Auf der Spur des Nachtgiegers

Reise in die Welt der „Kleinen Leute“ von Gunzenhausen

Der Nachgieger ist unterwegs. Foto: Katrin Scheuerlein


Mit Einbruch der Dämmerung streicht er durch die Straßen und jagt unartige Kinder, die sich nicht rechtzeitig in die Häuser geflüchtet haben. Der Nachtgieger ist eine Schreckensgestalt, die Generationen fränkischer Buben und Mädchen das Fürchten lehrte. Vergleichbar mit dem Schwarzen Mann diente er als Angstmacher und manchem überfordertem Elternteil als Erziehungshilfe.

In der Stadt Gunzenhausen wurde der Nachtgieger in den letzten Jahrhunderten hauptsächlich im sog. Schwarzviertel gesichtet, also außerhalb der Stadtmauern, dort wo die „Kleinen Leute“ wohnten, also Handwerker, Tagelöhner und andere sozial Niedriggestellte. Mittlerweile ist der Nachtgiger im Ruhestand und arbeitet für die Stadt Gunzenhausen als Stadtführer. Das sagenumwobene Schwarzviertel lockt, wo einst der Goldmacher und Alchemist Johann Reichardt aufwuchs und wo sich über Jahrhunderte eine Parallelgesellschaft behauptete. Seien sie also gespannt und sichern Sie sich schnell ihren Platz, der erste Durchgang findet am 17. April 2026 statt.


Der Konkurrenzkampf zwischen Weiß- und Schwarzviertel in Gunzenhausen erinnert entfernt an den Plot des Stummfilmklassikers Metropolis. Auf der einen Seite die „Bessere Gesellschaft“, also die Höhergestellten, die innerhalb der Stadtmauer wohnten mit der Evangelischen Stadtkirche als geistiges Machtzentrum. Auf der dunklen Seite, also in der Unteren Vorstadt außerhalb der Umrandung Richtung Schießwasen, hausten dagegen die „Kleinen Leute“. Diese hatten abseits des Broterwerbs kaum Berührungspunkte mit den sozial Höhergestellten innerhalb der Mauer. Trotz gegenseitiger Abhängigkeit ging man sich aus dem Weg, das Schwarzviertel wurde selbstständig verwaltet und stellte einen eigenen Bürgermeister. Die einfachen Behausungen waren meist eingeschossig und hatten einen kleinen Gartenanteil zur Selbstversorgung. Heute stehen freilich nur noch wenige dieser alten Häuser, und diese haben überwiegend Lost-Place-Charakter.


Es gibt unzählige Geschichten über das Leben im Gunzenhäuser Schwarzviertel. Häufig wurde dort kriminelle Energie vermutet, was der Nachtgiger jedoch in Frage stellt. Dennoch wurde diese urbane Welt der „Kleinen Leute“ auf Distanz gehalten, was sich auch im verzögerten Anschluss an die städtische Stromversorgung zeigt. Erst vier Jahrzehnte nach dem Weißviertel leuchteten im Schwarzviertel die Glühbirnen. Auch spannend: In den 1920er-Jahren war das Schwarzviertel die Hochburg der Gunzenhäuser Kommunisten, daher wundert es nicht, dass die Nazis ein wachsames Auge auf die Bewohnerinnen und Bewohner hatten.


Es ist und bleibt mysteriös, dieses Schwarzviertel. Jahrhundertelang kämpften die Menschen einen existentiellen Kampf. Unser ruheloser Stadtführer Nachtgieger möchte endlich darüber sprechen und mit dem ein oder anderem Vorurteil ihm gegenüber aufräumen. Bleistifte gespitzt: Die neue Stadtführung trägt den Titel „Vom Weiß- ins Schwarzviertel“ und findet erstmals am 17. April 2026 um 20 Uhr statt. Treffpunkt ist an der Jakobs-Figur an der Evangelischen Stadtkirche.


Die Gunzenhäuser Nachtgieger-Führung wird zusätzlich am 5. Juni und am 7. August 2026 angeboten. Weiterführende Informationen zu den Gunzenhäuser Stadtführungen erhalten sie unter www.gunzenhausen.info.

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