Landwirte nicht an den Pranger stellen

Mündige Verbraucher und Landwirte sind Partner

Der zunehmend lautstärker in der Öffentlichkeit ausgetragene Streit über die Deutungshoheit bei der Erzeugung von Lebensmitteln wird völlig an den Realitäten vorbei und vor allem alleine auf dem Rücken der Bauern ausgetragen. Das zeigte einmal mehr die Diskussion um die Landwirtschaft im Umweltausschuss des Kreistags Weißenburg-Gunzenhausen. Stattdessen sollten die an diesem Thema interessierten Organisationen und Akteure endlich einmal den richtigen Adressaten der Probleme von Landspekulation, Bodenzerstörung, Lebensmittel-verunreinigung und Nahrungsmittelerzeugung in das öffentliche Bewusstsein stellen, empfiehlt Dieter Popp von Slow Food Altmühlfranken. Und dies sind in erster Linie wir alle als Konsumenten, solange wir nicht bereit sind faire Preise für Leistungen zu erbringen, die von den Bauern seit Jahrzehnten kontinuierlich vorgehalten werden. Ganz abgesehen von den ständig weiter wachsenden Anforderungen des Handels an die Bauern.

Regionalberater Dieter Popp

Slow Food Altmühlfranken liegt sehr daran, dass trotz etlicher in Teilbereichen bestehender Differenzen Landwirte, handwerkliche Verarbeiter und Verbraucher erkennen, dass sie voneinander abhängig sind und nur mit einer gemeinsamen Strategie dabei alle  gewinnen können. Funktionierende Verbraucher-Erzeuger-Kooperationen wie „Unser Land“ um München, Juradistel in der Oberpfalz oder die Schwäbisch-Hällische Erzeugergemeinschaft machen bereits sehr eindrucksvoll transparent, dass sich die Interessen dieser drei Gruppierungen ergänzen können. Warum aber funktionieren solche gemeinsame Initiativen nicht überall, mit fairen Preisen für die Erzeuger, mit Wertschätzung handwerklicher Qualitätsarbeit und dennoch mit gesunden und geschmacklich überzeugenden Lebensmitteln?
Eine Gesellschaft, die den Landwirten den Einsatz von Pestiziden, Insektiziden oder Fungiziden lautstrak vorhält, die kein Interesse an den Rahmenbedingungen von Importfuttermitteln aus der Dritten Welt zeigt bzw. die Bauern in ihrem täglichen Kampf um immer dramatischere Bodenverluste alleine lässt, macht sich unglaubwürdig!. Zumal dann, wenn sie sich selbst ständig mit Schnäppchenangeboten an Fleisch, Milchprodukten, Aufbackwaren und Obst anonymer Herkunft eindeckt. Eine solche Gesellschaft  macht sich genau an diesen lauthals beklagten Intensivierungen der Nahrungsmittelproduktion entscheidend mitschuldig!

Nicht wenige Verbraucher lassen sich täglich von einem aggressiv-marktschreierischen Marketing verführen, bei dem Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinander liegen. So benutzen eine Vielzahl von Lebensmittel-Verpackungen heute eine Bildsprache, die von einer idealisierenden bäuerlichen Erzeugung ausgeht. Diese visualisierten „Fake-News“  entsprechen aber in keiner Weise den Realitäten des globalen Markts der Nahrungsmittelbranche.

In Deutschland werden gerade einmal 12 % des haushaltsverfügbaren Budgets für Lebensmittel – immerhin für Mittel zum Leben – ausgegeben. Aber unsere Freizeitaktivitäten sind uns nahezu doppelt so viel wert! Es gibt Länder in Europa, wo Lebensmittel eine höhere Wertigkeit besitzen als die Attribute des Freizeitmarkts. Ein solches Wertgefühl sollten wir als Gesellschaft gemeinsam mit unseren Bauern anstreben.

Wer nicht bereit ist, beim Bauern, beim Metzger oder beim Bäcker faire Preise zu zahlen und nicht sofort nach jedem Schnäppchen schielt bzw. dieses sogar aggressiv einfordert, hat auch das Recht verwirkt, Forderungen nach einer umweltbewussteren Landwirtschaft zu stellen. Es wird höchste Zeit für eine Allianz der „anständigen Konsumenten“, die erst vor der eigenen Haustüre kehren, ehe Forderungen an Dritte erhoben werden.

Slow Food Altmühlfranken, Dieter Popp, 91729 Haundorf, Vogelherdweg 1altmuehlfranken@slowfood.de, Tel. 09837-975708

2 Thoughts on “Landwirte nicht an den Pranger stellen

  1. Bravo, für diesen ehrlichen und hoffentlich zum Nachdenken anregender Artikel.
    Möge er zum Umdenken anregen, denn so kann es nicht weitergehen.
    Leben und leben lassen, muss unsere Zukunft sein.
    Die Aufgabe von landwirtschaftlichen Betrieben, sowie von mittelständischen Bäckereien und Metzgereien, weil sie nicht mehr überlebensfähig sind, muss uns aufhorchen lassen.
    Wir müssen alles dafür tun, damit die Betriebe lebensfähige Rahmenbedingungen erhalten.
    Zum Wohle der gesamten Bevölkerung.

  2. Heinz Rahm on 24. Februar 2018 at 12:29 said:

    Ich bin auf einem Bauernhof in der Oberpfalz aufgewachsen, und die Lebensmittel, die damals in den fünfziger und sechziger Jahren von einem Hof kamen, waren zu einem sehr hohen Prozentsatz „bio“ und sehr gut! Meiner Vor-Kommentatorin, Frau Gruber, kann ich nur voll und ganz zustimmen. In einem Land wie dem unseren müsste es doch möglich sein, umzusteuern. Die gegenwärtige Entwicklung ist katastrophal. Aber leider gibt es immer mehr Leute, die sich gute Lebensmittel einfach nicht mehr leisten können, einfach beschämend. Viele meiner ausländischen Freunde glauben immer noch an das alte Klischee, dass „die Deutschen“ im Geld schwimmen. Es kostet Mühe, ihnen das auszureden. Und da schockiert es mich auch, dass viele Leute mit dicken „Panzern“ auf den Discounterparkplatz fahren und dort das billigste Zeug kaufen. Man muss ja „sparen“! In was für einer absurden Gesellschaft leben wir denn?

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