Von der Archäologie bis zur Gegenwart

Das neue Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ ist erschienen

Vorsitzender Werner Falk (Mitte) stellte im Rathaus das 80. Jahrbuch von „Alt-Gunzenhausen“ dem Bürgermeister Karl-Heinz Fitz (rechts)vor. Zugleich dankte er dem langjährigen Schriftleiter Werner Mühlhäußer (links) für sein Engagement im Verein für Heimatkunde Gunzenhausen.   Foto: Manuel Grosser

Mit zwölf Beiträgen von zehn Autoren kann die neue Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“ aufwarten. Seit 25 Jahren erscheint die Publikation in einem Umfang von 250 bis 300 Seiten. Das ist beachtlich, wobei es natürlich nicht allein auf die Quantität ankommt, sondern vielmehr auf die Qualität der einzelnen Beiträge. Sie reichen von der Archäologie bis in die Gegenwart.

Bei aller Kontinuität, um die sich der Verein für Heimatkunde seit jeher bemüht, gibt es doch jüngst eine Zäsur: Werner Mühlhäußer geht als Stadtarchivar von Gunzenhausen in den Ruhestand gibt deshalb seine jahrelange Funktion als Schriftleiter der Publikation aufBei der Vorstellung des 80. Jahrbuches im Rathaus dankte Vorsitzender Werner Falk dem verdienstvollen Stadtarchivar und Schriftleiter für sein Engagement und äußerte die Erwartung, dass der bewährte Synergieeffekt auch in der Zukunft möglich sein wird.

Nur in wenigen Sätzen sollen an dieser Stelle die Beiträge vorgestellt werden. Das Jahrbuch mit seinen 286 Seiten ist ab sofort im örtlichen Buchhandel erhältlich (18 Euro). Das entspricht der Höhe des Jahresbeitrags, den der herausgebende Verein für Heimatkunde Gunzenhausen von seinen Mitgliedern erhebt.

Werner Somplatzki, der Kreisheimatpfleger für Archäologie,  widmet sich „Keltischen Fundplätzen an der Altmühl südlich von Gunzenhausen“ und zeigt auf, dass hier schon vor den Römern die Kelten von 450 v.Chr. bis 90  n.Chr. angesiedelt waren. Ein Beleg dafür ist die keltische Definition des Flußnamens „Alkmura“ (Altmühl) als „heiliges Gewässer“. Der Autor selbst hat in dreißig Jahren tausende von Scherben mit Verzierungen bei Windsfeld, Trommetsheim und Markt Berolzheim gefunden.

„Vom Adelsgarten zum Haus des Gastes“ reicht die Geschichte des 3,5 Hektar großen Geländes zwischen der Hensolt- und der Burgstallstraße. Eine Aufwertung zur „markgräflichen Hofhaltung“ erfahren die Privatgärten von Adelsfamilien nach dem Erwerb durch den Oberamtmann Ludwig von Zocha, aber ein markgräfliches Jagdschloss wurde daraus nicht. Das hat Autor und Stadtarchivar Werner Mühlhäußer immer wieder klargestellt und somit der jahrzehntelangen Legendenbildung widersprochen. Das  unter den alten Gunzenhäusern als „Casino“ bekannte Haus wurde bis 1939 von der bürgerlichen Oberschicht für gesellschaftliche Veranstaltungen genutzt bevor es vom Heilpraktiker Johann Reichardt erworben wurde. 1974 ging es an die Hospitalstiftung, seit 1982 ist es das „Haus des Gastes“ für repräsentative Veranstaltungen der Stadt.  

Wenig bekannt ist der Wissenschaft bisher Caspar von Blanckenstein, ein Schlesier, der Amtmann von Hohentrüdingen (1625-1633) war. Nach den Recherchen von Siglinde Buchner ist er zwischen 1580 und 1590 geboren worden. Als Eigentümer des Hofguts Butzenberg bei Berching taucht er  1615 auf. Der markgräfliche „wohl edle und getreue Herr“ Oberhofjägermeister nahm 1630 am 100jährigen Jubiläum der „Confessio Augustana“ teil. Sein Schwiegersohn übernahm alle Besitzungen. Er starb 1675 nach 35jähriger Amtszeit. Caspar von Blanckensteins Witwe heiratete indes den zweifachen Witwer Johann von Leubelfing, der 20 (!) Kinder mit in die Ehe brachte.  Als Besitzer des Guts Falbenthal wurde er in der Gruft der Wettelsheimer Martinskirche bestattet.

Wer weiß schon, dass der Schriftsteller und Lyriker Hans Magnus Enzensberger, der vor drei Jahren gestorben ist,  ein Schüler der Gunzenhäuser Oberrealschule war? Max Pfahler, Musikpädagoge am Simon-Marius-Gymnasium,  geht in seinem Beitrag „Aber sonst war da nicht viel…“ auf den jungen Enzensberger ein, der in den sechziger Jahren mit Günther Grass und Erich Kästner die deutsche Literatur prägte („Gruppe 47“).  1943 kam er als 14jähriger Sohn eines Reichsbahnbeamten in das militärisch sichere Wassertrüdingen, wo er mit Mutter und Bruder Christian im Schutz der Kleinstadt lebte.  Drei Jahre besuchte er  den Unterricht an der Oberrealschule u.a. als Schüler von Biologielehrer Dr. Heinrich Marzell, danach legte er am Gymnasium Nördlingen das Abitur ab.

„Fotografien erzählen Famliengeschichten“ – das ist der Titel einer Aussstellung in der Stadtbücherei. Werner Mühlhäußer und Babett Guthmann haben sie konzipiert und haben für das Jahrbuch gemeinsam einen Beitrag verfasst. Sie stützen sich auf den Bilderfundus des Stadtarchivs mit rund 17000, die zugleich ein Stück Zeitgeschichte darstellen. Sie verknüpfen damit 15 Familiengeschichten von der Jahrhundertwende bis in die dreißiger Jahre. Fotograf war in den meisten Fällen Georg Michael Fettinger, der das erste Fotoatelier unterhielt.

Werner Falk setzt die Reihe der „Gunzenhäuser Lebensbilder“ mit einem Porträt des Entsorgungs- und Städtereinigungsunternehmers Rudolf Ernst fort, der bis 2023 die größte Kutschensammlung Süddeutschlands besaß.  Ferner werden vorgestellt: der Textilunternehmer und langjährige Feuerwehrvorstand Friedrich Elterlein, der Druckereibesitzer Ludwig Tuffentsamer, der Gründer und langjährige Leiter des Boxclubs, Leo Engelhardt, der Metzgermeister und Gastwirt Alfred Eiden und die Gastwirtin Babette („Bobby“) Wons, die 87-jährig noch jeden Mittwoch am Stammtisch die Karten mischt.

„Ansichten vom alten Gunzenhausen“ – unter diesem Titel  stellt Georg Pfahler drei alte Geschäftshäuser am Marktplatz vor und dokumentiert damit die Veränderungen im Stadtbild. Er begibt sich damit in die Nachfolge seines Vaters, der in mehreren großformatigen Bänden das alte Gunzenhausen dokumentiert hat. Er skizziert die Geschichte der Häuser Marktplatz 50 (früher Kürschnerei Beck), Marktplatz 38 (Schürershäusla, heute Schuhhaus Bartl) sowie Marktplatz 27 (früher Claus Stelljes, heute S-Kultur).

Günter L. Niekel, der 36 Jahre evangelischer Pfarrer in Weiltingen am Hesselberg war und als Un-Ruhestandspfarrer in seiner Heimatgemeinde Muhr am See lebt, widmet sich den Kirchenausmalungen in den Kirchen des Dekanats Gunzenhausen. Die ältesten gotischen Fresken von 1135 befinden sich in der Pfofelder Martinskirche, auf 1473 sind die Malereien in der Haundorfer St. Wolfgangskirche datiert. Wie durch ein Wunder haben die Fesken den Ostheimer Kirchenbrand von 1986 überstanden. Wie der Chronist bedauert, sind viele Malereien bei „neuzeitlichen“ Renovierungen  verschwunden. Als „einmalig“ hingegen wertet er die Jugendstilmalereien in der Gundelsheimer Kirche, die sich dank des Einsatzes der Kirchengemeinde heute bestaunen lassen.

„Schlittenhart, ein Weiler mit bemerkenswerter Vergangenheit“ betitelt Siglinde Buchner ihren zweiten Beitrag, in dem sie mit wissenschaftlicher Akribie die Herrschaftsverhältnisse in dem kleinen Dorf aufzeichnet.  Schon 1143 wird der Ort genannt, aber der älteste urkundliche Nachweis stammt erst von 1249, und zwar ist er einer Urkunde des Klosters Walderbach (Diözese Regenburg) zu entnehmen. Genannt werden dort „Schlittenhart“ und „Windischschlittenhart“. Die Grundherren von Truhendingen erlaubten, dort „zu mauern, also mist furen, hewen undholczen“. Später gelingt der Ort an Ulrich von Rechenberg, der es an Ulrich von Muhr verkaufte. Die Autorin hebt hervor, dass sich die drei Schlittenharter Bauern Linhart Mayr, Jorg Hainrich und Hans  Stackelmuller aktiv am Bauernkrieg beteiligten.

Ein kirchengeschichtliches Thema behandelt Dr. Joachim Schnürle, Arzt am Sanatorium Hensoltshöhe: „Ein unscheinbares Pflänzlein mit weiter Verbreitung – die Gründung des Pfarrfrauengebetsbunds in Gunzenhausen“.  Das „kleine Senflein“ von 1913 gedieh als ein Forum für Glaubensfragen und erreichte landesweit bis zu  tausend Mitglieder. Heute gehören ihm noch 382 Pfarrfrauen an, aber das Konzept des Bundes gilt als überholt.

Vernarrte Nazis hat es überall schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegeben, so auch hierzulande. Dr. Daniel Schönwald, der „Friedrich Wißmüller, Lehrer und NS-Ortsgruppenleiter in Theilenhofen, und seine Verbindungen zu Frankenführer Julius Streicher“ vorstellt. Der gebürtige Theilenhöfer unterrichtete mit Streicher an der gleichen Nürnberger Schule und bewohnte mit ihm zwei Jahre  das  gleiche Haus. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte er als „manisch-depressiv“ zurück, 1926 wurde er an den Ort seiner Geburt versetzt, wo er sich in den Folgejahren recht aggressiv  als Anhänger Adolf Hitlers agierte. Sogar im „Stürmer“, der Schmähschrift Streichers, verbreitete er seine politische Radikalität. Mit 51 Jahren erhängte er sich. Streicher erschien zur Beerdigung 1939 und beschimpfte die Familie auf das Gröbste.

Zu Aufstieg und Niedergang der SPD in Gunzenhausen in den Jahren 1918 bis 1933 setzt Monika Wopperer (SPD-Stadträtin von 1996-2000 und 2014-2020)) ihren ersten Beitrag (veröffentlicht im Jahrbuch 78/202023)  fort.  „Der Feind steht rechts!“ betitelt sie ihren Beitrag, in dem sie tief in die Geschichtskiste greift, um deutlich zu machen, wie es nach dem Ersten Weltkrieg, der Inflation 1923, der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Parteienstreit in der Weimarer Republik  zur Macht der Nationalsozialisten kommen konnte. Bei der Landtagswahl 1919 hatte die SPD in der Stadt 33 Prozent erreicht, bei der Wahl zum Reichstag 35,5 Prozent. In demokratischen Wahlen äußerte sich immer stärker der Wille der Wähler nach stabilen Verhältnissen. Die NSDAP legte von Mal zu Mal zu, auch die „Eiserne Front“, ein Zusammenschluss von Reichsbanner, SPD, Gewerkschaften und freien Sportverbänden (Slogan: „Schluss mit dem Nazispuk“) konnte den Niedergang der Demokratie nicht mehr aufhalten. Bei der letzten Reichstagswahl im März 1933 kam die SPD auf gerade einmal 13 Prozent, etliche Mitglieder kamen ins Gefängnis oder landeten im KZ Dachau.

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