Der „Bahnhof“ ist gelungenes Bauwerk

Vor 11 Jahren ist das Projekt von Dr. Werner Winter initiiert worden

Fußgänger und Radfahrer kommen bequem an den Bahnhalt heran. Für die Fahrgäste aus Unterwurmbach und den umgebenden Ortsteilen gibt es auch genügend Pkw-Parkplätze. Foto: W. Falk

1,3 Millionen Euro hat der „Bahnhalt“ – so die offizielle Bezeichnung – in Unterwurmbach  gekostet. Das ist viel Geld, das von der Stadt ausgegeben wird. Mit enthalten ist im Projekt der Bahndurchstich, der den Unterwurmbacher von jeher besonders wichtig war, denn er stellt eine  Verbindung von Siedlung und Altdorf her.

Bürgermeister Karl-Heinz Fitz ging auf die lange Vorgeschichte ein und verteidigte das finanzielle Engagement der Stadt hinsichtlich des rund 500000 Euro teuren Durchstichs. Er dankte allen, die sich auf der zeitlich so langen Strecke engagierten.

Die Ortssprecherin Bianca Bauer hatte mit den örtlichen Vereinen die Einweihungsfeier organisiert. Sie konnte dazu auch Vertreter der Bahn begrüßen, daneben viele Gäste, die sich diesen „denkwürdigen“ Tag nicht entgehen lassen wollte.  Bei Bier und Weißwürsten erlebten die Gäste den Kerwasamstag in Unterwurmbach in diesem Jahr auf neue Art. Der Posaunenchor war dabei und Pfarrer Thomas Schwab gab dem bis auf einige Kleinigkeiten fertiggestellten Projekt den kirchlichen Segen.

Tatsächlich sind es 11 Jahre her, dass der Unterwurmbacher Stadtrat und Ortssprecher Dr. Werner Winter einen „Bahnhof“ angeregt hat. Er war deshalb glücklich, diesen Tag mitfeiern zu können. Um das ganze Projekt darzustellen, griff er weit zurück in die Geschichte der Bahn und er zog dabei einen – mitunter schmunzelnden – Vergleich zum Bahnbau vor vielen Jahrzehnten:


Zunächst die Vorgeschichte dieser Eisenbahnstrecke:
In München feierte man 1810 das erste Oktoberfest. Es gab noch keine Eisenbahn!
Zehn Jahre später (1820) fuhr in England eine mit einer Dampflokomotive betriebene Eisenbahn.
Diese Nachrichten aus England über die Planung von Eisenbahnen erregten in Deutschland großes Aufsehen. Auch in Bayern, wo die Chaussee zwischen Nürnberg und Fürth die am meisten frequentierte Straßenverbindung im Königreich war, wurden diese Nachrichten beachtet.
Die Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft mit Sitz in Nürnberg erhielt 1834 die Konzession zum Bau einer Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth.
Der Dampfwagen, bekannt als „Adler“; kam aus England, verpackt in 19 Kisten und in über 100 Einzelteile zerlegt und wurde nach Rotterdam verschifft.
Die 1500 Kilometer lange Reise von Newcastle in England nach Nürnberg zuerst per Segelschiff, dann mit dem Lastkahn und schließlich auf Fuhrwerken dauerte fast neun Wochen.
Die Eröffnungsfahrt fand am 7. Dezember 1835 statt!
Im Jahr 1841 wurde die Königliche Eisenbahnbau-Kommission zu Nürnberg gegründet. Diese sollte den Bau einer Eisenbahnstrecke von Lindau über Augsburg und Nürnberg nach Hof organisieren:
die sog. „Ludwig-Süd-Nord-Bahn“ mit 548 Kilometer Länge.
Der Bau erfolge zwischen 1844 bis 1854.
Bevor der Bauabschnitt Oettingen-Gunzenhausen am 20. August 1849 eröffnet werden konnte, dürfte der Teilabschnitt Cronheim-Gunzenhausen eine „Großbaustelle“ gewesen sein.
Es musste das Altmühltal und das Wurmbachtal überquert werden um die höchste Stelle bei Cronheim zu erreichen. Für die Brücken stand nur das Material „Stein“ zur Verfügung, da es für Stahlbrücken wieder den entsprechenden Stahl noch die entsprechenden Berechnungsmethoden gab.
Für eine Bandstrecke von ca. 3,5 km musste entsprechenden wertvolles Ackerland zur Verfügung gestellt werden, abgeschätzt ca. 14 ha. Um die Bahndämme aufzuschütten, brauchte man auch entsprechende Schüttgut, dass man im naheliegenden Ackerland abgrub. Nach einer groben Abschätzung kommt man auf weitere 10 ha Ackerland. Es mussten vermutlich bis zu 1 Million Tonnen Erdaushub bewegt werden, jedoch nicht mit Maschinen, sondern durch reine Handarbeit mit Bickel und Spaten. Man arbeitet zwischen 12 und 14 Stunden am Tag, 6 Tage in der Woche!
Wie sah das für Unterwurmbach aus?
Das Dorf selbst erstreckte sich nach Norden der heutigen Hauptstraße und hatte eine Siedlungsfläche von ca. 7 ha (heute ca. 50 ha!). Zwischen Hauptstraße und Dorf befand sich 100 m breiter Grünstreifen. An der Hauptstraße selbst gab es im Wesentlichen nur die Kirche, eine Gastwirtschaft und eine Schmiede!
Bei ca. 60 Liegenschaften dürfte die Zahl der Einwohner vermutlich unter 500 Einwohner gelegen haben.
Nach Gunzenhausen führte eine gerade Verbindung mit Baumallee.
Mit dem Bau der Bahnlinie musste diese Verbindungstraße verlegt und mit einer Brücke überbrückt werden. Die Zugänge zu den südlichen Liegenschaften des Dorfes wurden über eine Bahnüberführung, einem nicht beschränkten Übergang am Friedhof und einen beschrankten Bahnübergang für die Handelsstraße von Nördlingen nach Nürnberg erhalten.
Über ein Jahrhundert fuhren die Züge an Unterwurmbach vorbei!
(Adam Sessler, genannt „Abber“: Erzählung!)
Ende des Zweiten Weltkrieges sprengte ein deutsches Sprengkommando das Viadukt über den Wurmbach und ebenfalls den Übergang an der Staatsstraße.
Als die Amerikaner von Norden vorrückten, wurde ein Unterwurmbacher Landwirt gezwungen mit seinem Pferd ein Geschütz über den unbeschränkten Bahnübergang am Friedhof ziehen, was im leider das Leben kostete!
In den Nachkriegsjahren wurde über die Bahnüberführung und den unbeschränkten Bahnübergang am Friedhof auch die Siedlung erschlossen.
Auf Drängen der Deutschen Bahn wurde der unbeschränkte Bahnübergang aufgelassen und für Fußgänger mit einem Drehkreuz versehen, wobei dieses im Jahr 1965 ebenfalls aufgelassen wurde.
Im Jahr 1965 schrieb der damalige Bürgermeister an die Deutsche Bahn:
„Nachdem die Gemeinde der Bundesbahn bei der Auflassung des Bahnüberganges am Friedhof großzügig entgegenkam, auch die Beseitigung des Fußgängerübergangs dulden musste, wäre es für die Gemeinde ein Entgegenkommen von Seiten der Bundesbahn, wenn dieselbe ein Tunnel wie gewünscht errichten würde.“
Dieser Brief blieb ohne Erfolg!
Im 1983 gab es eine Unterschriftenaktion mit über 180 Unterschriften für einen „Durchstich“, auch ohne Erfolg!
1985 wurde der Schienenpersonennahverkehr von der Deutschen Bundesbahn eingestellt, der Schienengüterverkehr blieb bis 1995 aufrechterhalten.
1999 pachtete die BayernBahn GmbH den Abschnitt Gunzenhausen – Wassertrüdingen von der DB AG.
2003 konnte der Museumsbetrieb und seit 2004 auch der Schienengüterverkehr, wieder aufgenommen werden.
Auf Drängen des Landkreises Ansbach gab es im Jahr 2013 eine Machbarkeitsstudie
„Untersuchung einer möglichen Reaktivierung der Hesselbergbahn“
Ergebnis:
Nachfrageprognose verfehlt den Schwellenwert um 9 %!
Eine ergänzende Untersuchung führte mit einer sehr günstigeren Entwicklungsprognose auf ein höheres Potenzial.
24.10.2014: In dieser Bürgerversammlung erfuhren die Bürgerinnen und Bürgern,
von Unterwurmbach, dass es mit der Reaktivierung der Hesselbergbahn,
einen „Bahnhof“ geben soll.
Zur Diskussion für den Standort stand der Bahnübergang an der alten
Gnotzheimer Straße und am Schützenhaus!
25.10.2014: Begehung der Haltepunkte
Ergebnis:
Die Stadt Gunzenhausen, der VGN und die BEG sprechen sich für den Standort am Schützenhaus aus. Es wird aber darauf hingewiesen, dass mit Mehrkosten zu rechnen sei.
19.11.2014: Schreiben von Stadtrat und Ortssprecher Dr. Werner Winter an die
Stadtverwaltung mit der Forderung den Haltepunkt in Ortsmitte zu
verlegen und endlich auch den sog. „Durchstich“ zu verwirklichen!
08.11.2021: In dieser Bürgerversammlung wurden die drei Varianten für den Haltepunkt Unterwurmbach durch die Verwaltung vorgestellt.
Einige Bürger sahen die Haltestelle Unterwurmbach als nicht notwendig an! Andere hatten Einwände wegen der möglichen Lärmbelästigung durch die Bahnlinie.
Stadtrat und Ortssprecher Dr. Werner Winter wies nochmals darauf hin, dass sich nur mit der Haltestelle in Ortsmitte auch der seit Jahrzehnten geplante Durchstich verwirklichen ließe. Man sollte endlich diese Chance nutzen und das Altdorf mit der Siedlung verbinden!
27.09.2022: Beschluss des Stadtrates
Neubau Bahn-Haltepunkt mit Parkplatz und Zufahrt in Unterwurmbach
und „Durchstich“ in Ortsmitte
Alle sprechen von einer „historische Chance“ für Unterwurmbach!
15.02.2024: Im Rahmen von Haushaltseinsparungen fordern Mitglieder des
Stadtrates einen Verzicht auf den „Durchstich“ in Unterwurmbach
19.02.2024: Dokumentation zur Haltestelle ohne „Durchstich“ von
Ortssprecher Dr. W. Winter an die Mitglieder des Stadtrates
Es wäre ein „Schildbürgerstreich“: Man baut einen Haltepunkt und keiner wird ihn nutzen!
11.03.2024: Beschluss im Ausschuss für Bauangelegenheit, Stadtentwicklung
und Umwelt: Haushalt 2024:
Die erforderlichen Mittel in Höhe von 1.14 Milliomen werden zur
Verfügung gestellt!
01.09. 2024: Die Bauarbeiten für den Haltepunkt beginnen!
15.12.2024 Es hält nach 175 Jahren der erste Zug am Haltepunkt Unterwurmbach
Aug. 2025: Fertigstellung des Haltepunktes Unterwurmbach mit „Durchstich“
nach 60 Jahren.
Letztendlich konnten Stadtrat, VGN und die BEG überzeugt werden, den Haltepunkt in Ortsmitte einschließlich einem Durchstich zu verlegen.
Sollten eines Tages Züge nach Nürnberg und zurück durchgängig fahren (was technisch möglich ist!), werden die nachfolgenden Generationen vielleicht dankbar für diesen Weitblick sein.
Nicht nur für den Stadtteil Unterwurmbach ist es allemal ein Gewinn endlich von der Siedlung ins Altdorf zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren zu können!

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