz von Kulturgütern, Bibliotheken und Archivgut (1939) sowie auf den Führererlass von 1942 ein, wonach nur die wertvollsten Kulturgüter in bomben- und feuersichere Räume gebracht werden sollten.  Aber auch die erwiesen sich oft als unzulänglich, denn bei einem Luftangriff auf Kassel wurden 350000 Bände vernichtet, darunter eine „Willehalm“-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. 1943 wurden bei einem Brand der Münchner Staatsbibliothek rund 500000 Bände zu Asche. Sicherer erwiesen sich die Nürnberger Verstecke. Im Keller des Hauses Schmiedgasse 52 überstanden 16 goldene Kaiserurkunden, Briefe von Albrecht Dürer, 4456 Bände der Nürnberger Ratsverlässe und 456 Ansbacher Salbücher das Kriegsgeschehen. Viele Kunstwerke und Archivalien wurden ausgelagert, beispielsweise in das Schloss Sandsee bei Pleinfeld (1941), auf die Pappenheimer und Eichstätter Burg (1942). Bis 1944 war es dank des umsichtigen Handels von Fridolin Solleder, dem seinerzeitigen Leiter des Nürnberger Staatsarchivs, möglich, 97 Prozent der 16 Regalkilometer zu sichern. In Würzburg waren es nur 44 Prozent, die unversehrt geblieben waren. Zu den 32 Orten, die als Verstecke dienten, gehörten auch Einrichtungen in Gunzenhausen, Dennenlohe, Stopfenheim, Weimersheim und Dürrenmungenau.

Wie Nicola Humphreys festgestellt hat, ist am Ende des Dritten Reiches bei staatlichen Behörden eine gezielte Aktenvernichtung erfolgt, die Landratsämter Gunzenhausen und Weißenburg meldeten aber nur „geringfügige Schäden“. Hingegen blieb am Ansbacher Landratsamt nur ein „großer Papierhaufen“ übrig, Teile davon wurden als Anfeuerpapier zweckentfremdet.  In Feuchtwangen wurden „sämtliche Akten der Parteidienststelle“ vernichtet, beschwichtigend hieß das, sie wurden „makuliert“. Das aber blieb nicht ohne Folgen für den seinerzeitigen Landrat Thomas Ziegler. Ihn verteilte das Ansbacher Militärgericht zu zweieinhalb Jahren Gefängnis, weil er Akten lastwagenweise zum Einstampf wegschaffen ließ.

WERNER FALK

„Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus“ von Peter Fleischmann und Georg Seiderer (Herausgeber), 568 Seiten, ISBN 978-3-940049-25-4, 28 Euro, gedruckt in der VDS Verlagsdruckerei Schmidt in Neustadt/Aisch.

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