Zeit, Wertschätzung und Respekt im Angesicht des Todes

„19 Prozent aller Seniorinnen und Senioren sterben in einer Pflegeeinrichtung, ein Drittel davon bereits im ersten halben Jahr nach Einzug!“ Sabine Brantner von der Paula Kubitscheck-Vogel-Stiftung sprach vor kurzem in Theilenhofen sehr eindringlich von der Alltäglichkeit des Todes. Und von der Tendenz, dass immer mehr Menschen nicht Zuhause oder im Krankenhaus, sondern in einer Einrichtung sterben. Natürlich gehört der Tod zum Leben dazu, die Frage ist nur, wieviel Zeit sich Pflegekräfte für die Begleitung sterbender Menschen im Heim nehmen können. In der Regel nicht genug, denn der Pflegeschlüssel ist unerbittlich und drückt aufs Tempo. Und genau hier setzt die Münchner Stiftung an. Sie unterstützt seit 2018 gemeinsam mit dem Bayerischen Gesundheitsministerium das Projekt „Zeitintensive Betreuung im Pflegeheim am Lebensende“ (ZiB-P) in Alten- und Pflegeheimen. In rund 100 Einrichtungen wurde ZiB-P schon umgesetzt, seit kurzem gibt es auch zwei ZiB-P-Mitarbeiterinnen im Gunzenhäuser Burkhard-von-Seckendorff Heim. Das Ziel: Zeit, Wertschätzung und Respekt im Angesicht des Todes. Nun wurde das Projekt im Theilenhofener Mehrgenerationenhaus vorgestellt.
„Sich ohne Zeitdruck und in angenehmer Atmosphäre um sterbende Menschen kümmern zu dürfen, sollte eigentlich selbstverständlich sein“, so der Erste Bürgermeister der Stadt
Gunzenhausen, Matthias Hörr. „Die Realität in den Heimen sieht leider häufig anders aus. Daher bin ich froh, dass sich die Stiftung gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium großzügig engagiert und ein wichtiges palliatives Angebot möglich macht. Mein großer Dank gilt aber auch dem Hospizverein des Landkreises, der das Projekt angestoßen hat und koordiniert sowie den ZiB-P-Kräften, die diese wichtige und mitunter emotional belastende Tätigkeit ausüben.“
Im Rahmen des ZiB-P-Projekts werden pro Pflegekraft 40 Arbeitsstunden gefördert, zusätzliche Zeit muss von der jeweilige Pflegeeinrichtung finanziell getragen werden. In der Stadt Gunzenhausen ist dies für das Burkhard-von-Seckendorff Heim die Hospitalstiftung. Die Idee für das Projekt kam im Stiftungsausschuss und beim Einrichtungsleiter Stefan Kettler sehr gut an, daher werden auf freiwilliger Basis Kosten für weitere 10 Stunden übernommen. Das vorläufig auf ein Jahr terminierte Projekt darf sich damit nicht nur über eine moralische, sondern gleichzeitig über eine großzügige finanzielle Unterstützung freuen.
„Wir haben in die menschliche Würde investiert, denn in den nächsten zwölf Monaten können im Burkhard-von-Seckendorff Heim zwei Mitarbeiterinnen als sog. Palliative-Care-Fachkräfte tätig sein“, erklärt Stefan Kettler. „Mit Karin Elterlein und Ann Kathrin Gross hatten wir diese im Haus schnell gefunden. Die beiden absolvierten eine 160-stündige Ausbildung und sind nun neben ihrer Tätigkeit als Heim-Pflegekraft im Hospizdienst eingesetzt.“
Im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen wird das Projekt vom Hospizverein um den ehemaligen Intensivmediziner Dr. Hartmut Stark und die Trauerbegleiterin Sandra Meyer begleitet. Hier erhofft man sich eine Verstetigung des Projekts über die kommenden zwölf Monate hinaus. „Der Gedanke, sterbende Menschen dort versorgen zu können, wo sie sich befinden, hat etwas Tröstliches“, ergänzt Erster Bürgermeister Matthias Hörr. „Auch ich hoffe, dass wir das ZiB-P-Projekt verstetigt bekommen, denn wir verbessern damit die Abschiedskultur in unseren Heimen. Wichtig ist das nicht nur für die Sterbenden, sondern auch für die Angehörigen und für die Pflegekräfte. Wir begleiten auf dem schweren Weg des Lebewohlsagens.“
Versorgung braucht Zeit, denn Trauer hat keine festen Phasen. Zeit sorgt für Würde und Wertschätzung. Dazu wird eine fachliche Expertise eingebracht, die es ermöglicht, individuelle Situationen richtig zu deuten und Entscheidungen so zu treffen. Übergeordnetes Ziel ist, dass
sich die Lebensqualität für Sterbende in den letzten Momenten des Lebens verbessert. Die Unterstützung ist vielfältig und reicht von einfachen Sitzwachen und Gesprächen, über Hilfe bei der Nahrungsaufnahme bis zur Erfüllung besonderer Wünsche. „Wir möchten am Lebensende zudem unnötige Einweisungen in Krankenhäuser vermeiden. Außerdem sind Palliativ-Care-Kräfte ein wichtiges Bindeglied zwischen Ärzten, Angehörigen und Patienten“, ergänzt Einrichtungsleiter Stefan Kettler.
Projekte wie das ZiB-P sind ein Gewinn für Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige, das Pflegeteam und – da es feste Ansprechpartner in den Einrichtungen gibt – auch für die Ärzte. Wer mehr darüber erfahren will, der kann sich seine Fragen unter www.hospizdienst-af.de bzw. unter www.pkv-stiftung.de beantworten lassen. Das Burkhard-von-Seckendorff Heim ist online unter bvsh.gunzenhausen.de zu finden.