Testleser stellten Neuheiten vor

Kleiner Nachklapp zur Buchmesse in Leipzig

Tina Ellinger gehört zum Stamm der Vorleser in der Stadtbücherei. Foto: Babett Guthmann


Familienromane, Historisches und ein Thriller, der sprachlos macht – gut gelauntes Testlese-Team stellt im Frühjahrs-Literaturcafé in der Stadt- und Schulbücherei Gunzenhausen Neuheiten vom Buchmarkt vor. So manch brandaktuellen Lesetipp gab es vom 15-köpfigen Team des Literaturcafés in der Stadt- und Schulbücherei Gunzenhausen als kleiner Nachklapp zur Buchmesse in Leipzig.
Margret Thill hatte den Roman „Halbe Leben“ von Susanne Gregor ausgewählt. Das schmale Buch schildert die Situation der slowakischen Altenpflegerin Paulina und widmet sich der Frage, wie das Zusammenleben im Kontext von heimischer Pflege so gestaltet werden kann, dass man sich mit Respekt begegnet.
Auch in der von Hartmut Röhl vorgestellten Neuerscheinung „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras steht eine Frau im Mittelpunkt, die ihrer Familie die Heimat im Banat verlassen hat und nach Deutschland gekommen ist. Vio kommt jahrelang mit den Vorgaben der Familie gut zurecht: „Ankommen, sich anpassen und bloß alles richtig machten!“ Doch der Unfall ihrer Tochter verändert ihren Blick auf das angestrebte „schöne Leben“.
In ein entlegenes Dorf im Schwarzwald führt Hannah Häffners Generationenroman „Die Riesinnen“. Melena Renner begeisterte sich für die Lebensgeschichten von drei Außenseiterinnen, die nicht so recht ins Dorf passen, sich auch keineswegs anpassen wollen und doch bleiben.
Als „großer Erich-Kästner-Roman“ wird Tilman Röhrigs gut recherchierte Romanbiografie „Ohne Tabu explodiert die Welt“ beworben. Monika Wopperer weckte mit ihrer Sicht auf den Roman Interesse an den eng befreundeten „drei Erichs“, die man durch die Jahre 1927 bis 1945 begleitet: Erich Kästner und seine Freunde den Zeichner Erich Ohser, alias E.O. Plauen und den Schriftsteller Erich Knauf. Alle drei standen auf Goebbels schwarzer Liste.
Menschen in Schwellensituationen lernen die Leserinnen und Leser in Pascal Merciers Erzählungsband „Der Fluss der Zeit“ kennen. Hannah Krekeler empfahl diese Texte aus dem Nachlass des Schweizer Philosophen Peter Bieri, der seine fiktionalen Texte unter dem Pseudonym Mercier veröffentlichte. Fünf Geschichten behandeln große Frage um Würde, Abschiede, Erinnerung, Freundschaft und Selbstbestimmung.
Viel zu lachen, aber keine Leseempfehlung gab es bei Marion Hinderers Kritik an Stan Nadolnys Alterswerk „Herbstgeschichte“. Fürsorglich kümmern sich zwei ältere Herren um eine schöne, junge, hilfsbedürftige Frau. In vielen Feuilletons werden die komplexen Beziehungen zwischen den Protagonisten sehr ernst genommen, Marion Hinderer hat da eine etwas andere Sichtweise: Altmänner-Phantasie!
Ulrike Fischer hält Svenja Leibers Roman „Nelka“ auch wegen seiner mäandernden Erzählweise für einen besonderen Titel, der es auf die Nominierungsliste zum nächsten Deutschen Buchpreis schaffen kann. Erzählt wird die Geschichte von Nelka, die im damals ukrainischen Lemberg/Liwiw von der Straße weg entführt und als Zwangsarbeiterin nach Deutschland deportiert. Was sie auf einem norddeutschen Apfelgut erdulden muss, lässt sie ihr Leben lang nicht wirklich los und im Alter von 80 Jahren reist sie zurück, um den Gutsbesitzer noch einmal zu treffen.
Tina Ellinger bekennt sich auch bei dem diesjährigen Literaturcafé zu ihrer Liebe zum Meer. Ihre Empfehlung gilt Julia Kellys eindringlichem Debütroman „Das Geschenk des Meeres“. Ein Junge wird an den Strand einer kleinen schottischen Insel geschwemmt. Die Lehrerin Dorothy nimmt sich des Kindes an, der ihrem vor Jahren verschwundenen Sohn so ähnlichsieht. Alte Wunden reißen auf…
Viele kennen Cornelia Funke als Autorin von „Die wilden Hühner“ „Tintenherz“ oder „Herr der Diebe“. Nun hat sie mit „Das Pferd des Grafen“ Märchen aufgeschrieben. Hanna Abelein entführte das Publikum in eine Märchenwelt: Der verwöhnte und eitle Schimmel Namens Kranich wächst so behütet auf, dass er kurz dem Irrglauben verfällt, alles drehe sich nur um ihn und seine beneidenswerte Mähne, sein glänzendes Fell und seinen langen Schweif. Doch dann flattert ein Feenwesen in Kranichs Stall und bietet ihm ein Geschenk an, das er sich aber verdienen muss… Die Illustrationen kommen aus der Werkstatt der Puppenbauerin Sara-Kristin Richter, die zuerst die Figuren und die Szenerie anfertigt und anschließend fotografiert.
„Herzfluch“, einen Thriller von Andreas Gruber, hatte Christine Höller auf ihrer Auswahlliste und sie machte deutlich: das ist was für Leute mit starken Nerven! Das Ehepaar Elena und Peter Gerink, Privatdetektivin und BKA-Entführungsspezialist, ermitteln auf einer griechischen Insel. Sie suchen nach einer jungen Urlauberin, die zuletzt auf einer Party in Athen gesehen wurde. Vom Fortgang der Handlung verrät Christine Höller nur so viel: „Die Insel birgt ein Geheimnis, das einen sprachlos macht!“
Jannis Brühl, geboren in Nürnberg, ist einer der führenden Digital-Journalisten in Deutschland. In seinem neuesten Buch „Disruption“ nimmt er die Ideologie der Tech-Oligarchen unter die Lupe. Hubert Bauer hatte das Buch für das Literaturcafé ausgewählt und hält die Botschaft des Buches für topaktuell: Mit ihrer Marktmacht, ihrem Reichtum und ihrer Nähe zu Trump haben Peter Thiel, Mark Zuckerberg, Alex Karp und Marc Andreessen sich zu einer geopolitischen Macht aufgeschwungen. Hubert Bauer hat die Einschätzung des Autors zusammengefasst: Europa muss sich unabhängiger von den Tech-Konzernen machen.
Einen Flyer zu den 20 Buchtipps – auch die des Büchereiteams mit Carolin Föttinger, Nik Baumann, Ulrike Zatschker und Babett Guthmann – gibt es in der Stadt- und Schulbücherei Gunzenhausen.

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