Wald braucht mehr Vertrauen

Mehr zukunftsorientierte Beratung verlangt Forstexperte Dieter Popp


Es bleibt das Rätsel der sie beratenden Ministerialbürokratie, warum Staatsministerin Michaela Kaniber beim Umbau in klimastabile Wälder nicht die knapp 5 Milliarden Sämlinge als besondere Leistung vorstellte, die seit 2020 im bayerischen Staatswald für eine natürliche Walderneuerung ohne zusätzlichen Finanzaufwand gesorgt haben. Stattdessen wurden von der Ministerin die gerade einmal 90 Millionen neu gepflanzten Bäume als wichtiger Beitrag für den Wald von morgen vorgestellt: „7 Bäume für jeden Menschen in Bayern!“ Die Geringschätzung natürlicher Abläufe sowie die Überhöhung technischer Eingriffe prägen jedoch das Bild großer Teile der Forstwirtschaft seit mehr als zweihundert Jahren.
Natürlich werden alle um die Natur besorgten Menschen für jeden neu gepflanzten Baum dankbar sein, vor allem in den hitzegeplagten Städten und bei Neuaufforstungen außerhalb des Waldes. Aber dieser plakativ inszenierte und medienwirksame Vergleich trifft leider nicht das eigentliche Problem, mit dem gerade unsere Wälder aktuell zu kämpfen haben. Wer deren Situation realistisch einzuschätzen vermag, sieht aber in diesen Trockenzeiten nicht die künstlich gesetzten Pflänzchen als vorrangige Lösung, sondern die sich natürlich ansamenden Bäume, die immerhin rund 75 % der Jungwaldflächen in Bayern umfassen. Da machen sich die knapp 2 % durch die Förster zusätzlich eingebrachten Jungbäume doch eher sehr bescheiden aus. Das dafür aber aufgewendete Kostenvolumen von rund 1 Mrd Euro bis diese Bäume sicher angewachsen sind, wäre daher an anderer Stelle klimawirksam deutlich besser zu investieren!
Und es kommt erschwerend hinzu, dass diese natürlich angesamten Bäume alle sehr viel bessere Wurzelsysteme ausbilden als die mit dem dabei ausgelösten Pflanzschock in die Erde gesetzten Jungbäume aus Baumschulen. Gerade in Zeiten der massiven Klimaveränderung verfügen die sich natürlich ansamenden Jungbäume über sehr viele bessere Ausgangsvoraussetzungen, weil sie schnell und effizient mit ihren Feinwurzeln eine Verbindung zu den Mykorrhiza-Pilzsystemen eingehen. Diese stellen nämlich die Voraussetzung dafür dar, dass eine optimale Wasser- und Nährstoffversorgung – die wichtige Verbindung zwischen Boden und Pflanze – sichergestellt werden kann.
Erfahrungen mit Störereignissen, wie z.B. eine langanhaltende Trockenheit machen die hohe Effizienz der vielfach auch von Forstleuten weit unterschätzten Selbstregulation der Natur deutlich. Eine zukunftsfähige Ökonomie muss sich von den Wachstumsprinzipien der Natur leiten lassen, hat aber bereits Michael Succow – Träger des Alternativen Nobelpreises und der von-Carlowitz-Nachhaltigkeitsmedaille – angemahnt. Aber gerade in der Forstwirtschaft wird dennoch in großem Stil daran gezweifelt, dass ein sich selbst heilender Organismus Wald möglich sei. Dabei bieten die im Nationalpark Bayerischer Wald liegenden, mehrere tausend Hektar großen Borkenkäferflächen bereits ein überzeugendes Beispiel: dort dominieren heute in wieder in ökologisch stabilen Waldstruktuen u.a. Buche und Weißtanne, die sich ohne jegliche Unterstützung durch die Menschen natürlich eingefunden haben.


Und die „Einflüsterer“ von Staatministerin Michaela Kaniber täuschen sich auch in einer weiteren, ihr unterlegten Aussage über die europäische Wiederherstellungs-Verordnung, weil mit dieser angeblich das Einbringen von neuen Baumarten eingeschränkt und auf „starre Waldtypen“ gesetzt werde. Die Wiederherstellungs-Verordnung ist aber ein – gerade im Klimawandel – unerlässliches Instrument, um die biologische Vielfalt und damit Klimaresilienz zu stärken und zuvor zerstörte Ökosysteme wiederherzustellen. Gerade das sind ja u.a. die wertvollen Erfahrungen, welche die Wirtschaft aus dem Nationalpark Bayerischer Wald übernehmen könnte. Der Zusammenbruch der Fichtenbestände in den Hochlagen war damals ja kein Ergebnis des Borkenkäferbefalls, sondern der Verwendung ungeeigneter Fichten-Herkünfte sowie der Strukturarmut der Waldbestände zuzuordnen. Und genau wegen solcher Fälle war die EU-Wiederherstellungsverordnung so überfällig und wurde erst jüngst durch die Verleihung des Naturschutzpreises des Bundes Naturschutz an Leonore Gewessler, die damals maßgeblich beteiligte frühere Umweltministerin Österreichs entsprechend gewürdigt.

Der Irrweg, den die forstlichen Berater der Bayerischen Forstministerin mit auf den Weg geben, erkennt ganz offenkundig nicht die den EU-Mitgliedsstaaten auferlegte Verpflichtung, die von uns Menschen zerstörten bzw. degradierten Lebensräume wieder sukzessive zu renaturieren. Diese Verantwortung gegenüber kommenden Generationen hat aber die Wasserwirtschaft ganz offenkundig verstanden und engagiert sich nun erkennbar erfolgreich für eine Reparatur vieler von ihr früher veranlasster Gewässerbegradigungen und nun auch für den Rückhalt des Wassers in der Fläche. Diese nicht hoch genug einzuordnende neue Verantwortung im Sinne der EU-Wiederherstellungsverordnung bei der Wasserwirtschaft, muss leider bei einem Großteil der Ministerialbür-kratie im Hause der Staatsministerin Michaela Kaniber vergeblich gesucht werden. Denn diese EU-Vorgabe schränkt ja keine der jetzt überfälligen Waldumbau-Maßnahmen ein. Das sind neben dem Vorrang der natürlichen Wiederbewaldung, dem Erhalt eines feucht-kühlen Waldbinnenklimas vor allem das konsequente Setzen auf die bewährten standortheimischen Baumarten und das Vertrauen in deren epigenetisch zu erwartende Anpassung des Genpools an die veränderten Klimabedingungen. Der Blick auf die Erfahrungen in den entsprechenden Nationalparkflächen – nicht alleine im Bayerischen Wald – sowie weiterer verfügbarer Referenzflächen bietet gute Anschauungsbeispiele für nahezu alle Waldgesellschaften. Bayern braucht keine neuen Bäume, sehr wohl aber eine bessere Beratung der Fachministerin durch deren eigenes Haus.


DIETER POPP, Regionalberater

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