Porträt der Markgräfin Friederike Louise

Biographie der Frau des „Wilden Markgrafen“ erschienen

Markgräfin Friederike Louise.

 Mit der kürzlich erschienenen Biographie über Friederike Louise von Ansbach (*1714, + 1784) hat Arno Störkel ein langerwartetes Thema aufgegriffen. Seit Jahrzehnten ist ein frischer Blick auf die als „Gefangene von Unterschwaningen“ verkannte Persönlichkeit ein echtes Desiderat der fränkischen Landesgeschichte. Störkels Ansatz, die Markgräfin nicht mit dem Namen „Friederike Louise“ anzusprechen, der sich in der Literatur als eindeutiges Identifikationsmerkmal für ihre Person gefestigt hat, sondern sich auf ihren Rufnamen „Friederike“ festzulegen (S. 14), ist grundsätzlich ein mutiger und durchaus vielversprechender Ansatz.

Für den 311 Seiten umfassenden Textteil greift Störkel auf ein beachtliches Archivmaterial von ungedruckten und gedruckten Quellen aus 17 überregionalen Archiven zurück sowie auf eine Vielzahl bekannter und weniger bekannter Literatur. Dies spiegelt sich in knapp 2200 Fußnoten. So ist es eine zu honorierende Leistung, aus diesem Material die Person Friederike Louise herauszuschälen und ein Lebensbild daraus zu entwickeln. In seinem individuellen Ansatz scheut sich der Autor nicht, immer wieder Gemälde-Interpretationen sowie architektonische oder numismatische Aspekte in die Biographie einfließen zu lassen. Sein scharfes kunsthistorisches Auge öffnet hier oft den Blick für neue Sichtweisen.

In seiner Sprachwahl wendet sich Störkel gezielt gegen die Gepflogenheiten der in der Geschichtswissenschaft anerkannten historisch-kritischen Methode. Damit bezweckt er einen Kontrapunkt gegen den oft biederen, romantisierenden und kaschierenden Erzählduktus früherer Lokalhistoriker. Doch tut diese saloppe, oft jovial wirkende Sprache der Biographie keinen Gefallen. Sie gefällt sich zu sehr als auktorialer Erzähler, der gerne überzeichnet, unpräzise formuliert und vorschnell Urteile fällt. Statt einen modernen systemischen Ansatz zu wählen, der Friederike Louise in ihren Sozialstrukturen und ihren Handlungsspielräumen multikausal zeigt, gestaltet Störkel das Lebensbild der fränkischen Markgräfin im Stil einer klassischen Biographie mit chronologischer Kapitelführung. Zu oft rückt der Biograph die scheinbar dominierende Männerwelt in den Vordergrund und verliert sich in stereotyp wiederkehrenden Analysen über die vielzitierte Ansbachisch-preußische Konkurrenz: „Der König hielt den armen Ansbachern den rettenden Kredit als Zuckerbrot weiter unter die Nase“ (S. 50). Störkel kolportiert auch gerne Carl Wilhelm Friedrichs Skandalgeschichten und weist wiederholt auf die Stellung seiner langjährigen Lebensgefährtin Elisabeth Wünsch hin.

Friederike Louise und ihre erstaunliche Persönlichkeit blitzen unter den altbekannten Platituden nur am Rande auf. Dem betriebswirtschaftlichen Agieren Friederike Louises schenkt Störkel zwar ein lesenswertes Kapitel, doch sind seine Ausführungen keine wissenschaftliche Analyse ökonomischer Handlungsspielräume einer hochadeligen Frau im 18. Jahrhundert.

Statt die Aspekte von Friederike Louises Mutterrolle, ihres Verhältnisses zur Religion und ihre Interessensfelder multikausal herauszuarbeiten, diskreditiert Störkel seine Protagonistin als „Prinzesschen“ (S. 64), „Gebärmaschine“ (S. 89) und willenloses Opfer adeliger Heiratspolitik. Sie könne keinen Anspruch erheben, eine Schönheit gewesen zu sein (S. 56, Fußnote 309). Auch die Tatsache, dass sich die normal begabte Friederike Louise offen für neue Hobbys zeigte, sich für Naturwissenschaften und Mode interessierte, gute Fertigkeiten im Sticken entwickelte (S. 177) und sich zeitweise im Klavierspiel übte (S. 176), entlocken dem Biographen keine wohlwollenden Worte. Das sei „alles Meilen entfernt von den Leistungen, wie sie ihre Geschwister Wilhelmine, Friedrich oder gar Amalie zustande brachten“ (S. 176). „Ihr Alltag war ereignislos (…), so dass sich die Korrespondenz ansonsten eben meist in Banalitäten erschöpfen musste“ (S. 177). Im Schlusssatz seiner Biographie resümiert Störkel schließlich: „sie wurde von niemandem vermisst“ (S. 319).

Tatsächlich funktionierte die adelige Gesellschaft des 18. Jahrhunderts nach strengen Regeln und konnte Fehlverhalten gnadenlos sanktionieren. Gerade von Frauen wurde in jeder Lebenslage – besonders auch in schwierigen Eheverhältnissen – Contenance erwartet. Dieser Spagat hinterließ bei vielen, wie auch bei Friederike Louise, seelische Schäden, was Störkel erstmals in dieser Klarheit formuliert. Dennoch gelingt es ihm nicht, die Lebenswelt von hochadeligen Frauen im 18. Jahrhundert im Kern zu erfassen. Für diese gab es durchaus Möglichkeiten, ihre Persönlichkeit und ihre Talente zu entwickeln. Gerade die Eheverträge hatten die Aufgabe, der Gattin und späteren Witwe eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. Zudem hatten adelige Töchter die Chance, eine gute Bildung zu erhalten und diese durch Bücher und Korrespondenzen zu erweitern. Natürlich war die Stellung einer adeligen Frau in der Frühen Neuzeit abhängig von der Verheiratung mit einem aussichtsreichen Kandidaten. Zudem war es ihre Pflicht, diesem männliche Erben zu schenken. Doch in solchen Normvorstellungen sind die Frauen erzogen worden und wussten – trotz mancher Klage – daraus ihre eigene Stellung zu definieren. Wenn also die Ansbacher Markgräfin als preußische Prinzessin auf den Titel „Königliche Hoheit“ bestand, dann war das ein Standesbewusstsein, das zwar Neid erzeugen konnte, aber nicht unangemessen war.

Problematisch ist in Störkels Abhandlung sein Umgang mit Primär- und Sekundärquellen. Häufig zieht er länder- und situationsübergreifende Parallelen zu anderen Fürstentümern, Personen oder Ereignissen. Was auf den ersten Blick überzeugend wirkt, entpuppt sich zu oft als willkürlich. Zitate dienen dem Autor zur Begründung seiner Hypothesen, die auch über das Ziel hinausschießen können. So geht Störkel zu weit, wenn er den Tod des vierjährigen Erbprinzen Carl Friedrich August mit „Spekulationen über Giftmord“ (S. 148) bei Thronfolgern in Frankreich und Bayern in Verbindung bringt. Das wird der ängstlichen Fürsorge um den erkrankten Erbprinzen und der daraufhin erfolgten gut gemeinten, aber sicher falschen Medikation von Mutter und Medizinern nicht gerecht.

Angesichts der Fülle der Quellen und Literatur wäre ein differenzierteres Bild der Ansbacher Markgräfin wünschenswert gewesen. Das Ideal einer modernen Biographie, die Friederike Louise in ihr Lebensumfeld einordnet und ein zeitgemäßes Porträt zeichnet, wurde nicht erreicht. Am Ende bleibt die „Gefangene von Unterschwaningen“ in den Fesseln alter Stereotypen gefangen.

Dr. ANDREA SCHÖDL

Arno Störkel: Friederike Louise. Prinzessin in Preußen. Markgräfin von Ansbach (= Gesellschaft für fränkische Geschichte Reihe IX – Darstellungen aus der fränkischen Geschichte – Band 60). Würzburg 2018. 356 Seiten. ISBN 978-3-86652-960-1 – 39 Euro.

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