In 80 Tagen um die Welt

Gunzenhäuser Theaterspielzeit hat begonnen


Unser Alltag wird immer hektischer, charakterisiert von Erfolgsdruck, Fortschrittsdenken, Terminhatz und schier unendlichen Möglichkeiten, seine kaum vorhandene Freizeit möglichst sinnvoll zu verbringen. Permanent befinden wir uns im Wettkampf mit der Zeit, kleine Siege gegen die Uhr währen nur kurz und gehen im Rausch der Geschwindigkeit meistens unter. Persönliche Auszeiten, gar Niederlagen gestehen wir uns nur selten ein, gibt es in dieser unserer westlichen Industriewelt doch kaum Platz dafür. Die Uhr ist quasi der Bösewicht der Neuzeit, immer zur Schikane bereit. Wie das 1872 erschienen Literatur-Spektakel „In 80 Tagen um die Welt“ zeigt, handelt es sich allerdings nicht um ein neues Problem. In der Literaturvorlage schickt der französische Visionär Jules Vernes seinen Londoner Lebemann Phileas Fogg auf die Reise um die Welt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert möchte er in 80 Tagen den Erdball umrunden, eine unnötige Wette unter Gentleman treibt ihn dazu. Sein riesiges Ego – auch das offenbar keine Erfindung der Neuzeit – verhindert, dass er das Abenteuer ablehnt. So begibt er sich mit seinem Diener Passepartout auf eine pausenlose Tour de Désespoir, die nun in einer Bühnenfassung im Rahmen der Gunzenhäuser Theatertage in der Stadthalle gezeigt wurde. Ob er es wohl in den 80 Tagen schaffen wird?
Das Münchner ENSEMBLE PERSONA ist in der Altmühlstadt kein Unbekannter und zeigte bereits in der letzten Theatersaison mit dem eher bürgerlichen Plot „Don Juan“, wie einer leichtangestaubten Vorlage neues Leben eingehaucht werden kann. So war damals der Tango-Tanz stilgebend, bei „In 80 Tagen um die Welt“ wurde dagegen inszenatorisch noch eins draufgesetzt und mit der retrofuturistischen Steampunk-Strömung geschwommen. Soll heißen: Die Kostüme waren ein wenig Cyberpunk, Sprache, Farben, Musik und Geräusche mechanisch und häufig technikaffin bzw. stakkatoartig rasant. Das passte ganz ausgezeichnet, gilt Jules Verne doch als einer der ersten Autoren, der Züge des Steampunks verwendete. Aus dem industriellen Zeitalter heraus beschrieb er eine mögliche Zukunft mit Hilfe technologischer Ideen und Visionen.
Zurück zum Stück: Aus Phileas Fogg wurde kurzerhand Philea Fogg, nicht nur um ein Statement in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu setzen, sondern weil Anja Neukamm einfach eine exzellente Schauspielerin ist, die in jeder Rolle brilliert. Ihre Mrs. Fogg ist gedankenschnell und draufgängerisch, scheut kein Risiko und kämpft gegen einen unsichtbaren Feind, der in der Bühnenfassung jedoch gar nicht so unsichtbar ist: Die Zeit. Als riesige Weltuhr mit lebendigen Zeigern thront sie über dem Setting und treibt die Schauspielerinnen und Schauspieler zu Höchstleistungen. Fast sportlich geht es zu, wenn der treue Diener Passepartout von Aufgabe zu Aufgabe hetzt, gehetzt von seiner manchmal dämonenhaft gezeichneten Chefin, die – so viel sei verraten – ihn im Laufe der Geschwindigkeit kurzzeitig in den Wahnsinn treibt. Yannick Zürcher spielt diesen armen
Tropf, der so wunderbar in die aktuelle Zeit des digitalen Fortschrittsgebaren passt. Im Rausch der Vielfalt geht er als Individuum unter und wird eins mit dem Diskurs.
Anfangs konnte einem das Publikum fast ein wenig leidtun, so schnell flogen die Wahrnehmungen um die Ohren. Ganz nahe an der Reizüberflutung öffnete sich jedoch plötzlich eine beeindruckende Welt stimulierender Eindrücke. Das Pendel kippte von Hektik zu Anker, die Geschichte begann mit großer Dampfkraft anzuschieben. Das Artistenduo Hannes Achim Langanky und Daniela Maier zog die Energie der um sie wuselnden Künstlerinnen und Künstler in sich und war mit ihren bewusst langsamen Bewegungen willkommene Plot-Bremse. Inszenatorisch war das großes Theaterkino, denn wie Passepartout sehnte sich auch der große und kleine Theaterfreund nach Stillstand und wurde zum perfekten Zeitpunkt erlöst. Pünktlich zum englischen Tee war die Wette gewonnen.
Live von Annette Riessner am Akkordeon und Donald Manuel am Schlagzeug begleitet, verfolgt vom Scotland Yard und immer die Zeit im Nacken, führte die Reise quer über denGlobus. Die verschiedenen Transportmittel aus der literarischen Vorlage wurden sehr kreativ interpretiert, sei es der Ballon, das Schiff oder der Elefantenrücken. Beispielhaft sei der Zug erwähnt, der die Reisetruppe u.a. durch Amerika führte. Auf Koffern sitzend und leicht vor sich
hin hüpfend fuhr der Zug bis kurz vor die gleisverstellenden Bisonherde, welche wunderbar und mit toller Komik klanghaft in Szene gesetzt wurde.
Als Analogie auf die moderne Gesellschaft funktioniert diese außergewöhnliche Theaterinterpretation von Soeren Voima hervorragend. Philea Fogg versucht mit jeder Entscheidung der Zeit zu enteilen. Die Uhr im Hintergrund dient als plastisches Bild, denn sie treibt an und verweist auf eines der großen Probleme unserer Zeit: Das Nicht- bzw. Niemalszeithaben.
Wer „In 80 Tagen um die Welt“ verpasst hat, dem sei das nächste Theaterstück im Rahmen der Gunzenhäuser Theaterspielzeit wärmstens ans Herz gelegt. „Schwiegermutter und andere Bosheiten“ wird am Samstag, den 12. November 2022, ab 19.30 Uhr gezeigt. Karten gibt’s u.a. bei reservix oder dem städtischen Kulturbüro, Tel. 09831/508 109 bzw. E-Mail an kulturamt@gunzenhausen.de.

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