Die AfD entzaubern

Die zentralen Stellschrauben nennt Dr. Ingo Friedrich (CSU)


Den etablierten Parteien wird immer wieder empfohlen, sich stärker um die konkreten
Probleme der Menschen zu kümmern: Sozialleistungen, Einkommensverteilung,
Arbeitsplätze, Strukturprobleme abgehängter Regionen, Klimawandel, Steuergerechtigkeit
oder die Situation Alleinerziehender. Zweifellos sind dies wichtige Themen. Wer sie besser
löst, so die Hoffnung, kann der AfD den politischen Boden entziehen.
Das greift jedoch zu kurz. Es gibt tieferliegende Stellschrauben die Menschen verunsichern,
das Vertrauen in Politik schwächen und damit politische Radikalisierung begünstigen. Sie
werden in der öffentlichen Diskussion bislang zu wenig beachtet.

  1. Eine immer komplexere Welt
    Finanzsysteme, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, globale Märkte und internationale
    Machtstrukturen sind für den Einzelnen kaum noch durchschaubar. Was wir nicht verstehen,
    können wir schwer einschätzen – und was wir nicht einschätzen können, macht uns leicht
    Angst.
    Deshalb braucht es glaubwürdige und unabhängige Experten, die komplexe Entwicklungen
    verständlich erklären und Orientierung geben. Man muss nicht alles verstehen aber es braucht
    eine Art Grundvertrauen, dass die Dinge am Ende gut werden.
  2. Der Verlust nationaler Handlungsmöglichkeiten
    Immer mehr entscheidende Fragen überschreiten nationale Grenzen: Sicherheit, Handel,
    Technologie, Migration, Information und künstliche Intelligenz lassen sich allein national kaum
    noch steuern.
    Daraus entstehen Kontrollverlust und der Wunsch nach den vertrauten Grenzen der
    Vergangenheit. Die Antwort kann jedoch nicht die Rückkehr zu einer Welt sein, die es so nicht
    mehr gibt. Vielmehr müssen verlorengehende nationale Handlungsmöglichkeiten dort
    gebündelt werden, wo sie künftig wirksam ausgeübt werden können – insbesondere auf
    europäischer Ebene. Europa hat das Zeug dazu international in der „Champions Liga“ zu
    spielen und damit nationalen Kontrollverlust auszugleichen.
  3. Die Unfähigkeit, andere Meinungen auszuhalten
    Selbstbewusste Bürger sind für eine Demokratie unverzichtbar. Selbstbewusstsein kann
    jedoch in die Überzeugung umschlagen, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Aus „Ich halte
    das für richtig“ wird dann schnell „Wer anders denkt, liegt falsch“ und schließlich „Wer anders
    denkt, muss bekämpft werden“
    Diese Entwicklung wird durch die sozialen Medien immens gefördert, weil viele in ihrer Blase
    hängen bleiben und sich in ihrer Meinung ständig bestätigt fühlen.
    Mehr Toleranz, Selbstkritik und die Bereitschaft, die eigene Position mit anderen Argumenten
    zu konfrontieren, sind deshalb unverzichtbar. Der Ton der politischen Diskussion in
    Deutschland muss wieder mehr von Anstand, Höflichkeit und Faktenanalyse geprägt werden.
  4. Das Fehlen gemeinsamer Orientierung
    Früher vermittelten Institutionen wie die Kirche vielen Menschen Orientierung und ein Gefühl
    gemeinsamer Zugehörigkeit. Eine vergleichbar breit akzeptierte Instanz fehlt heute
    weitgehend.
    Bundespräsident oder Bundesverfassungsgericht könnten zumindest teilweise eine solche
    Rolle übernehmen: nicht als politische Entscheider, sondern als glaubwürdige Stimmen für
    demokratische Grundwerte, Zusammenhalt und Zuversicht.
    Zudem gilt in den Medien häufig: Das Negative ist interessanter als das Positive. Konflikt
    erzeugt mehr Aufmerksamkeit als Gemeinsamkeit. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der
    gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das Positive kommt kaum zur Geltung und Erfolge einzelner
    werden eher beneidet anstatt sie als Vorlage für eigenes Bestreben zu nehmen.
  5. Überhöhte Erwartungen an den Staat
    Zugleich wächst die Erwartung, der Staat müsse möglichst jedes individuelle Problem lösen.
    Überspitzt gesagt: Wenn der Keller unter Wasser steht, soll am besten der Bundeskanzler
    persönlich kommen und den Schaden ersetzen.
    Der Staat kann und soll vieles leisten. Er kann aber nicht zum Versicherer gegen sämtliche
    Widrigkeiten des Lebens werden. Eine demokratische Gesellschaft braucht deshalb auch eine
    realistische Vorstellung davon, was der Staat leisten kann – und was Bürger und Gesellschaft
    selbst leisten müssen. Übertriebene – bürokratische – Schutzvorschriften und unbezahlbare
    Sozialleistungen sind ansonsten die natürliche Folge einer solchen Denkweise. Auch und
    gerade die klassischen Medien befördern die stete Steigerung der Erwartungen an den Staat
    nach dem Motto hier ist der Gesetzgeber gefordert bzw. diese Ungerechtigkeit muss sofort
    abgeschafft werden.
  6. Die sozialen Medien als negative Verstärker
    Soziale Medien belohnen Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit entsteht besonders leicht
    durch Empörung, Angst und Konflikt. Dadurch können sie Polarisierung erheblich verstärken.
    Umso wichtiger ist Medienkompetenz: Menschen müssen lernen, Informationen
    einzuordnen, Manipulation zu erkennen und zwischen Meinung, Behauptung und Tatsache zu
    unterscheiden. Eine zu hohe und unreflektierte Nutzung der sozialen Medien kann – wie erste
    Untersuchungen zeigen – bei jungen Menschen evtl. sogar zu einem Absenken des
    Intelligenzquotienten (IQ) führen.
  7. Das Gefühl, dass Minderheiten wichtiger genommen werden
    Wenn bestimmte Minderheitenthemen sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten,
    während die alltäglichen Sorgen der Mehrheit kaum vorkommen, kann das Gefühl entstehen:
    „Wo bleibe eigentlich ich, als Normalmensch“
    Das bedeutet nicht, dass Minderheitenprobleme unwichtig wären. Aber demokratische Politik
    muss darauf achten, dass sich auch die Mehrheit mit ihren alltäglichen Sorgen gesehen und
    ernst genommen fühlt.
  8. Wenn eine eher rechtsdenkende Mehrheit eine eher linke Politik erlebt
    Besonders problematisch ist schließlich der Eindruck vieler Bürger, dass zwischen ihrer
    eigenen politischen Grundhaltung und der tatsächlich betriebenen Politik eine wachsende
    Lücke besteht.
    Ein erheblicher Teil der Bevölkerung versteht sich – gemessen an den klassischen politischen
    Koordinaten – eher als konservativ oder rechts der politischen Mitte. Gleichzeitig entsteht bei
    vielen der Eindruck, dass politische Entscheidungen und der öffentliche Diskurs zunehmend
    von eher linken Positionen geprägt werden.
    Eine mehrheitlich eher rechts oder konservativ denkende Bevölkerung erlebt dann eine
    Politik, die sie als zunehmend links empfindet.
    Ob diese Wahrnehmung in jedem einzelnen Politikfeld objektiv zutrifft, ist eine andere Frage.
    Politisch folgenreich ist jedoch bereits die Wahrnehmung selbst. Denn wer dauerhaft das
    Gefühl hat, dass seine politischen Vorstellungen, die auch von einer Mehrheit getragen
    werden, nicht nur nicht umgesetzt, sondern teilweise sogar moralisch abgewertet werden,
    kann das Vertrauen in die demokratische Mitte verlieren.
    Eine Demokratie muss deshalb auch konservative und rechte – nicht rechtsradikale –
    Positionen offen und seriös diskutieren können.
    Die eigentliche Herausforderung
    Politische Radikalisierung lässt sich deshalb nicht allein durch bessere Sozialpolitik, höhere
    Löhne oder neue Infrastruktur bekämpfen. Diese Dinge sind wichtig, aber sie lösen nicht das
    tieferliegende Problem.
    Viele Menschen verlieren zunehmend das Gefühl, ihre Welt zu verstehen, ihre Zukunft
    beeinflussen zu können und mit ihren Vorstellungen politisch gehört zu werden.
    Aus Komplexität wird Unsicherheit, aus Unsicherheit Angst, aus Angst Misstrauen – und aus
    Misstrauen kann Radikalisierung entstehen.
    Deshalb brauchen wir neben guter Sachpolitik vor allem Orientierung, Vertrauen, politische
    Repräsentation, Toleranz und das Gefühl gemeinsamer Handlungsfähigkeit.
    Die entscheidende Aufgabe der Politik besteht somit nicht darin, den Menschen eine perfekte
    Welt zu versprechen. Sie muss ihnen vielmehr vermitteln, dass sie auch in einer immer
    komplexeren Welt verstanden werden, mitgestalten können und eine gemeinsame
    menschenwürdige Zukunft haben.
    Das sind die eigentlichen Stellschrauben der heutigen Zeit.

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1 Gedanke zu „Die AfD entzaubern“

  1. Solange hier im Land „national gesinnt“, „rechtsgerichtet“, selbst „heimatliebend“ nur noch mit „Nazismus“ und „Faschismus“ gleichgesetzt wird, braucht man sich nicht wundern. Wobei die Mehrheit bestimmt den Unterschied zwischen diesen beiden extremen – furchtbaren – Richtungen nicht benennen kann! Sie können nur „nachbrüllen“. Wer wird denn nachdenken? Und eine Politikerin, deren Namen ich nicht nenne, die in einer Demonstation mitläuft, wo skandiert wird: „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“, „Deutschland verrecke!“ und „Nie wieder Deutschland!“ – diese Politikerin kommt danach noch „zu politischen Ehren“? Sie hat es sicher nicht selbst gesagt, aber sie war dabei! Das gibt es wohl nur bei uns. Jetzt ist vielen Leuten eben der Kragen geplatzt. In der ehemaligen DDR, wo meine Frau her ist, sind die Menschen viel wacher und feinfühliger als hier im Westen. Nach zwei Diktaturen ist das nicht verwunderlich. Das sage ich ganz offen! Die AfD kann sich bei den besten Wahlkampfmanagern bedanken, den sie je hatte: Friedrich Merz und Lars Klingbeil. Nur versprechen und das Gegenteil tun, Sonntagsreden halten – das hat bisher ganz gut funktioniert, auch unter Merkel und Scholz. Irgendwann wachen die Leute eben auf ….

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