Auf der Suche nach dem, was unser Land zusammenhält

Der Autor Hasnain Kazim hat mit dem Fahrrad das Land bereist, um mit den Menschen über ihr persönliches Befinden zu reden, aber auch zu erfahren, wie sie über die gesellschaftspolitische Situation in Deutschland fühlen und denken. Als Sohn indisch-pakistanischer Eltern, der in ordentlichen Verhältnissen in Deutschland groß geworden ist, studiert und beim „Spiegel“ journalistisch gearbeitet hat, ist es ihm darauf angekommen, in direkten Gesprächen und zufälligen Begegnungen zu hören, wie die Menschen das Leben in ihrer Umgebung bewerten. Was er wissen wollte: Woher kommt die schlechte Stimmung im Land? Wieso ist der Antisemitismus plötzlich wieder so laut zu vernehmen? Welche Faktoren bewirken Rechtsradikalität in einem Land, in dem es den allermeisten Menschen gut geht, in dem sie sagen können was sie wollen, mit dem sie eigentlich zufrieden sein müssten?
Viel wird über rechtsradikales Denken und Handeln in den östlichen Bundesländern geredet und geschrieben, wo sich viele Menschen abgehängt fühlen von der Gesellschaft und sie Gefallen daran finden, es „denen da oben“ zu zeigen. Die öffentliche Diskussion ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass sie in der Wendezeit mitunter Diskriminierungen im Westen erfahren mussten. Gar mancher Zeitgenosse der einstigen BRD wünscht sich die Übersiedler dorthin zurück, wo sie hergekommen sind. Diese Verletzungen bei den Ostdeutschen sitzen tief. Und sie haben bewirkt, dass sie sich heute revanchieren wollen indem sie den Parolen der AfD folgen und Autokraten wie Putin, Trump oder Erdogan bewundern. Dieser Prozess hält an und er wird sich nach Lage der Dinge noch verstärken, denn es ist zu erwarten, dass die AfD bei den kommenden Wahlen in den ostdeutschen Regionen hohe Ergebnisse einfährt, die den Demokraten Angst machen müssen.
Es sind aber nicht nur Ostdeutsche, die so denken und fühlen, sondern auch die Westdeutschen glauben, die anderen nehmen ihnen etwas weg. Beispiel Heilbronn: das Pro-Kopf-Einkommen ist dort am höchsten in Deutschland, was nicht nur an Dieter Schwarz und seinem Lidl-Konzern liegt, der hier seinen Sitz hat. Die Stadt und ihr Umland sind keine abgehängte Region. Hier gibt es die niedrigste Kriminalitätsrate Deutschlands und die Eltern müssen keine Kindergartengebühren zahlen. Für Rechtspopulisten dürfte es in so einem Umfeld nichts zu holen geben, aber weit gefehlt: die AfD-Resultate sind höher als im deutschen Durchschnitt. Und es kommt hinzu: die Rechtsextremen hatten hier schon immer ihre Hochburg (früher: Republikaner und NPD). Der Autor Hasnain Kazim folgert daraus: Selbst Wohlstand, Sicherheit, gute wirtschaftliche Entwicklung, gute Bildung, gute Infrastruktur können Unzufriedenheit und Ängste nicht verhindern und sind keine Garantie gegen extremistische Ansichten. Lidl und Audi könnten dicht machen ohne die Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte. „Es ist das Gefühl von Kontrollverlust, das viele Menschen umtreibt“, stellt Kazim fest. Vermisst werden von den Wählern im ganzen Land klare und nachvollziehbare Entscheidungen, die verständlich kommuniziert werden.
Die Medien sind längst zur Unterhaltungsindustrie verkommen. Ausnahmen gibt es, beispielsweise die „Nürnberger Nachrichten“ (also auch Altmühl-Bote, Weissenburger Tagblatt, Treuchtlinger Kurier), die seit exakt 80 Jahren die Fahne der Demokratie hoch halten. Kazim hat auf seiner Deutschlandtour den Eindruck gewonnen, dass die Menschen auf dem Land (und das sind prozentual die meisten) leben, ein anderes Gesellschaftsbild haben als die meisten Medien wiedergeben.
WERNER FALK
„Deutschlandtour“, 352 Seiten, Penguin-