Wald schützen heißt von der Natur lernen

Wald-Lebensräume, nicht Einzel-Bäume zeigen den Waldzustand an


Der Zustand der Wälder in Deutschland – gerade auch hier in Altmühlfranken – befindet sich leider anders als offiziell proklamiert, in einem für die Gewährleistung der von ihm erwarteten Ökosystemleistungen bemerkenswert dramatischen Zustand. Seit 1984 wird durch die Bundesregierung alljährlich ein Waldzustandsbericht dokumentiert und veröffentlicht, bei dem am Kronenzustand – Verlichtung von Blättern und Nadeln – sowie der Zahl komplett abgestorbener Bäume auf dauerhaft eingerichteten Probeflächen, der Gesundheitszustand der Wälder in Abhängigkeit von den Niederschlagsmengen bewertet wird. Als Ergebnis des Zustandsberichts für 2025 hat nun Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer allerdings eine nur geringfügige Veränderung gegenüber dem Vorjahr festgestellt und daraus resultiert, dass sich der Zustand der Wälder insgesamt stabilisiert habe. Dies sei auch ein Erfolg der langjährigen Waldumbaumaßnahmen durch die Bereitstellung öffentlicher Mittel gewesen. Dabei legte der Politiker Wert auf die Bedeutung der Waldbewirtschaftung, denn „Wald schützen heißt Wald nutzen“.

Mit dieser Feststellung will Alois Rainer offenkundig vermitteln, dass ohne eine dauerhafte Holznutzung den Wäldern nicht bei dem zunächst durch waldbauliche Fehler und nun verstärkt durch die Klimaveränderungen – respektive Trockenheit und Schädlingsbefall – ausgelösten Stress geholfen werden kann. Er lässt dabei aber eine Aussage darüber offen, warum und in welchem Umfang gerade solche Waldflächen mit diesen veränderten Rahmenbedingungen deutlich besser umgehen können, in denen eine Holznutzung nie stattgefunden hat, die sich aber deswegen in einem ausgewogenen ökologischen Gleichgewicht befinden und keine Stresssymptome aufweisen. Um nicht missverstanden zu werden, es geht hier nicht um die Frage, ob eine Holznutzung der Wälder grundsätzlich oder in diesen Zeiten der Klimaveränderung noch möglich sein soll. Aber gerade vor diesem Hintergrund ist es gegenüber einer im Durchschnitt etwas weniger umfassend informierten Gesellschaft von zentraler Bedeutung, keine falschen Erwartungen zu wecken. Es ist vielmehr wichtig, mit abstrakten Zahlen und inhaltlich nachvollziehbaren Begriffen die Dimension des Problems für die Menschen erfassbar zu machen. Denn es ist ja die Natur selbst, die uns auch unter extremeren Wuchsbedingungen aufzeigt, wie sie den Wald baut. Dies praktiziert sie nun bereits seit etwas mehr als 10.000 Jahren mit großem Erfolg, während es eine geordnete Waldbewirtschaftung erst seit etwa 300 Jahren gibt. Aber genau in dieser Zeitspanne sind erst die großen waldbaulichen Fehler gemacht worden, die zu den instabilen Wäldern geführt haben, die jetzt nur noch sehr eingeschränkt auf die Herausforderungen der durch die Menschen ausgelösten Klimaveränderungen reagieren können

Bei der Abfassung des Waldzustandsbericht sind aber leider bisher einige zentrale Fragen der künftigen Waldentwicklung unberücksichtigt geblieben. Denn für die Zukunft des Waldes sind ja weniger die ggf. nicht mehr hundertprozentig vitalen Bestandsbäume von Bedeutung, sondern u.a. das genetische Potenzial des vorhandenen Saatguts. Während der oftmals bedauerliche Zustand vieler einzelner Altbäume auch vorangegangenen waldbaulichen Fehlern zuzuordnen ist und damit vermeidbar gewesen wäre – z.B viel zu licht gestellte Buchen – blieben solche Ursachen in den Waldzustandsberichten bisher weitgehend unerwähnt. Und andererseits vermittelt die Wissenschaft ja längst die Erkenntnis, dass sich die Bäume über epigenetische Prozesse bereits vielfältig den veränderten klimatischen Bedingungen anpassen.

Im Interesse einer zukunftsfähigen Waldentwicklung – unter bewusster Einbindung der Holznutzung – wäre es jedoch überfällig, wenn der alljährliche Waldzustandsbericht endlich auf der Grundlage all jener Parameter die tatsächliche Resilienz-Fähigkeit dieses Ökosystems zu dokumentieren versucht, die hierfür zwingend notwendig sind. Zwar sind die aktuell vorhandenen Bäume ein wichtiger Gradmesser, aber nicht alleine die hochwachsenden Bäume, sondern der gesamte Waldlebensraum mit seinen auch für die Holzverwertung weniger bedeutsamen Baumarten, mit all den anderen bodenbedeckenden Pflanzenarten, vor allem aber mit dem Boden und dessen hochkompliziertem, aber für das Wachstum und die Gesundheit aller darauf wachsenden Pflanzen wichtigen System von Pilzen, Bakterien und anderen Mikroorganismen müssen gleichgewichtig als Bewertungsgrundlage eingebunden werden. Und auch das künftige Potenzial des Genpools muss ebenfalls Bestandteil der Aussagen eines Zustandsberichts werden. Vor allem aber sind für einen realistischen Waldzustand auch Aussagen über das assimilierende Biomasse-Potenzial über alle Wuchsstockwerke hinweg – und keine einseitige Betrachtung des Kronenraums – eine zwingende Voraussetzung. Der Gradmesser der Bewertung müssen daher immer die am jeweiligen Standort denkbaren Optimal-Bedingungen einer natürlichen Waldentwicklung sein. Der Humusgehalt der Böden, die Speicherfähigkeit für Kohlenstoff oder die je Hektar vorhandene Biomasse – inklusive des gesamten Totholzes – sind ebenfalls wichtige Zeiger, welche mehr über den Waldzustand verraten als die bisher dafür selektiv ausgewählten Parameter.
Nur unter Einbindung all dieser Teile der Waldlebensgemeinschaft kann ein Zustandsbericht seriös aufgestellt werden und bietet damit eine skalierbare Zukunftsprognose.

Freilich würden bei einem Zustandsbericht über Waldlebensräume dann aber auch die Defizite des bisherigen waldbaulichen Handelns transparenter und der ggf. schlechte Dokumentationsgrad aus den Zustandsberichten könnte nicht mehr auf Klimaveränderungen – an denen wir aber ja ebenfalls die alleinige Verantwortung als Gesellschaft tragen – abgewälzt werden.

Es wird Zeit, dass die Bundesregierung sich endlich für einen Waldzustandsbericht einsetzt, der alle Defizite offenlegt und nicht weiterhin nur an der Oberfläche kratzt. Die rein baumorientierte Zustandsbewertung muss endlich einer umfassenden Lebensraumanalyse Platz machen, wenn der Gesellschaft nicht weiter über den Zustand ihrer Wälder Sand in die Augen gestreut werden soll.

DIETER POPP, Regionalberater

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